07.06.2019 - 09:54 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Und "die Erde ist eine Scheibe"

Eine Leserbrief-Seite, auf der - weil es der Zufall so wollte - nur Impf- und Impfpflichtgegner zu Wort kommen: Das "hinterlässt mich sprachlos", sagt Markus K. aus Amberg. Zu Recht?

Eine Arzthelferin bereitet in einer Praxis eine Masernimpfung vor. Es gibt Menschen, die eine solche Impfung sehr skeptisch sehen. Dass wir kürzlich entsprechende Zuschriften veröffentlichten, kann ein Leser aus Amberg nicht nachvollziehen. Er beschwerte sich darüber.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Die veröffentlichten Zuschriften - es waren fünf - bezogen sich auf die Berichterstattung über eine Masern-Impfpflicht, einen Kommentar mit der Überschrift "Wer nicht impft, ist rücksichtslos" und einen Artikel mit dem Titel "Todesfall nach Masernerkrankung".

Die Redaktion habe, so beklagte der Leser aus Amberg, eine Seite "für Impfgegner" produziert, eine Seite "voller absurder Behauptungen und Forderungen, die, würde man ihnen Folge leisten, ursächlich wären für tausendfaches Leid und Sterben". Des Weiteren schrieb Markus K.: "Wie viele Mütter und Väter fühlen sich dadurch ermutigt, auf Impfungen ihrer Kinder zu verzichten? Das ist so, als gäbe es redaktionellen Raum für die Befürworter der These, die Erde sei eine Scheibe, das zumindest würde aber im Gegensatz zu diesen Veröffentlichungen keinen Schaden anrichten."

Er schätze unsere Arbeit sehr, hielt der Leser abschließend in seiner Mail fest. In diesem Fall aber sei es ihm ein Bedürfnis gewesen, unserem Hause seinen Unmut mitzuteilen.

In meinem Antwortschreiben schickte ich etwas vorweg, das mir hier besonders wichtig erscheint: "Es handelt sich bei einer Leserseite um eine reine Meinungsseite. Diese ist auch klar als solche erkennbar. Insofern gehe ich davon aus, dass jemand die Inhalte dieser Seite als klassische Meinungsäußerungen versteht und nicht als ,Gebrauchsanweisung'. Ich glaube deshalb nicht, dass Eltern, wenn sie in der Zeitung Argumente von Lesern gegen das Impfen oder eine Impfpflicht vorfinden, plötzlich umschwenken und zu Impfgegnern werden."

Leserbriefe sind in meinen Augen ein wichtiger Beitrag zur Meinungsbildung. Ich verweise gerne auf die "Richtlinie 2.6 - Leserbriefe" im Pressekodex, in der es unter anderem heißt: " Bei der Veröffentlichung von Leserbriefen sind die publizistischen Grundsätze zu beachten. Es dient der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit, im Leserbriefteil auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die die Redaktion nicht teilt."

Es sind Werturteile

Leserbriefe gelten, wie es in der Rechtsprechung heißt, als Werturteile. Sie sind ein Spiegel des Meinungsspektrums in unserer Leserschaft. "Zu manchen Themen gehen bei uns tatsächlich nur Leserstimmen zu einer Seite der Medaille ein, wie hier in Sachen Impfen und Impfpflicht", ließ ich den Beschwerdeführer wissen und fügte dem hinzu: "Doch wenn sich die andere Seite nicht zu Wort meldet, sollte man dann auf solche Zuschriften verzichten? Ich denke nicht."

Andere Meinung zulassen

Außerdem formulierte ich: "Sollen wir Leserbriefe, die gegen die landläufige Meinung geschrieben sind, tatsächlich weglassen? Ich finde nicht. Würden wir das tun, könnte man uns Zensur vorwerfen. Die Verfasser der Impf-Leserbriefe haben sich sehr sachlich und differenziert mit dem Thema auseinandergesetzt. Insofern haben sie sich auch an die Regeln für Leserbriefe gehalten. Meine persönliche Meinung zum Thema Impfen oder die Ansichten meiner Kollegen oder die der breiten Allgemeinheit dazu dürfen hier keine Rolle spielen."

Abschließend erzählte ich dem Amberger Leser vom letzten turnusmäßigen Treffen der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO), der ich ebenfalls angehöre. Es fand in Freiburg statt, dort sprach unter anderem Dr. Philippe Merz, der Sohn des CDU-Politikers Friedrich Merz, über das uns alle angehende Thema Medienethik. Er rief dabei einen Satz des deutschen Philosophen Hans-Georg Gadamer in Erinnerung. Der hatte einmal gesagt: "Der andere könnte recht haben." Daran, so meinte Merz, sollten Journalisten bei ihrer Arbeit immer denken.

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