17.08.2018 - 12:20 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Gladbeck "journalistischer Sündenfall"

August 1988: das Geiseldrama von Gladbeck. Die Verbrecher geben Interviews, posieren für die Presse. Deren sensationsgieriges Verhalten empört die Öffentlichkeit. Danach ist klar: Ein solches Medienspektakel darf sich niemals wiederholen.

Der Wagen mit den Geiselnehmern wird am 18. August 1988 in Köln von Journalisten umringt. Die Verbrecher hatten am 16. August in Gladbeck-Rentfort eine Bank überfallen und zwei Geiseln genommen. Nach einer spektakulären Verfolgungsjagd über Bremen, wo die Gangster einen Linienbus kaperten, den Niederlanden und Köln, stoppte die Polizei am 18. August auf der Autobahn Richtung Frankfurt am Main die Täter mit Waffengewalt.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Jan Freitag schrieb 2013 in der "Zeit", als an 25 Jahre Geiseldrama erinnert wurde, von einem journalistischen Sündenfall und stellte fest: "Die gesamte Medienbranche machte sich schuldig." Was folgte, sei eine heilsame Debatte gewesen: "Denn auch wenn der Boulevard zusehends mit seinen Themen verschmilzt, hat sich die seriöse Presse nie mehr so grotesk gemein mit den Ihren gemacht wie damals. Als der rassistische Mob vor dem Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen stand, interviewten die Reporter zwar auch Nazis, das sorgte aber auch für Gegenmobilisierung."

Im Taxi hinterher

Einer derjenigen, die sich einst ins Gefolge der Geiselnehmer einreihten, war Manfred Protze, bis März 2018 Sprecher des Deutschen Presserats. Er fuhr damals als Reporter in einem Taxi hinterher, auf das einer der Bankräuber schließlich schoss. In einem Interview mit der Deutschen Welle heuer im Frühjahr antwortete Protze auf die Frage, ob das damalige Verhalten der Journalisten ethisch gewesen sei: "Das war eine klare Grenzüberschreitung und damit unethisch."

Protze wurde in dem Gespräch auch gefragt, welche Lehre der deutsche Journalismus aus den Ereignissen und dem Fehlverhalten vor 30 Jahren gezogen habe. Dazu äußerte er: "Ich kann nur mutmaßen, dass die Botschaft angekommen ist. Sie ist bisher nicht auf die Probe gestellt worden, weil es Gott sei Dank ein gleichartiges Ereignis nicht wieder gegeben hat."

Anlässlich des 30. Jahrestags der Geiselnahme von Gladbeck erinnert der Presserat nun daran, dass Journalisten sich nicht zum Instrument von Kriminellen machen dürften. "An der Information über Straftaten besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse. Es ist Aufgabe der Presse, darüber zu recherchieren und vom Ort des Geschehens unabhängig zu berichten", so Volker Stennei, Sprecher des Presserats. Jedoch gebe es ethische Grenzen: "Journalisten müssen stets ihre Beobachterrolle einhalten. Sie dürfen nicht eigenmächtig in das Geschehen eingreifen. Bei der Berichterstattung über die Geiselnahme von Gladbeck vom 16. bis 18. August 1988 boten Journalisten mit Liveberichten und -interviews den Tätern eine bis dahin beispiellose öffentliche Bühne. Das war ein Synonym für Fehlentwicklungen in den Medien und gleichzeitig eine Zäsur für das Verhalten von Journalisten."

Problem Smartphone

Heute könnte jeder Bürger mit seinem Smartphone eine Geiselnahme filmen und ins Netz stellen. Umso wichtiger sei es deshalb, dass journalistische Medien verantwortungsvoll mit Videos von Straftaten und Unglücken umgehen. Auch für die Verwendung von Amateurvideos in den Online-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften würden "ohne Einschränkung" die ethischen Grundsätze des Pressekodex gelten. Dazu gehörten unter anderem der Verzicht auf unangemessen sensationelle Darstellungen sowie die Einhaltung des Opfer- und Jugendschutzes. "In keinem Fall tritt die Presse in einen Anpassungswettbewerb mit Formen der öffentlichen Kommunikation ein, deren Ethik vergleichsweise schwach entwickelt ist", betont Stennei.

Der Geiselnahme war in vielen Redaktionen eine intensive Debatte über das Verhalten der Presse gefolgt. Der Presserat zog damals Konsequenzen aus den Ereignissen von Gladbeck und Bremen. Er erweiterte seinen Regelkatalog und vereinbarte mit der Innenministerkonferenz bis heute gültige Verhaltensgrundsätze für Medien und Polizei. Sie sollen Behinderungen bei der Durchführung polizeilicher Aufgaben vermeiden und zugleich die freie Ausübung der Berichterstattung garantieren.

Interviews tabu

Die Presse verpflichtet sich seitdem, keine Interviews mit Tätern während des Verbrechens zu führen und nicht eigenmächtig zwischen Tätern und Polizei zu vermitteln. Der Pressekodex gebietet zudem, auf die Veröffentlichung von "Verbrechermemoiren" zu verzichten, wenn darin Straftaten nachträglich gerechtfertigt oder verharmlost und Opfer unangemessen belastet werden. Auch eine Heroisierung von Straftätern muss die Presse vermeiden.

So haben wir im August 1988 berichtet:

(kan) Erwartungsgemäß steht die Meldung auf der ersten Seite der Ausgabe vom 17. August 1988. Die Schlagzeile: „Nervenkrieg bei Geiseldrama in Bankfiliale“. 43 Zeilen in einem Kasten, kein Bild. Wenig spektakulär. So war das damals. Gladbeck war weit weg von der Oberpfalz. Seitenaufmacher an diesem Tag: die von Grünen und SPD erzwungene Landtags-Sondersitzung zur Beendigung der WAA-Anhörung. Die WAA war den Oberpfälzer Journalisten in diesem Moment wohl näher und wichtiger.

Der 18. August 1988, ein Mittwoch: Die politische Seite eins machen die damaligen Kollegen mit einem Bericht über den Absturz der pakistanischen Präsidentenmaschine auf, bei dem der Staatschef stirbt (in Pakistan wird daraufhin der Ausnahmezustand verkündet). Auf gleicher Höhe neben diesem Artikel: das Gladbeck-Drama, das „skurrile Formen“ annehme, wie geschrieben wird. Mit veröffentlicht ein Foto, das die bewaffneten Gangster mit Geiseln in dem gekaperten Linienbus zeigt. Auf der „Weltgeschehen“-Seite ein zweiter Artikel, ein Bild gibt es nicht dazu.

Freitag, 19. August: „Blutiges Ende auf der Autobahn“, titelt unsere Zeitung auf Seite eins und bringt eine Sonderseite mit der „Chronologie des Schreckens“. In dem Artikel wird bereits darüber informiert, dass Vertreter der Polizei und Politiker der Regierungskoalition das Verhalten von Journalisten kritisieren.

Der Amberg-Sulzbacher CSU-Bundestagsabgeordnete Hermann Fellner äußert sich und sagt unter anderem, es wäre im Interesse der inneren Sicherheit gewesen, „wenn Berichte darüber, wie ein paar geistesgestörte Täter den ganzen Polizeiapparat an der Nase herumführten, unterblieben wären“. Journalisten-Verband und -Union rügen ebenfalls schon zu diesem Zeitpunkt das Vorgehen der Berichterstatter. Journalisten, so lautet der Tenor, sollten keinesfalls dazu beitragen, aus einem Kriminalfall ein „sensationslüsternes Millionenspiel“ zu machen.

Karl-Heinz Vaubel (Bonn) schreibt in unserer Zeitung am 19. August in seinem Kommentar unter anderem: „(...) Wenn bestimmte Medien damit beginnen, sich immer ausgreifender als eine Bühne für kriminelle Schauerstücke aus der Wirklichkeit darzustellen, wenn vor allem sie am Ball sind und weniger die Polizei, deren Arbeit durch so etwas nicht erleichtert wird, dann muss in der Tat gefragt werden, wohin das noch führen soll.“ In den nächsten Tagen folgen weitere Berichte. Medien, Polizei und Politiker stehen im Kreuzfeuer.

So wäre es heute:

(kan) Ein ähnliches Geiseldrama wie einst in Gladbeck heute – wie würden sich Redaktionen verhalten, wie sähe die Berichterstattung aus? Chefredakteur Norbert Gottlöber (Oberpfalz-Medien) glaubt, dass sie sich „so in dieser Form nicht wiederholen würde“. Auch, weil die Polizei aus den Gladbecker Tagen „viel, viel gelernt“ habe und ein derart „öffentliches Zurschaustellen“ von Verbrechern nicht mehr zulassen würde.

Rückblickend auf das, was sich damals auf Medienseite abspielte, kommt auch Gottlöber zu dem Schluss: „Das war der absolute Tiefpunkt im Journalismus.“ Einige Journalisten seien sich nicht zu blöd gewesen, sich zu Komplizen von Gangstern zu machen, nur um eine Geschichte zu haben. Der Chefredakteur wandelt in diesem Zusammenhang einen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangenen Werbeslogan des Sportfernsehens („Mittendrin statt nur dabei“) ab: „Dabei, nicht mittendrin“, das müsse die Maxime für Journalisten sein. „Wir dürfen nicht dazu beitragen, dass etwas Schlimmes noch schlimmer wird.“

Heute gäbe es jedoch ein neues Problem: dass Menschen zum Handy greifen, Fotos machen und Nachrichten versenden. Das ließe sich dann „nicht mehr steuern“. Über all dem die Frage: „Was ist wahr, was ist nicht wahr?“ Gottlöber erinnert an den Amoklauf in München, als ein 18-jähriger Schüler am 22. Juli 2016 am und im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen tötete und fünf durch Schüsse verletzte. Über Stunden hinweg sei die Polizei damit beschäftigt gewesen, auf das zu reagieren, was in den sozialen Netzwerken verbreitet wurde. Über Twitter habe sie permanent „richtigstellen“ oder „widerrufen“ müssen.

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