01.11.2018 - 16:24 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

"Legal Highs": Gefährliche Ersatzdrogen auf dem Vormarsch

Bunte Tütchen, lustige Namen - akute Lebensgefahr: Neue psychoaktive Stoffe (NPS) oder "Legal Highs" spielen in Polizeiberichten im häufiger eine Rolle. Auch in der Oberpfalz schießen die Fallzahlen in die Höhe.

Die bunten Tütchen und lustigen Namen täuschen. "Legal Highs" können lebensgefährlich sein.
von Matthias Schecklmann Kontakt Profil

"Spice", "Monkees go Bananas", "Lava Red", "Bonzai", "Charge+", "Mojo", "Raz" oder "Volt 220": "Neue psychoaktive Stoffen" (NPS) haben klingende Namen. Weil es sie - etwa als vermeintliche Badezusätze - in manchen Ländern legal zu kaufen gibt, werden sie auch "Legal Highs" genannt. "Es handelt sich um bewusstseinserweiternde Substanzen. Die Inhaltsstoffe werden synthetisch hergestellt. Der Hintergedanke ist, die Wirkung illegaler Drogen zu imitieren", erklärt Professor Norbert Wodarz, Leiter des Zentrums für Suchtmedizin am Bezirksklinikum Regensburg. Das Bundesgesundheitsministerium unterscheidet drei Gruppen von "Legal Highs":

"Räuchermischungen":

Diese Produkte sollen Cannabis imitieren und werden in Anlehnung an eine weit verbreitete Sorte auch "Spice" genannt. In manchen Fällen sind sie auch in flüssiger Form, zum Beispiel als Öle, auf dem Markt. Sie enthalten ausschließlich synthetische Cannabinoide und sind inzwischen in großer Vielfalt erhältlich. Von manche Kräutermischungen gibt es sogar Varianten, zum Beispiel Spice (Silver, Gold oder Diamond) oder Bonzai (Citrus, Winter oder Boost).

"Andere Legal Highs":

Darunter fallen Produkte, die Cannabis nicht ähneln. Sie werden als "Badesalze", "Raumlufterfrischer" oder "Düngerpilze" gehandelt. Es sind synthetische Substanzen, die als Ersatz für Partydrogen, wie Amphetamin, Ecstasy oder Kokain benutzt werden. Beispiel sind "Charge+", "Mojo", "Crystal X" oder "Jungle Dust".

"Research Chemicals":

Dabei handelt es sich um synthetische Drogen, die als Reinsubstanz unter ihrem chemischen Namen verkauft werden. Oft findet sich auf der Packung der Hinweis "Research use only" ("nur für Forschungszwecke"). Beispiele dafür sind Mephedron, Methylon und Fluoramphetamin.Die Vielfalt an "Legal Highs" ist groß. Alleine 2017 stellte die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) 51 neue Sorten fest. Insgesamt kommt die Behörde auf 670. Ein Problem dabei ist, dass die synthetisch hergestellten Drogen sich oft nur minimal in der Zusammensetzung unterscheiden, auf den Körper aber unterschiedlich wirken. "Bei einer Versuchsreihe wurden gleiche Päckchen auf ihre Inhaltsstoffe untersucht. Das Ergebnis waren 13 verschiedene Kombinationen aus 9 Stoffen. Selbst bei gleichem Inhalt unterscheide sich die Wirkstoffdosis. Das kann der Konsument nicht nachvollziehen, wenn er im Internet bestellt", sagt Wodarz.

Die Folgen des Konsums sind daher schwer abzuschätzen. Neben Herzrasen, Kreislaufprobleme, Übelkeit sowie Kopf- und Magenschmerzen können die Drogen zu Angstzuständen, Muskelkrämpfen oder Bewusstlosigkeit führen. Im Internet kursieren Videos aus den USA, in denen Menschen in eine Art Trance fallen, dabei aber ungemein aggressiv werden. Die Droge "Cloud Nine" war der Auslöser für diese Fälle. Es gehört zu den "Badesalzen". Seine Wirkung lässt sich mit der von LSD vergleichen. Der chemische Grundstoff für die Droge wurde in den 1960er Jahren von einem Pharmaunternehmen entwickelt. Viele NPS wirken um ein Vielfaches stärker als herkömmliche Drogen. "Kräutermischungen zum Beispiel haben eine bis zu 500 Mal stärkere Wirkung als normales Cannabis", erklärt Wodarz.

In Bayern gibt es pro Jahr rund 300 Drogentote. "15 bis 20 Prozent davon sterben am Konsum von NPS", sagt er. Die Dunkelziffer könnte höher liegen: "Meiner Schätzung nach sind es deutlich mehr NPS-Tote, das ist nur schwer festzustellen. Es kann auch nach einem Schlaganfall aussehen." Die Beliebtheit der "Legal Highs" führt der Leiter des Zentrums für Suchtmedizin auf die Verfügbarkeit der Ersatzdrogen für Konsument und Dealer, zurück: "Für die kleinen Dealer ist eine Bestellung im Internet einfacher als illegale Drogen beim Großhändler zu kaufen."Auch in der Oberpfalz häufen sich Fälle, bei denen NPS eine Rolle spielen. Das Polizeipräsidium Oberpfalz bearbeitete 2017 23 Fälle, 2018 waren es bereits 94. Ein großes Problem ist, dass es relativ leicht ist an die Drogen zu kommen. Im Internet werden sie aus China, Belgien oder den Niederlanden bestellt. "Die Bayerische Polizei hat die Problematik erkannt und setzt auf IT-Experten.

Die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Dienststellen bildet einen weiteren Baustein bei der Bekämpfung", erklärt Florian Beck von der Pressestelle des Präsidiums. Es sei davon auszugehen, dass NPS überwiegend in pharmazeutischen "Drogen-Laboren" im Ausland produziert werden. Der Verkauf laufe dann über das Internet.Strafbar sind laut dem "neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz" (NPSG) das Handeltreiben mit NPS, das Inverkehrbringen, das Verabreichen, die Herstellung und die Einfuhr solcher Stoffe. "Der Gesetzgeber setzt hinsichtlich der Konsumenten auf Aufklärungs- und Präventionsangebote", erklärt Beck. Wodarz geht davon aus, dass NPS auch in den nächsten Jahren auf dem Vormarsch sein werden. Die Zahlen sprechen dafür.

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