05.06.2020 - 16:27 Uhr
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Ein Dirigent im Vakuum des Wartens: Dieter Müller im Interview

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Die Corona-Pandemie fordert Kulturopfer: So hat sich der Dirigent, Dozent, Komponist und Chorleiter Dieter Müller seine letzten Berufswochen und den Einstieg in den Ruhestand nicht vorgestellt. Ein Interview.

Dirigent, Chorleiter und Dozent Dieter Müller
von Anke SchäferProfil

Monatelang hatte sich Dirigent und Chorleiter Dieter Müller auf das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms vorbereitet. Am Ende war alles umsonst – die Aufführung war eines der ersten Kulturopfer der Pandemie. Das Konzert war zugleich als der krönender Abschluss seiner Chorarbeit an der Berufsfachschule für Musik des Bezirks Oberpfalz gedacht. Aber auch die Arbeit mit der Amberger Chorgemeinschaft ruht, das für Oktober geplante Beethoven-Konzert mit dem Symphonieorchester Weiden ist nicht sicher.

ONETZ: Herr Müller, das für den 29. März vorgesehene „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms zählte mit zu den ersten Corona-Opfern im Kulturbetrieb. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie dieses lange und intensiv vorbereitete Konzert absagen mussten?

Dieter Müller: Im ersten Moment fand eine, ich will es so ausdrücken, „rationale Verdrängung” statt. Mit anderen Worten, ich startete eine Flucht nach vorn. Sobald das „Aus“ durch war, galt es eine Vielzahl von Organisatorischem zu erledigen: Das Orchester, die Solisten, der Aufführungsort, die Werbung, all das musste zurückgefahren bzw. abgesagt werden. Diese Telefonate waren zum Teil emotional nicht einfach. Hierbei bekam ich den ersten Eindruck was es bedeutet als freischaffender Künstler von Konzerteinnahmen abhängig zu sein. Die stärksten Gefühlsausbrüche erlebte ich dann von Seiten der Chorsängerinnen und -sängern. Hier taten sich sehr viele enttäuschte Blicke auf, alle hatten sich sehr auf das Brahms-Requiem gefreut.

ONETZ: Und als das Organisatorische geregelt war?

Sobald ich dann zur Ruhe und damit zum Nachdenken kam, überkommt einen schon das Gefühl von Trauer über dieses nicht zum Abschluss gebrachte Konzertprojekt. Ein Trost war und ist für mich das Prinzip „Der Weg ist das Ziel“. Sehen Sie, durch die ständige Auseinandersetzung mit einem solchen großartigen Werk (Partiturstudium, Hintergrundstudium, Probenvorbereitungen und Probendurchführungen usw.) lebe ich ständig mit diesen Klängen in mir, sodass diese Musik im wahrsten Sinne des Wortes, über viele Monate hinweg, allgegenwärtig war. Sicher ein real klingender Abschluss fehlt, aber in mir klingt diese Musik immer noch, ist also nach wie vor gegenwärtig und wird zu gegebener Zeit ihren „Abschluss“ finden.

ONETZ: Aber nicht nur in den Konzertsälen ist das Licht ausgegangen, auch Chorproben waren plötzlich nicht mehr möglich. Wie ist die Amberger Chorgemeinschaft mit der verordneten Zwangspause umgegangen?

Diese Zwangspause ist ja noch nicht vorbei. Wir wissen heute noch nicht, wann wir wieder mit Proben beginnen können. Ich selbst gebe zwar seit Anfang Mai wieder Dirigierunterricht, der findet aber nur im Einzelunterricht statt. Ensembleproben sind derzeit noch nicht gestattet. Darüber hinaus lässt sich auch noch nicht sagen ob die Termine ab September gehalten werden können. Allen (mich natürlich eingeschlossen) fehlt das Singen, die musikalische Arbeit. Wir versuchen über Telefon, Whatsapp, Skype und Mails in Kontakt zu bleiben.

ONETZ: Wie ersetzen Sie die zur Zeit ebenfalls nicht möglichen Proben mit dem Sinfonieorchester Weiden?

Bei dem Sinfonieorchester der Stadt Weiden schalten wir uns von Zeit zu Zeit über eine Videokonferenz zusammen. Auf diese Weise kann ich mich als Dirigent mit meiner Konzertmeisterin und den jeweiligen Stimmführern austauschen. Das sind aber, hier wie dort, immer nur einzelne Personen die miteinander kontaktieren und nie das ganze Ensemble. Chor- und Orchesterarbeit lebt von der Kommunikation, von der Gemeinsamkeit, dem gemeinsamen Erlebnis, und die fehlt im Augenblick und lässt sich auch nicht durch ein digitales Medium ersetzen.

ONETZ: Ihre letzten Monate als Dozent an der Berufsfachschule für Musik hat die Krise ebenfalls nachhaltig beeinträchtigt. Macht es Sie traurig, dieses Schuljahr und damit auch Ihre lange Dienstzeit nicht so beenden zu können wie gedacht?

Ja, natürlich! Es fielen und fallen ja alle geplanten Konzerte und Veranstaltungen aus und das sind schon etliche -nicht nur die eigenen- auf die ich mich sehr gefreut hätte. An dem Wochenende 17. Mai zum Beispiel wäre eine symphonische Beethoven-Hommage geplant gewesen – Aus! Perkussionskonzerte, Musical Produktionen, kleinere Vorspielabende und die öffentlichen Abschlusskonzerte – Aus! Auch was die Durchführung unserer Verabschiedungen (Schulleiter Benedikt Boßle geht ebenfalls in Ruhestand, Anm. d. Red.) angeht, ist noch vieles ungewiss. Es geht dabei nicht um Äußerlichkeiten, um Beweihräucherung, nein, es geht um Tieferes. Ich habe im Moment das Gefühl einen Teil meines Lebens, und das waren immerhin 35 Jahre, nicht richtig abschließen zu können.

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ONETZ: Hat Ihnen in den letzten, schwierigen Wochen die Musik dabei helfen können, Ruhe und Kraft zu finden?

Mit Musik finde ich immer Ruhe und Kraft. Ich kann stundenlang in einer Partitur lesen oder musizieren. Das ist wie Meditation, wie Beten (Stille um mich herum vorausgesetzt!) und das setzt starke Energien frei. Wir kennen alle den Ausspruch von Descartes: „Ich denke also bin ich“, ich möchte ihn für mich umformulieren: „Ich höre (musiziere) also bin ich“. In diesem Sinne will ich es auch mit Johann Sebastian Bach halten, der über die Musik sagte: „Zur Ehre Gottes und Recreation des Gemüths“. Die stärksten Kräfte liegen in der Musik, im Glauben und in der Natur.

ONETZ: Nachdem auch Ihr Alltag von vielen Terminen und Verpflichtungen entschlackt sein dürfte, womit verbringen Sie momentan die Zeit?

Mit viel Musik! Mit was sonst? Bei den langen Spaziergängen, für die ich jetzt Zeit habe, erlebe ich diese Trinität von der ich oben sprach. In den ersten Wochen der Pandemie war ich damit beschäftigt, das d-Moll Violinkonzert von Franz Joseph Clement herauszugeben. Mit einer Kollegin zusammen ist es geplant, das Konzert im Herbst in der Weidener Max-Reger-Halle zur Erstaufführung bringen. Um wieder eine Einstieg in meine Arbeit als Komponist zu finden, überarbeitete ich eine Orchester-Suite aus dem Jahr 2012 und schrieb in der Folge eine kleine Vokalkomposition – Fortsetzungen werden folgen. Dann stehen natürlich Programmüberlegungen für die Nach-Corona-Zeit an, und da ich die Hoffnung für das Beethoven-Konzert im Oktober dieses Jahres mit dem Sinfonieorchester der Stadt Weiden noch nicht ganz aufgeben habe, arbeite ich viel an und mit den Beethoven-Partituren die auf dem Programm stehen.

ONETZ: Ist Ihr Blick in die Zukunft schon zuversichtlich genug, neue Pläne auf den Weg zu bringen und wenn ja, welche?

Es wird weitergehen. Meine Hoffnung ist, auch im Sinne der vielen Kolleginnen und Kollegen die ebenfalls im Vakuum des Wartens festsitzen, dass dies in nicht allzu ferner Zukunft sein wird. Da ich selbst ab Herbst keine Lehrverpflichtungen mehr habe, hoffe ich die freiwerdenden Ressourcen, sowohl in meine dirigentischen, wie kompositorischen Tätigkeiten stärker einbringen zu können.

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