06.10.2018 - 12:00 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Gropius und das Glas

Bauhaus-Design und Amberger Sozialgeschichte: Wie beides zusammenhängt, das erfahren Besucher der aktuellen Sonderausstellung des Amberger Stadtmuseums. Verbindendes Element ist vor allem Glas.

von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Was im Amberger Glaswerk produziert wurde, ging in die ganze Welt. Mit der Ausstellung „Gropius, Bauhaus und Rosenthal in Amberg“ rückt das Stadtmuseum nicht nur die Architektur und das Design von Walter Gropius in den Mittelpunkt, sondern beleuchtet auch die Amberger Arbeits- und Sozialgeschichte.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei vor allem die Produkte, die mit dem Namen der Firma Rosenthal weltweit in den Wohnzimmerregalen der wohlhabenden Oberschicht standen: Glaskaraffen, kunstvoll handgeblasene Sektgläser, bunte Vasen und exquisite Wand-Teller.

Phillip Rosenthal legte Wert auf besonderes Design: Er verpflichtete international bekannte Künstler – von Dali bis Björn Wiinblad, von Michael Böhm bis Paul Wunderlich. In Zusammenarbeit schufen sie Kunstwerke aus Glas; aber nicht ausschließlich. Auch Porzellan, Besteck, Möbel und Lampen wurden von der Firma „Rosenthal Einrichtung“ in Espelkamp (Nordrhein-Westfalen) und Neusorg (Kreis Tirschenreuth) hergestellt. Unkonventionell sollten sie sein, die Möbel. Genauso die Gläser: Keine Schnörkel, keine barocken Verzierungen – sondern ein strenger Rahmen, klassische Formen.

„Über die Design-Schiene wollen wir auch junge Menschen ansprechen – denn noch immer sind Bauhaus-Formen in“, sagt Museumsleiterin Judith von Rauchbauer. Für die Ausstellung hat sie dafür sogar extra einige Beweise gesammelt. Mehr noch: Ein Jahr lang war sie auf der Suche nach Objekten, die in Amberg produziert wurden – denn bis dato gab es im Museum kein einziges Glas aus dem Amberger Werk. Die Leiterin sprach unter anderem mit Sammlern, Kennern und sogar mit einem ehemaligen Glasmacher der Firma Rosenthal, Xaver Hofmeister. Für die Ausstellung überließ er dem Museum Werkzeug zur Herstellung von Hohlglas.

„Phillip Rosenthal hatte viele außergewöhnliche Ideen, was das Design betrifft – eines seiner Standbeine aber war auch die traditionelle Produktion“, sagt die Kuratorin. Zum Beispiel die „Classic Rose“-Collection, „Mon Bijou“ mit vielen Blümchen und Schnörkeln, in traditionellen Formen – und maschinengefertigt. Direkt gegenüber zeigt die Ausstellung das komplette Gegenteil: Die mundgeblasenen Gläser der "Studio-Line" in ihren exklusiven Regalen: Streng, kubisch, modern. Kommt man ihnen zu nahe, klirrt und kracht es aus den Lautsprechern. Ein Lieblingsstück der Museumsleiterin ist der Wandteller „Hummer“ aus dem Jahr 1983. Der Entwurf von Paul Wunderlich zeigt einen Hummer, filigran und modern, mit goldenen Details. „Limitiert auf tausend Stück, kostete ein solcher Wandschmuck damals 1250 D-Mark – also äußerst elitär“, erklärt von Rauchbauer. „Was damals dieser Teller war, ist heute das Handy von Apple.“ Auch eher als Statussymbol denn als Gebrauchsobjekt gelten die in den 70er-Jahren modernen Sammel-Karaffen: „Sekt-Solitäre“.

Die Ausstellung geht zurück bis an die Ursprünge der Glasproduktion in Amberg: Die Grenzlandhütte, in der viele böhmische Vertriebene Arbeit fanden. Jene wird 1948 gebaut, 1963 an Rosenthal verpachtet, 1966 kauft er sie schließlich. „Phillip Rosenthal war ein guter Arbeitgeber“, berichtet von Rauchbauer. „Ein SPD-Mann, der sehr auf das Wohl seiner Arbeiter bedacht war.“ Deswegen sollte der Neubau der Glashütte nicht nur schön anzusehen sein, sondern auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen schaffen. Bis zu 1300 Grad heiß war das Glas, das verarbeitet wurde, in den Räumen staute sich enorme Hitze.

Gropius konstruierte für Rosenthal ein Be- und Entlüftungssystem in das Dach der Halle. Durch die Fenster an der Seitenfront kommt kalte Frischluft herein, während die heiße, abgestandene Luft in den Giebel zieht und dort ins Freie abgelassen wird. Die flachen Seiten beherbergten Büroräume, das hohe, langgezogene Mittelschiff die Glasfertigung. Die Museumsleiterin erklärt: „Jene Form verleitete die Amberger auch zu den Bezeichnungen ’Glaskathedrale’ oder ’Kathedrale der Arbeit’.“ 1967 beginnt die Planung, 68 startet der Bau. Die Einweihung der Glaskathedrale 1970 erlebt Gropius nicht mehr, er stirbt am 5. Juli 1969.

Walter Gropius und Amberg:

Walter Gropius, Gründer und Direktor des legendären Bauhauses, gehört zu den bekanntesten Vertretern moderner Architektur im 20. Jahrhundert. Amberg besitzt mit der Glaskathedrale, dem ehemaligen Rosenthal-Glaswerk (heute Kristall-Glasfabrik Amberg), das einzige von Gropius errichtete Bauwerk in der Oberpfalz. Es geht als eines der bedeutendsten Industriebauten des 20. Jahrhunderts in die Architekturgeschichte ein.

Die Sonderausstellung „Gropius, Bauhaus und Rosenthal in Amberg“ widmet sich dem Industriedenkmal, dem Erbauer Gropius und der Firma Rosenthal. Es werden in Amberg produzierte „Erzeugnisse in Glas“ – von den Trinkglasserien bis zu den limitierten Kunstobjekten der „Studio-Line“ gezeigt. Anlass der Ausstellung ist das 100-jährige Jubiläum der Bauhausgründung 1919 und der 50. Todestag von Gropius 1969.

Die Sonderausstellung im Stadtmuseum Amberg (Zeughausstraße 18) läuft von 7. Oktober bis 17. März. Das Stadtmuseum hat von Dienstag bis Freitag (11 bis 16 Uhr) und Samstag und Sonntag (jeweils 11 bis 17 Uhr) geöffnet.

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