03.05.2019 - 09:47 Uhr
AmbergOberpfalz

Im Schatten der Glaskathedrale: Rosenthals Werkswohnhäuser von Architekt Gropius

Es ist das Bauhaus-Jahr, das bereits für das eine oder andere Aha-Erlebnis gesorgt hat, weshalb auch Amberg etwas von diesem Bohei abbekommt. Ein lange kaum beachtetes Industriedenkmal kam so zu der ihm gebührenden Aufmerksamkeit. Aber da war doch noch was.

Die markante, bauhaus-typische Linienführung und Proportionierung des Mehrfamilienhauses sticht sofort ins Auge.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Nur wenige Meter - man kann getrost von einem Steinwurf weit sprechen - von Walter Gropius' (1883 bis 1969) letztem Bauwerk entfernt, stehen zwei Mehrfamilienhäuser. Nicht gerade die beste Lage angesichts einer industriellen Kristallglas-Produktion in unmittelbarer Nachbarschaft, doch Werkswohnungen im besten Sinne. Sie waren sogar früher da, als die momentan so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehende Glaskathedrale. Und auch die beiden Wohnhäuser manifestieren, wie eine bestimmte soziale Haltung zu Architektur wird.

Amberg

Die zwei klar konturierten, dreigeschossigen Flachdach-Quader Rosenthalstraße 14 und 16, früher Bergsteig 48 und 50, weisen insgesamt zwölf Wohnungen auf. Auch sie sind das Ergebnis einer offensichtlich anregenden Geistesverwandtschaft und freundschaftlicher Bekanntschaft zweier Männer mit völlig unterschiedlichem gesellschaftlichen und biografischen Hintergrund: Gropius und Philip Rosenthal (1916 bis 2001). Der eine Bauhausgründer, Architekt und Exilant, der andere Exilant, Industrieller und SPD-Politiker. Ihre Gemeinsamkeiten in Fragen der gesellschaftlichen und politischen Haltung äußern sich nicht zuletzt ästhetisch. Fragen von Form und Inhalt eben.

Die Assoziation

Die Amberger hatten dieses vielschichtige Problem redensartlich für die neue großindustrielle Kristallglasbläserei, die 1970 fertiggestellt wurde, schnell gelöst. Gropius' letzter Bau hieß bald Glaskathedrale. Dabei ist es geblieben. Ebenso bei der inzwischen weitgehend automatisierten Produktion hochwertiger Tafelgläser. Die Kathedralen-Assoziation geht auf die satteldachförmige, mit Licht- und Lüftungsbändern durchzogene Grundkonstruktion der voluminösen Fertigungsstätte zurück. Sie sollte den Glasbläsern die Arbeit an den Schmelzöfen möglichst erträglich machen. Es wird spekuliert, dass eine Ägypten-Reise und der Besuch der Pyramiden von Gizeh den Bauhaus-Gründer bei der Formgebung inspiriert habe.

Ein Plan des Grundrisses der Mietwohnungen. Auffällig ist die planerische Symmetrie und auch die obligatorische Wanddurchreiche von der Küche zum Esstisch fehlt nicht.

Rosenthal setzte in seinem Unternehmen selbst Maßstäbe als Designer, was offenbar seine Ansprüche an nicht nur zweckmäßige, sondern auch ästhetische Formgebungen begründete. Gropius war Mitte bis Ende der 1960er Jahre so etwas wie sein Hausarchitekt geworden. In dieser Hinsicht machte der Industrielle keinen Unterschied zwischen den beiden Produktions-Standorten Selb in Oberfranken und Amberg. Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Brief vom 16. Mai 1966 an Gropius in Cambridge 38, Massachusetts/USA, wo der Bauhaus-Gründer nach seiner Emigration 1934 über England ab 1937 an der Harvard University lehrte und eine Art Büro-Genossenschaft unterhielt.

Außenfassade gemäß der zur Genehmigung eingereichten Pläne mit der Unterschrift von Architekt Walter Gropius.

Seitens Rosenthal führte der damalige Technische Leiter des Unternehmens, Reinhold Lerch, die Korrespondenz. Er hob in diesem Schreiben hervor, dass "Herr Rosenthal (...) seit der Ausführung des Bauentwurfes für unsere Selber Fabrik (...) in bezug auf die Architektur sehr anspruchsvoll geworden ist". Das Unternehmen plane nun "kurzfristig" für die Standorte Selb und Amberg Werkswohnungen. "Herr Rosenthal wünscht, daß diese Wohnhäuser einen besonderen architektonischen Akzent erhalten, so daß wir Sie höflich bitten möchten, den Auftrag für die Erstellung des Entwurfes für den Grundtyp eines ,Rosenthal-Wohnhauses' anzunehmen."

Als Modell-Typ geplant

Erste Eckdaten wurden gleich mitgeliefert, "entsprechend dem Verwendungszweck und den finanziellen Aufwendungen". Demnach soll das "Rosenthal-Wohnhaus" einen Keller, vier Wohngeschosse und einen Wäscheboden erhalten und je Geschoss eine Drei- sowie eine Vier-Zimmer-Wohnung umfassen. Diesen Brief haben unter anderem Ambergs Kulturreferent Wolfgang Dersch und Baureferent Markus Kühne bei einer Dienstreise in die USA im Massachusetts Institute of Technology (MIT) aufgestöbert.

Kulturreferent Wolfgang Dersch gerät noch heute ins Schwärmen, was es alles im Archiv des Massachusetts Institute of Technology (MIT) über Walter Gropius und dessen Bezüge zu Amberg wohl zu entdecken gäbe.

Über die noch lebende langjährige rechte Hand von Gropius, Alexander Cvijanovic (geb. 1923), bekamen sie Zugang zum Nachlass des Bauhausgründers, als sie sich 2016 im Vorfeld des Jubiläumsjahres auf die Spurensuche nach den Bezügen zu Amberg gemacht hatten. Der Briefwechsel in Sachen Rosenthal-Werkswohnungen förderte auch eine Anekdote zutage, mit welchen Finessen Gropius um Stiltreue kämpfte.

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Obwohl in dem Eckpunkte-Brief Lerch darauf verwies, dass "seitens der Baubehörden (...) uns in bezug auf die Dachausführung keine Vorschriften gemacht" würden, war darin indirekt ein Giebeldach definiert, da ein Wäscheboden zur Auflage gemacht wurde. Doch Giebeldach und Bauhaus-Architektur, das mag nie und nimmer zusammengehen. Deshalb kam aus den USA der Vorschlag, "ob statt eines Wäsche-Trockenraumes elektrische Wäsche-Trockner in die Wohnungen eingebaut werden sollten". Um die Mitte der 1960er Jahre waren diese Haushaltsgeräte offenbar schon auf dem Markt. Rosenthal ging also auf die Suche, wurde fündig und machte schließlich folgende Rechnung auf: "Auf jeden Fall dürfte (...) die Anschaffung von Wäsche-Trocknern je Wohnung billiger sein als bei einem Flachdach-Bau der Ausbau eines entsprechenden Raumes zum Wäschetrocknen." Der nötige Platz sollte deshalb bei der Planung der Küchen und Bäder einkalkuliert werden.

Rosenthal redet mit

Es fällt auf, dass Rosenthal mit sehr konkreten Vorstellungen beispielsweise hinsichtlich der Raumaufteilung und des Raumangebots der Werkswohnungen an Gropius herantrat und sogar um Farbvorschläge bat, "die dann evtl. auch die Namensgebung des betreffenden Hauses symbolisiert, z.B. ,rotes Haus', ,blaues Haus' usw.". Kalkuliert werden die Baukosten mit einem Kubikmeterpreis zwischen 120 und 140 D-Mark. Auch das eine Vorgabe des Bauherrn. Über das Archiv der städtischen Bauverwaltung lässt sich das Genehmigungsverfahren der beiden Gropius-Mehrfamilienhäuser noch detailliert nachvollziehen. Allerdings nicht die lokalpolitische Diskussion, sollte es überhaupt eine gegeben haben in dem Bewusstsein, dass hier ein aus dem Nazi-Deutschland vertriebener Architekt von Weltruhm in der bayerischen Provinz etwas umsetzt, was ihn einst zum Exilanten gemacht hatte.

Das Deckblatt der eingereichten Genehmigungsunterlagen mit einer für Architekten typischen Handschrift. Sie dürfte nicht von Walter Gropius stammen. Ungewöhnlich ist, dass das Verfahren beim Landratsamt Amberg (siehe Stempel oben) geführt wurde, obwohl die beiden Häuser auf Grundstücken im Stadtgebiet gebaut wurden.

Nicht schlüssig geklärt werden konnte bisher, weshalb das Baugenehmigungsverfahren, das der Bauherr Rosenthal-Sozialwerk e.V. für den "Neubau von Werkswohnungen" am 25. September 1967 beantragt hatte, vom Kreisbauamt Amberg bearbeitet wurde. Denn die Grundstücke, die laut der Unterlagen der Gemarkung Gärmersdorf Bergsteig zugeschrieben wurden, lagen auf städtischem, nicht Landkreis-Gebiet. In dem im Stadtarchiv verwahrten Beschlussbüchern des Amberger Stadtrates fand sich jedenfalls in den infrage kommenden Jahren kein Hinweis darauf, dass sich der Bauausschuss oder das Plenum mit dem Werkswohnungs-Projekt von Rosenthal befasst hätten.

Stadtbau Eigentümer

Heute gehören die beiden Mehrfamilienhäuser der kommunalen Stadtbau. Ihr Geschäftsführer Maximilian Hahn macht kein Aufhebens darüber, Eigentümer zweier Mehrfamilienhäuser aus der planerischen Feder eines Architekten mit Weltruhm zu sein. Im Gegensatz zu dem benachbarten Industriebau der Kristallglashütte stehen diese beiden Bauten auch nicht unter Denkmalschutz.

Typ "Rosenthal-Wohnhaus":

Philip Rosenthal (1916 bis 2001) machte als Erbe der namhaften väterlichen Porzellanfabrikation im Nachkriegsdeutschland mehrfach Furore. Als sozialdemokratisch gesinnter Industrieller und Politiker (Bundestagsabgeordneter von 1969 bis 1983) führte er 1963 als erster deutscher Unternehmer ein Beteiligungssystem für Arbeitnehmer am Produktivkapital ein.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund plante er unter anderem eine Art Werkswohnungs-Siedlung ursprünglich für Beschäftigte in Selb. Er wollte deshalb von Walter Gropius einen variablen Musterentwurf für Zwei-, Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, die auch seinen hohen architektonischen Ansprüchen entsprechen sollten. In Selb wurde nichts daraus, aber ansatzweise in Amberg. Das wird aus den im Archiv der hiesigen Bauverwaltung verwahrten Genehmigungsunterlagen deutlich. Mehrfach verwiesen sie darauf, dass beispielsweise bereits für das Vorhaben in Selb angestellte statische Berechnungen übernommen werden könnten. Auch hier sollte es nicht bei den zwei realisierten Sechs-Familien-Häusern bleiben.

Aus einem Lageplan geht hervor, dass drei weitere Bauten mit gleichem Grundriss vorgesehen waren. Weshalb sie nicht umgesetzt wurden, muss offen bleiben. Darüber findet sich bisher nichts. Es dürfte jedoch nicht allzu weit hergeholt sein, dass wirtschaftliche Gründe dafür ausschlaggebend sein könnten, weil sich bereits Mitte bis Ende der 1979er-Jahre der Niedergang der Porzellanindustrie abzeichnete

Hahn kann sich erinnern, dass offenbar das von Rosenthal gewünschte Farbkonzept zumindest ansatzweise umgesetzt wurde. Denn nach dem Erwerb der beiden Komplexe durch die Stadtbau habe einmal eine Außenrenovierung stattgefunden und die heutige Farbgebung entspreche nicht mehr der ursprünglichen, hat der Geschäftsführer noch im Hinterkopf. Auf jeden Fall entspricht die heutige Fassadengestaltung hinsichtlich der Farbgebung nicht mehr Rosenthals einstigen Wünschen.

Kein Zutritt

Über einen neuen Außenanstrich und übliche kleinere Reparaturen hinaus, so Hahn, seien allerdings noch keine größere Veränderungen an den beiden Gropius-Wohnhäusern vorgenommen worden, so dass die Gebäude noch weitestgehend der ursprünglichen Ausführung entsprächen. Trotz einiger Bemühungen ist es Oberpfalz-Medien nicht gelungen, mit einem der Mieter zu sprechen und eine der Wohnungen anzuschauen. Das ist umso bedauerlicher, weil noch heute ein Mieter des Erstbezugs nach der Fertigstellung dort leben soll. Denn auch die Raumaufteilung setzte durchaus zeitgemäße Maßstäbe, wenn auch diese Konzepte gemäß der Vorstellungen der Bauhaus-Planer zum damaligen Zeitpunkt rund 30 Jahre alt waren. Ohne die typische Wanddurchreiche zwischen Küche und Essbereich ist eine Bauhaus-Wohnung eigentlich nicht denkbar. So findet sich das Obligatorium also auch hier, wobei dieses Detail einhergeht mit einem kombinierten Wohn-/Esszimmer und einer verhältnismäßig keinen, raumoptimierten Küche. Und dann war da ja noch die Anekdote mit dem elektrischen Wäschetrockner.

Andernorts ein Denkmal

Wolfgang Dersch schwärmt noch heute davon, was es wohl im Archiv des MIT in Sachen Walter Gropius im Allgemeinen und dessen Bezügen zu den beiden Amberger Bauprojekten auszugraben gäbe. Dass sich das momentane Interesse der Öffentlichkeit auf die Glaskathedrale konzentriere ist für ihn nur allzu gut nachvollziehbar, weil dieser Industrie- und damit Zweckbau in der Markanz seiner Formgebung einzigartigen Charakter aufweist. Bauhaus-Wohnarchitektur wie nur wenige Meter davon entfernt, findet sich hingegen auch in Deutschland häufiger. Viele dieser Häuser stehen jedoch unter Denkmal- oder Ensembleschutz. Eine Überlegung für Amberg sollte das auch wert sein.

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