24.10.2018 - 13:49 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Fotos von Unfällen sind mitunter ein Drahtseilakt

Bilder von einem Verkehrsunfall können die Gefühle von Betroffenen und Lesern verletzen. Die Redaktion erreichten zu diesem Thema einige kritische Worte.

Auf einem Polizeifahrzeug warnt eine Leuchtschrift vor einer Unfallstelle.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Zur Berichterstattung über einen tödlichen Unfall bei Tännesberg erreichte uns folgende Leserzuschrift: "Ich finde es lobenswert, dass Onetz versucht, aktuelle Nachrichten aus der Region zeitnah online zu stellen. Dies meist sogar neutral und objektiv. Jedoch verstehe ich nicht, warum Fotos von einer Unfallstelle gemacht werden, auf denen die oft schwer verletzten Unfallopfer noch in ihren Fahrzeugen sitzen bzw. eingeklemmt sind."

Das, so Leser Markus I., "ist genauso anstands- und respektlos, wie das Verhalten von Gaffern, die tagtäglich auf den Straßen unterwegs sind. Diese werden jedoch dafür zu Recht stark kritisiert. Für Reporter gelten anscheinend andere Verhaltensregeln." Für die Zukunft wünscht sich der Leser, "dass auch Reporter so viel Anstand besitzen, wie es von jedem Verkehrsteilnehmer erwartet wird".

Markus I. schneidet ein heikles und mit vielen Emotionen belegtes Thema an. Ein Journalist, der über einen Verkehrsunfall berichtet, muss darauf achten, dass er sich nicht pietätlos verhält. Er ist ethischen Grundsätzen verpflichtet, um Opfer oder Hinterbliebene zu schützen. Wir sind uns aber bewusst: Im Tagesgeschäft von Print und Online ist es mitunter ein Drahtseilakt, Unglücksfälle so zu schildern und zu fotografieren, dass die Gefühle von Betroffenen und ganz "normalen" Lesern nicht verletzt werden.

Es gibt Verhaltensregeln

Vor Ort müssen sich unsere Mitarbeiter stets so verhalten, dass sie die Arbeit der Helfer nicht stören oder gar behindern. Die Redaktion ist in der Pflicht, die von freien und fest angestellten Berichterstattern gelieferten Bilder mit Szenen von der Unfallstelle genau zu überprüfen. Zum Beispiel ist penibel darauf zu achten, dass Todesopfer, Verletzte oder andere Unfallbeteiligte nicht zu erkennen sind. Einsatzkräfte sollten nur im Rahmen des Gesamtgeschehens am Unfallort fotografiert werden. Sitzen Unfallopfer noch in ihren Fahrzeugen oder sind in ihnen eingeklemmt, kann man Fotos nur dann vertreten, wenn die Personen darauf ebenfalls nicht zu sehen sind.

Über die Bildauswahl im Onetz zu dem Unfall bei Tännesberg hatte sich eine andere Leserin ebenfalls beschwert. Ihr antwortete der Weidener Deskleiter Stefan Zaruba unter anderem: Ein Bild, welches Einsatzkräfte abseits des eigentlichen Geschehens zeigte, "haben wir entfernt, da wir nicht ausschließen können, dass die Abgebildeten kein Einverständnis zur Veröffentlichung gegeben haben. Insofern vielen Dank für Ihren Hinweis. Alle anderen Aufnahmen sind nicht zu beanstanden, da sie im unmittelbaren Einsatzgeschehen entstanden sind. Keines davon zeigt unbeteiligte Passanten, Angehörige oder Unfallopfer, schon gar keine Verletzten oder den Toten."

Immer ein Spagat

"Wie Unfallbilder wirken": Unter dieser Überschrift hatten wir uns im Juni vergangenen Jahres schon einmal mit dieser Thematik beschäftigt. Chefredakteur Norbert Gottlöber verwies damals auf die Grundsätze, die jeder Journalist bei der Veröffentlichung von Unfallbildern beherzigen sollte: "Verletzte und Beteiligte gehören nicht in die Zeitung, Tote schon gar nicht - auch nicht abgedeckt." Oft sei man sich über die Tragweite nicht im Klaren, die ein Unfallbild haben kann. Gottlöber unterstrich ferner: Bei Unfallbildern dürfen unsere Zeitung und das Onetz "nicht dazu beitragen, Schaulustiger auf andere Art und Weise zu werden". Natürlich sei die Berichterstattung immer ein Spagat: Auf der einen Seite "müssen und wollen wir informieren, das ist unsere Pflicht". Auf der anderen Seite "dürfen und wollen wir Sensationslust und Voyeurismus nicht fördern".

Zu Wort kam in diesem Artikel auch der Amberger Psychologe Sebastian Sonntag: Auf die Frage, ob Fotos von Unfällen seinem Empfinden nach denn überhaupt in der Zeitung oder im Internet veröffentlicht werden sollten, antwortete er: Hier "gibt es für mich weder ein Ja noch ein Nein". Eine wesentliche Aufgabe der Medien sei es, die Realität unserer Welt und unseres Lebensumfeldes widerzuspiegeln. "Die Realität ist weder gut noch böse. Sie ist oft schön, bestärkend und ermutigend, aber oft grausam, beängstigend."

Bilder als Hilfe

Diakon Peter Bublitz, Notfallseelsorger aus Sulzbach-Rosenberg, bescheinigte unserer Zeitung und dem Onetz, dass die Bilder zu Unglücksfällen "sehr zurückhaltend und gut ausgewählt sind". Mit ihnen werde zumeist versucht, das Geschehen entsprechend wiederzugeben. "Daher braucht aus meiner Sicht auf Bilder nicht verzichtet werden", betonte Bublitz. Zumal diese Fotos durch den beistehenden Artikel "kommentiert" würden. Er wisse, so erzählte Bublitz, dass "sehr viele Angehörige Zeitungsartikel als Verstehenshilfe und Erinnerung brauchen und auch lange aufheben, damit sie die plötzlich neu entstandene Situation in ihr Leben integrieren können". Dies helfe bei der Trauerbewältigung.

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