14.11.2019 - 17:02 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Fahrerwechsel bei Tempo 100: Zirkusreife Nummer auf der A 6

Bei geschätzt über 100 km/h findet auf der A 6 ein fliegender Fahrerwechsel statt. Der Mann am Steuer hat keinen Führerschein und beordert seine neben ihm sitzende Ehefrau ans Lenkrad. Alles vor den Augen der Polizei.

Ein Fahrerwechsel bei Tempo 100 beschäftigt die Justiz.
von Autor HOUProfil

Sie kamen aus der Tschechischen Republik. "Wir dachten an Rauschgiftschmuggel", erzählte jetzt einer der Zivilfahnder, die an der Autobahneinfahrt in Waidhaus den Verkehr beobachteten. In dem Wagen, auf den die Blicke gerichtet waren, saß ein Mann am Steuer. "Der da", sagte der Beamte und deutete in Richtung eines 42-Jährigen, den die Staatsanwaltschaft vor den Schwandorfer Amtsrichter Hans-Christopher Theißen geholt hatte.

Über Bordcomputer überprüften die Schleierfahnder das Kennzeichen. Es stammte aus dem Allgäu und ließ erkennen, dass der Halter wegen Trunkenheit und Widerstands gegen die Exkekutive keinen Führerschein besaß. Ab dann war klar: Die Polizisten wollten den Pkw stoppen. Das aber erwies sich anfangs als schwierig.

Flotter Flitzer

Der flotte Flitzer bretterte mit bis zu 200 Kilometern in der Stunde über die Autobahn. Vorbei an Vohenstrauß, der Ausfahrt zur B22 und schließlich in Richtung Wernberger Kreuz. Die Fahnder hatten Mühe, aufzuschließen. Doch sie schafften es schließlich, setzten Anhaltezeichen und überholten. "Auch da saß noch der Mann am Steuer", erfuhr der Richter.

Plötzlich geschah Unerwartetes: Das Auto aus dem Allgäu begann zu schlingern, es brauchte für kurze Zeit beide Fahrspuren. In diesen Augenblicken und bei geschätzt immer noch über 100 km/h fand in dem Wagen ein fliegender Fahrerwechsel statt. Wer sich nun unter wem durchquetschte, blieb ungeklärt. Aber: Als das Auto schließlich am Standstreifen stoppte, saß die Ehefrau (37) des Halters am Lenkrad. Sie hatte sich zuvor noch das Baseballcap ihres Mannes aufgesetzt und darunter ihre langen blonden Haare zusammengerafft.

Ein Stück fast zirkusreifer Parterre-Akrobatik. "Sehr gefährlich," wie der Richter später befand. Zuvor hatte er vernommen, dass der 42-Jährige zur fraglichen Zeit einen MPU-Test erfolgreich bestanden hatte und eigentlich seine entzogene Fahrlizenz wohl zeitnah zurückbekommen hätte. Danach blieb sie bis zum Prozess bei den Akten.

Schweigen vor Gericht

Die Ehefrau schwieg vor Gericht, auch ihr Mann äußerte sich nicht. Für ihn argumentierte der aus München angereiste Anwalt Matthias Taplan. Er hielt den spektakulären Fahrerwechsel für nahezu ausgeschlossen und forderte Freispruch. Doch dahin führte für Staatsanwältin Jasmin Hertel kein Weg. Sie verlangte 1200 Euro Geldstrafe und weitere drei Monate Fahrverbot.

Fünf Monate Fahrverbot

Richter Theißen griff härter zu. Er verhängte 1300 Euro Geldstrafe und fünf Monate Fahrverbot. Dabei verwies Theißen auf den Zivilfahnder, der den 42-Jährigen zwei Mal als Fahrer am Steuer erkannt hatte, und ignorierte die Bitte eines aus dem Bodenseegebiet nach Schwandorf gekommenen Arbeitgebers, der dringend darum gebeten hatte, seinem Mitarbeiter den Führerschein zurückzugeben, weil er sonst an dessen Entlassung denken müsse. "Das", so der Vorsitzende, "kann hier nicht mein Maßstab sein."

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