ONETZ: Herr Härtl, das Umweltinstitut beklagt in seiner Studie „Pestizid-Belastung in der Luft“ die weite Streuung zahlreicher Wirkstoffe. Wem können die Verbraucher mehr vertrauen: einem Verein, der sich für Umweltschutz einsetzt, oder einem Verband, der die Interessen seiner Mitglieder vertritt?
Ulrich Härtl: Wir haben nichts gegen diesen Verein, wir sind ja nicht Steigbügelhalter der chemischen Industrie. Wir kritisieren, dass mit Ängsten gearbeitet wird. Die Studie ist nicht verkehrt, aber man muss sie ins Verhältnis setzen. Wenn man mit heutigen Messmethoden auf der Zugspitze Spuren von Kerosin oder Autoabgasen sucht, findet man sie. Wir orientieren uns an den Vorgaben staatlicher Stellen wie des Bundesinstituts für Risikobewertung und den Aussagen des Umweltbundesamtes.
ONETZ: Um welche Mengen geht es denn?
Ulrich Härtl: Es wurden Rückstände im Nanogramm-Bereich gefunden, das unterschreitet jede Schwelle. Wenn dann der Eindruck erweckt wird, unsere Landwirte würden unsere Umwelt vergiften, trifft sie das. Sie sagen zurecht, „unsere Pflanzenschutzmittel durchlaufen ein strenges Zulassungsverfahren, wir müssen uns aufwendigen Schulungen unterziehen, dürfen nur ausbringen, wenn es die Witterung es zulässt“.
ONETZ: Sehen Sie dennoch Einsparpotenziale bei Pflanzenschutzmitteln?
Ulrich Härtl: Kein Landwirt kann es sich heute noch leisten, mehr zu spritzen oder zu düngen als unbedingt nötig. Dafür ist kein Geld übrig. Es gibt technische Optimierungsmöglichkeiten, um möglichst wenig gezielt dort zu verteilen, wo es gebraucht wird. Es wird untersucht, wie grobtropfig die Wirkstoffe ausgebracht werden können, welche Düsen am besten geeignet sind, wie tief es in den Boden gehen muss, ob andere Anwendungen besser sind, wie Streuen statt Spritzen. Auch der Einsatz von Nützlingen wird erprobt.
ONETZ: Verstehen Sie, dass sich die Verbraucher Sorgen machen – die Schadstoffe von Verkehr, Industrie und Landwirtschaft summieren sich?
Ulrich Härtl: Wir haben in Deutschland die strengsten Regelungen. Jeder Stoff kann schaden, es kommt auf die Konzentration an. Natürlich wäre es jedem Landwirt recht, er bräuchte gar nichts spritzen. Die Bio-Landwirtschaft schafft das mit einem erheblichen Mehraufwand, weshalb deren Lebensmittel deutlich teurer sind. Dazu kommt: Wenn wir komplett umsteigen, haben wir einen Mehrbedarf an Fläche von 40 Prozent. Wo sollen wir die hernehmen? Wir suchen schon heute händeringend nach Land.
ONETZ: Nach Einschätzung von Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, liefert die Untersuchung aufschlussreiche Daten zur Verbreitung von Pflanzenschutzmitteln über die Luft. Er sagt aber auch, die weiter entfernt gefundenen Rückstände stellten keine unmittelbare Gefahr für Tiere und Pflanzen da. Also Entwarnung?
Ulrich Härtl: Die Proben lagen weit unter dem Grenzwert. Das Bundesamt hat auch festgestellt, dass ein Drittel der gefundenen Mittel in Deutschland noch nie zugelassen und verwendet wurden, also offenbar über die Grenzen verweht wurden. Ich erinnere mich noch gut an die Hochphase des sauren Regens, der im Fichtelgebirge verheerende Schäden verursachte. Auch davon ist noch Schwefel im Boden. Das beschäftigt uns Landwirte, wir müssen unseren Mitteleinsatz akribisch dokumentieren, aber in der Öffentlichkeit heißt es, „ihr vergiftet uns“.
Die Proben lagen weit unter dem Grenzwert. Das Bundesamt hat auch festgestellt, dass ein Drittel der gefundenen Mittel in Deutschland noch nie zugelassen und verwendet wurden, also offenbar über die Grenzen verweht wurden.
ONETZ: Der Vorsitzende des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, Boris Frank, kritisierte, dass Pestizide auch auf biologisch bewirtschaftete Äcker gelangten. Bislang trage die Biobranche die Kosten für die aufwendigen Kontrollen ihrer Produkte und für belastete Ware weitgehend selbst.
Ulrich Härtl: Bei ordnungsgemäßer Anwendung funktioniert das Nebeneinander von biologisch und konventionell sehr gut. Eine Belastung im Nanogramm-Bereich darf nicht dazu führen, dass diese Lebensmittel nicht mehr als biologisch gelten. In unserer gesamten Umwelt befinden sich Rückstände menschgemachter Stoffe aus Verkehr, Heizung oder Industrie. Man muss einordnen, wo‘s gefährlich wird für Mensch und Tier. Aber wir leben nicht im Vakuum. Einen Würfelzucker im Bodensee kann man auch nachweisen, aber man bekommt davon kein Diabetes.
ONETZ: Lupenreine Lebensmittel sind also Illusion?
Ulrich Härtl: Das ist Einstellungssache. Ein Apfel, der ein wenig Schorf hat, bleibt im Supermarkt liegen. Ohne Mitteleinsatz gibt‘s keine einheitlich schönen Früchte. Es ist eine Schande, was Speisekartoffelerzeuger an einwandfreien Knollen wegwerfen müssen, weil sie durchs Raster fallen. Wir rufen deshalb seit langem dazu auf, „kauft regional, unterstützt die Landwirte vor Ort“. Der Verkauf „krummer Hund“ ist ein Versuch, gute, aber nicht ganz so schöne Produkte zu bewerben. Auch Bio-Bauern kommen in Schieflage, wenn immer mehr einsteigen und sie die Preise nicht mehr erzielen können, um den Aufwand betreiben zu können. Erst kürzlich hat ein Bauer die Belieferung des Einzelhandels eingestellt, weil er eine große Menge bester Güte für niedrigen Preis liefern muss. Jetzt versucht er es wieder mit Selbstvermarktung – auch kein leichtes Brot.
ONETZ: Also gilt noch immer die Devise: wachsen oder sterben?
Ulrich Härtl: Nein, wir wollen unsere Familienbetriebe erhalten. Aber in diesem Dilemma stecken unsere Landwirte. Die Schweinehalter sind am Ende, sie bekommen nicht einmal die Herstellungskosten, aber im Handel ist der Preis so hoch wie zuvor.
ONETZ: Wie wäre es, wenn die Landwirtschaft zusammen mit Umweltverbänden versucht, die Rahmenbedingungen zu verändern?
Ulrich Härtl: Wir praktizieren das in Tirschenreuth und Neustadt bereits, arbeiten mit den Öko-Modellregionen zusammen und versuchen, auf dieser Schiene etwas aufzubauen.
















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