21.02.2020 - 14:54 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Irres Spiel um Macht und Moral

Die im Salon eines psychiatrischen Sanatoriums angesiedelte Story von "wissenschaftlicher Moral", Machtstreben und undurchschaubarem Verwirrspiel geriet im Stadttheater zu einer beklemmenden Darstellung der Gefahren genialer Entdeckungen.

Lang anhaltenden Beifall gab es am Stadttheater Amberg für die gelungene Inszenierung „Die Physiker“.
von Helmut FischerProfil

Der Inhalt von Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" ist in Kurzfassung kaum darzustellen. Das Drama spielt in einem Irrenhaus, in das sich der Physiker Möbius, der Erfinder der sogenannten "Weltformel", zurückgezogen hat, um die Welt vor den Konsequenzen seiner Entdeckungen zu schützen, indem er diese als Werk eines Irren ausgibt und sie geheim hält.

Zwei seiner Mitinsassen entpuppen sich als Geheimagenten verfeindeter Mächte und als ebenso wenig irre wie Möbius. Als die jeweiligen Krankenschwestern entdecken, dass das "Irresein" ihres Patienten nur vorgetäuscht ist, werden sie von ebendiesen umgebracht. Um dies aufzuklären, ist ein völlig überforderter Inspektor auch im Spiel.

"Schlimmstmögliche Wendung"

Letztlich gelingt es Möbius, die beiden Agenten zu überzeugen, mit ihm im Irrenhaus zu bleiben, um die Welt zu retten. Sein Plan geht nicht auf, weil die Leiterin des Sanatoriums sich als wahnsinnig herausstellt und bereits seine Aufzeichnungen an sich gebracht hat, um selbst "Macht" zu erlangen.

Im Stück werden im 1. Akt die "handelnden" Personen vorgestellt, während es im 2. Akt zur "Entschlüsselung" und zur letztlich "schlimmstmöglichen Wendung" (Zitat Dürrenmatts) kommt. Im Amberger Stadttheater erlebte dieses hochpolitische, gerade in heutiger Zeit aktuelle Drama eine ungemein spannende, fesselnde Darstellung.

Schon das Bühnenbild war gelungen: ein karger, weißgetünchter, großer Raum, spärlich ausgestattet, war durch mehrere Türen erreichbar. Drei der Türen führten in die Zellen der vermeintlich "Irren" Newton, Einstein, Wilhelm Möbius. Die Dialoge, die stets auf der Grenze zwischen vermeintlicher "Wahnvorstellung" und realer Reflexion balancierten, waren von geschliffener Präzision und verlangten von den Besuchern ein hohes Maß an konzentrierter Aufmerksamkeit. Tragend für die so fesselnde Präsentation waren jedoch die Hauptdarsteller.

Die zwischen "ärztlicher Verantwortung" und irrem Machtstreben angesiedelte Ärztin Mathilde von Zahnd wurde von Helena Büttner in fast beängstigender Form verkörpert. Ihr gelang auch die "Verwandlung" zur machtentschlossenen "Geschäftsfrau" überzeugend. Der vermeintliche "Newton", der sich als amerikanischer Spion Herbert Georg Beutler enttarnte, hatte durch Andre" Vetters seine starke, mimisch wie sprachlich überzeugende Darstellung.

Ebenso eindrucksvoll, gelegentlich auch mit komödiantischem Einschlag, lebte Stephan Bürgi die Rolle des vorgegebenen Einstein, der aber ein russischer Geheimdienstler war. Die schauspielerische Krone an diesem Abend gehörte jedoch Peter Bause. Er "war" der tatsächliche Physiker Johann Wilhelm Möbius. Seine gespielte "Hörigkeit" dem König Salomo gegenüber, seine Gratwanderung zwischen dargestelltem Wahn und realer Einschätzung der Risiken "seiner" Erfindung, auch die Betroffenheit nach seinem Mord an seiner Krankenschwester, das war einfach große schauspielerische Klasse.

Eindrucksvolle Regie

Und die abwägenden Fragen an die enttarnten Agenten über die Freiheit der Wissenschaft in ihrem Gesellschaftssystem waren von differenzierter Eindringlichkeit. Auch die "kleineren" Rollen waren mit Sibylla Rasmussen (Oberschwester), Tina Rottensteiner (Krankenschwester), Christian A. Hoelzke (Kriminalinspektor) und Regula Steiner-Tomic (Frau Missionar Lina Rose) optimal besetzt.

Ein besonderes Kompliment verdient dazu Herbert Olschok, der für die Regie dieser so eindrucksvollen, bewegenden, mit riesigem Schlussbeifall bedachten Präsentation der "Physiker" verantwortlich zeichnete.

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