24.07.2020 - 15:34 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Die "Kavaliere der Straße 2019": Nicht gezögert, sondern zugepackt

Sie haben hingesehen, wenn andere vorbeifuhren. Sie haben Hilfe geleistet, ohne lange zu fragen. Zehn Nordoberpfälzer sind von den Polizeiinspektionen als "Kavaliere der Straße 2019" vorgeschlagen worden.

Was tun? Dieser Anblick bot sich Jochen Günther im Sommer 2019. Er fackelte nicht lange, sicherte den Unfallort und machte sich auf die Suche nach dem Verletzten. Damit ist Günther einer unserer zehn „Kavaliere der Straße 2019“.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Ausgezeichnet werden die "Kavaliere der Straße" von der gleichnamigen Arbeitsgemeinschaft deutscher Tageszeitungen, der auch "Der neue Tag/Amberger Zeitung" angehören. Die Jahrestagung mit Ehrung in Erfurt fällt coronabedingt aus. Die Leistungen der zehn Helfer aus der Region sollen trotzdem gewürdigt werden: "Jeder freut sich über Hilfe, wenn er in eine solche Situation gerät", sagt Viola Vogelsang-Reichl, Geschäftsführende Verlegerin von Oberpfalz-Medien. Die Auszeichnung soll ein Dankeschön sein.

Motorradfahrer gerettet

Montag, 3. Juni 2019, gegen 19 Uhr auf der kurvenreichen alten B 15 bei Wurz (Landkreis Neustadt/WN). Einem Motorradfahrer (81) wird eine Ölspur zum Verhängnis. Seine Kawasaki gerät zwischen Ernsthof und Mitteldorf ins Schleudern. Der Fahrer schlittert durch eine Lücke der Leitplanke die Böschung hinab. Die Maschine bleibt liegen.

Purer Zufall, dass Sekunden später als Ersthelfer der Justizvollzugsbeamte Jochen Günther (44) eintrifft. Der Püchersreuther macht nach einem Reifenwechsel eine Probefahrt mit dem Motorrad. Günther war zehn Jahre bei der Bundeswehr. Als er die verunglückte Kawasaki sieht, schaltet er in den "Einsatzmodus". Mit dem eigenen Motorrad sperrt er die Straße ab. Er hält den Gegenverkehr auf: Robert Lindnerund seine Söhne Raphael und Valentin (damals 20 und 22). Lindner, inzwischen Bürgermeister von Floß, arbeitet in der Verwaltung des Klinikums Weiden. Aber er hat Krankenpfleger gelernt. Günther und Lindner: das perfekte Team. Die Helfer bilden eine "kleine Postenkette", beschreibt es Günther. Sie suchen die Böschung ab und finden den Biker schließlich sechs Meter den Hang hinab. Lindner und Günther klettern zum Verletzten. Er liegt auf einem Baumstumpf, kopfabwärts. Die Männer lassen dem stöhnenden Verletzten den Helm auf, versuchen ihn vorsichtig stabil zu betten, bis der Sanka eintrifft. Dass die Ehrung abgesagt wurde, bedauert Bürgermeister Lindner nicht: "Die Sache ist gut ausgegangen für den Verletzten. Das ist das Wichtigste. Nicht die Ehrung." Ersthelfer Günther merkt an, dass kein anderer Verkehrsteilnehmer Hilfe anbot. "Die haben sich durchgeschlängelt oder schnell umgedreht."

Sie kannten sich vorher nicht, wirkten als Ersthelfer aber perfekt zusammen: Robert Lindner aus Schlattein bei Floß, inzwischen Bürgermeister, und der Püchersreuther Jochen Günther (Bild).
Sie kannten sich vorher nicht, wirkten als Ersthelfer aber perfekt zusammen: Robert Lindner (Bild) aus Schlattein bei Floß, inzwischen Bürgermeister, und der Püchersreuther Jochen Günther.

Biker nicht im Stich gelassen

Und es gibt sie noch: die richtig netten Leute. Das Ehepaar Thomas und Sabrina Malzer unternimmt am Samstag, 29. Juni 2019, eine Probefahrt auf der A 93. Zuvor haben sie am Auto Reparaturen vorgenommen. Auf ihrem Hof in Falkenberg (Landkreis Tirschenreuth) haben die Malzers eine Hebebühne. Es ist ein sehr heißer Sommerabend. Kurz vor der Ausfahrt Neustadt/Nord sehen die beiden am Seitenstreifen einen Motorradfahrer stehen. In Lederkluft. Beide fahren selbst Motorrad. "Da hat man vielleicht einen anderen Blick dafür", meint Sabrina Malzer. Auch mit vereinten Kräften gelingt es den Männern nicht, die Maschine zum Laufen zu bringen. Die Malzers nehmen den Amberger Motorradfahrer mit nach Hause und versorgen ihn mit Getränken. Schließlich holen sie noch einen Anhänger, laden das defekte Krad auf und fahren es zum Wohnort des Bikers. Erst am späten Abend kommen Thomas (50) und Sabrina Malzer (35) wieder heim. Vor acht Wochen haben die beiden einen Sohn bekommen: Felix. Ihm möchten sie genau das beibringen: "Moral und Anstand."

Thomas und Sabrina Malzer mit Sohn Felix: Sie lasen einen Motorradfahrer mit defekter Maschine auf der A 93 auf und nahmen ihn mit nach Hause.

Schüler wird Ohrenzeuge

Markus Münchmeier (17) ist Schüler am Neustädter Gymnasium und der Jüngste der "Kavaliere". Er war am Freitagabend, 21. Juni 2019, daheim auf der Gaismühle, einem Weiler bei Flossenbürg. Der Schüler hört ein Reifenquietschen, gefolgt von einem lauten Knall. Ein 45-jähriger Autofahrer war gegen 19.45 Uhr auf der Gemeindeverbindungsstraße unterwegs, als ihm in einer scharfen Linkskurve ein dunkler Pkw auf seiner Seite entgegenkam. Ein Ausweichen nach rechts war nicht möglich. Der 45-Jährige zog nach links auf die Gegenfahrbahn, fädelte mit seinem Wagen am Beginn der dortigen Leitplanke ein und katapultierte etwa 40 Meter durch die Luft.

Als Markus Münchmeier zur Straße läuft, findet er zunächst nichts. Der 16-Jährige sucht die Straße entlang und erspäht das Auto unten in der Waldböschung: 10 Meter von der Straße entfernt, in einer Tiefe von 8 Metern. Markus klettert nach unten und hilft dem verletzten Fahrer aus dem total beschädigten Pkw. Anschließend geht er mit ihm zur etwa 500 Meter entfernten Gaismühle, da keiner ein Telefon dabei hat. Die Eltern verständigen Rettungskräfte. Der schwer verletzte Autofahrer wird ins Klinikum Weiden gebracht.

Freitag, 1. März 2019. Studentin

Gymnasiast Markus Münchmeier suchte einen verunglückten Autofahrer nahe des Gaisweihers bei Flossenbürg.

Ein Labrador als Retter

Charlotte Hornung ist vormittags mit dem Labrador ihres Freundes spazieren, als ihr ein Rentner auf dem Rad entgegenkommen. Der Senior ist längst vorbei, die 23-Jährige geht ihres Wegs - als "Aika" anschlägt. "Ich hätte nichts bemerkt." So aber blickt sich die Ambergerin um und sieht das umgestürzte Rad auf dem Weg an der Staatsstraße 2238 zwischen Bernricht und Neubernricht. Daneben liegt auf dem Asphalt der 72-Jährige, regungslos.Charlotte Hornung kontrolliert seine Vitalfunktionen und setzt den Notruf ab. Sie winkt ein Auto heran - "das war Glück, dort ist sehr wenig Verkehr". Fahrer Thorsten Pongratz hilft sofort. Gemeinsam führen die beiden Amberger die Herzdruckmassage aus, die von den Polizeibeamten übernommen wird, bis der Sanka eintrifft. Trotz der schnellen Hilfe stirbt der Rentner im Krankenhaus. "Beide Ersthelfer leisteten vorbildlich und unverzüglich Hilfe", lobt die Polizei Amberg.

Labrador Aika machte Studentin Charlotte Hornung aus Amberg auf einen bewusstlosen Radfahrer aufmerksam.

Geisterbus im Rückspiegel

Ein Novembermorgen 2019, A 93, Abfahrt Weiden-Nord. Der Bärnauer Verwaltungsangestellte Christian Gleißner (inzwischen 42) sitzt am Steuer des Stadtbusses von Bärnau, der in die Werkstatt nach Weiden muss. Hinter ihm fährt Bauhof-Kollege Josef Schmidkonz, der ihn mit dem BMW aufpicken soll. Die Fahrzeuge stehen in Kolonne bei Rot an der Ampelkreuzung Richtung ATU. Im Rückspiegel sieht Gleißner dann Unglaubliches: Ein Bus kommt von hinten angerauscht. Führerlos. Der Bus gerät nach links auf die Gegenfahrbahn, er driftet zurück und touchiert erst einen weißen Pkw, dann den BMW des Kollegen und rammt schließlich von hinten den Gemeindebus und noch einmal von vorne den BMW. Erst dann kommt der Linienbus zum Stillstand.Der Fahrer hängt reglos im Sitz. Er reagiert nicht auf Klopfen und Rufen. Mit dem Radkreuz aus einem Lkw schlägt Schmidkonz die Hintertür ein und kriecht in den Bus. Er macht Gleißner auf. Die Helfer legen den Bewusstlosen in den Mittelgang und beginnen mit der Reanimation. Zwei Frauen leisten Beistand - ansonsten fragt niemand nach, ob noch Hilfe nötig ist. "Das hat mich schon erschreckt", sagt Gleißner. Er ist Feuerwehrmann. "Für uns war das selbstverständlich." Ein Paar aus Wiesau kommt hinzu und übernimmt: Er ist hauptberuflich Rettungssanitäter, sie ehrenamtliche Sanitäterin. Letztlich ist der 62-Jährige nicht zu retten. Er stirbt wenige Tage später im Klinikum Weiden.

Christian Gleißner (links) und Josef Schmidkonz aus Bärnau reanimierten den Fahrer des Geisterbusses auf der A 93. Beide sind Mitarbeiter der Stadt Bärnau und waren dienstlich unterwegs.

Aufmerksame Achtjährige

Mia war erst 8 Jahre alt und trotzdem spielte sie die zentrale Figur in einem Notfall an einem Sonntagvormittag im September 2019 in Neustadt/WN. Sie ist mit Mama Anna Guida und Schwester Amelie (damals 6) auf dem Heimweg vom Gottesdienst. Auf dem Parkplatz eines Getränkemarktes in der Inneren Flosser Straße sieht das Mädchen schon von weitem einen Menschen liegen. "Da liegt jemand, du musst halten", habe die Tochter gerufen. "Und das habe ich dann gemacht", erzählt Mutter Anna Guida, Konrektorin der Sonderschule in Nabburg. Die hilflose Person entpuppt sich als Sturzbetrunkener, den man neben der Ortsdurchfahrt nicht liegen lassen kann. Anna Guida hat kein Handy dabei. Etliche Autos fahren vorbei, bis ihr ein Mann sein Mobiltelefon leiht, damit sie einen Notruf absetzen kann. Nur unter Protest: "Er meinte, ich könne doch die paar Schritte zur Polizei laufen." Dann geht er wieder und überlässt die Mutter der Situation: ein Betrunkener und zwei Kinder im Auto. Sie bleibt, bis das BRK eintrifft. Die Auszeichnung zum "Kavalier der Straße" hat die 39-Jährige überrascht: "Ich weiß nicht, wer mich da vorgeschlagen hat." In diesem Fall war es das BRK-Team der Rettungswache Neustadt.

Anna Guida und ihre Töchter Mia und Amelie ließen einen hilflosen Betrunkenen nicht einfach liegen.
Info:

Kavalier der Straße

Sich selbst beherrschen und anderen helfen – wer so handelt, ist ein „Kavalier der Straße“. Kennen Sie einen Kavalier der Straße? Dann melden Sie den Retter in der Not bei Ihrer Polizeiinspektion oder direkt per Online-Formular bei www.kavalier-der-strasse.com. Oberpfalz-Medien ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft von deutschen Tageszeitungen, die das partnerschaftliche Miteinander im Straßenverkehr fördert.

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