20.03.2019 - 16:09 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Es lebe das andere Leben

Einen riesengroßen Sack hat Autor Bov Bjerg mit seinem Bestsellerroman "Auerhaus" geschnürt. Gefüllt hat er ihn mit sechs Heranwachsenden aus einem Dorf, die alle zwar sehr unterschiedlich sind und eigene Ideen verfolgen.

Ein knappes Jahr lang teilen sie sich Lebensmut und Lebensmüdigkeit und scheitern. Davon erzählt die Bühnenversion von Bov Bjergs Bestseller „Auerhaus“. Die Geschichte kommt in Amberg an, die Figuren sind gut markiert, die Bildübersetzung recht gut gelungen.
von Autor MSCProfil

Aus diesem festgelegten Plan brechen sie also aus. Die Chance dazu bekommen sie, weil sie die Verantwortung für Frieder übernehmen, der nach einem Suizidversuch nach Meinung der Ärzte nicht mehr auf den Familienbauernhof zurückkehren soll. Deshalb ziehen Frieders bester Freund Höppner, seine Freundin Vera, die Ladendiebin, außerdem Cäcilia aus reichem Elternhaus, Pauline, die Brandstifterin, und Harry, der womöglich schwule Dealer in ein heruntergewirtschaftetes Anwesen, genannt Auerhaus. Das heißt so heißt, weil die Nachbarn ständig den Hit "Our House" von Madness hören, aber kein Wort Englisch verstehen. Also: Auerhaus wie Auerhahn (oder doch wie Aua-Haus?)

Chaos und Anarchie

Von nun an geht's rund in der vergammelten Bude! Es lebe das Chaos, die Anarchie, das andere Leben! Party bis zum Abwinken, kiffen, klauen, krakeelen. Die Welt draußen interessiert nicht. Sie betrinken sich mit süßem Wein und fällen zu Weihnachten die Tanne auf dem Marktplatz. Was soll's? Mit großem Tempo erzählen Florian Rast, Tomas Heise, Rebecca Selle, Charlotte Mednansky, Emma Henrici und Felix Utting die Geschichte, die mit dem Ende beginnt. Wie Frieder nach seinem ersten Selbstmordversuch auf die geschlossene Station einer psychiatrischen Anstalt kam. Wie er entlassen wurde mit der Auflage, nicht wieder bei seinen Eltern einzuziehen.

Einfach und kompliziert

Der Zuschauer erfährt auch, wie Höppner und Frieder eine WG in einem leerstehenden Bauernhaus gründeten, mit Höppners Freundin Vera und mit Pauline, die Frieder in der Psychiatrie kennengelernt hatte. Im Auerhaus hat ihr Dasein einen Sinn: jeden Tag aufs Neue Frieder (und auch einander) das Leben zu retten, was aber misslingt.

Das Bühnenmobiliar ist noch verhängt, das Licht schimmert geheimnisvoll blau, die Musik dröhnt. Einfach und doch kompliziert, kraftvoll und dann wieder Angst besetzt Regisseur Philippe Besson die einzelnen Szenen, wo die Erwachsenen im Dialekt sprechen und die Jungen sich korrekt im Hochdeutsch ausdrücken: Musterung von oben herab, Probestunde für Ladendiebstahl und Spritztour im Amischlitten, Pistolenattrappe und Gerichtverhandlung.

Viel wird hineingestopft in diesen Theaterabend, der nach pausenlosen, teils auch hektischen 75 Minuten endet. Ein engagiertes Schauspieler-Team, gut abgestimmte Musik, passendes Bühnenbild aber auch eine große Portion Ratlosigkeit hält die Bühnenversion von Kathi Loch fürs vorwiegend junge Publikum bereit. Viel Zeit zum Nachdenken und Reflektieren bleibt nicht. Schade auch, dass der Text nicht immer zu verstehen war. Trotzdem gab es beachtlichen Applaus für die Produktion von Euro-Studio Landgraf in Zusammenarbeit mit TJG (Theater junge Generation) Dresden.

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