07.09.2018 - 14:10 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Nach Nein zum Leserbrief unter Strom

Es ist kein gewöhnlicher Leserbrief. Nach eingehender Prüfung lehnt der zuständige Redakteur eine Veröffentlichung ab und teilt der Verfasserin der Zuschrift seine Gründe mit. Das sorgt bei der Frau für Verärgerung.

Damit der Strom sich seinen Weg durchs Land bahnen kann: Monteure arbeiten an einer Freileitung.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Stein des Anstoßes war ein dpa-Artikel auf unserer Wirtschafts-Seite. Überschrift: "Altmaier und die Stromnetze." Inhalt unter anderem: die stockende Energiewende und die dreitägige "Netzausbaureise" des Wirtschaftsministers mit Stationen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Dazu erreichte mich ein Leserbrief einer Frau aus dem Raum Tirschenreuth, den sie mit dem Titel versah: "Neue Pressekampagne für den Stromnetzausbau gestartet." Die Leserin dann wörtlich: "Es irritiert schon sehr, dass auch der Neue Tag sich dieser neuen Kampagne anschließt. Gerade im Erscheinungsgebiet der Zeitung ist doch der Widerstand gegen den überdimensionierten Netzausbau nicht zu übersehen." Und sie fügte hinzu: "Liebe Chefs des NT, habt ihr denn gar nicht aufgepasst, oder warum lasst ihr bloß immer noch fleißig von denen abschreiben, die aus Renditegründen (9,05 % garantiert) den Netzausbau mit der Energiewende gleichsetzen? Der im Norden erzeugte Windstrom muss nicht in den Süden, denn im Norden wird er selbst gebraucht."

"Abstruse Behauptungen"

Als der zuständige Redakteur für die überregionale Leserseite formulierte ich folgende Antwort-Mail: "Ich werde Ihren Leserbrief nicht veröffentlichen, weil er in Teilen doch recht abstruse Behauptungen enthält. Das beginnt mit ,neue Pressekampagne'. Wir fahren hier mitnichten eine Kampagne, wenn wir diesen dpa-Bericht veröffentlichen. Und schließen uns damit schon gar nicht irgendeiner Kampagne an. Das lassen wir uns sicher nicht vorwerfen, weil es jeder Grundlage entbehrt. Der Widerstand gegen den Netzausbau in unserem Verbreitungsgebiet war im Übrigen häufig Thema im Neuen Tag. Darüber gehört sich genauso berichtet, wie über Altmaiers Pläne.

Was Sie den ,lieben Chefs des NT' mitteilen möchten, hat mich ebenso irritiert. Sie verlangen im Prinzip, dass sich der NT gegen den Netzausbau positioniert. Würden wir so verfahren, käme das einer manipulativen Berichterstattung gleich. Das wäre nicht in unserem Sinne und schon gar nicht im Sinne unserer Leserschaft. Sie hat ein Anrecht, sowohl die Sicht der Befürworter als auch die der Gegner zu erfahren, um sich ein eigenes Bild machen zu können."

Leserin: Doch Kampagne

Es kam, wie ich erwartet hatte: "Einige Ihrer Aussagen kann ich (...) nicht nachvollziehen", schrieb die Leserin zurück und verwies auf die Definition des Begriffs "Kampagne" bei Wikipedia: "Eine Kampagne ist eine zeitlich befristete Aktion mit einem definierten Ziel, das durch geplantes und koordiniertes Zusammenwirken mehrerer Personen oder Akteure zu erreichen versucht wird. Der Begriff wird oft im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit verwendet (Pressekampagne, Medienkampagne, Wahlkampagne)." Die Frau fügte hinzu: "Wie ist folgender Sachverhalt zu nennen? Über einen zusammenhängenden Zeitraum von ca. einer Woche kommen täglich Meldungen zum zögerlichen Netzausbau und zur Trassenreise von Minister Altmaier. Ein koordiniertes Zusammenwirken kann bei der Reihung von Presseartikeln, wie sie zum oben genannten Thema derzeit erfolgt, aus meiner Sicht nicht anders genannt werden. Diese Artikel erscheinen ja nicht nur im Neuen Tag. Ein guter Journalist müsste aus meiner Sicht hinterfragen, was mit solchen Meldungen erreicht werden soll. Die Antwort kann schnell gefunden werden, denn die online Plattform ,energate messenger' meldete schon vor Wochen, dass das Netzausbau-Beschleunigungsgesetz verschärft werden soll. Das wäre eine gute Begründung für die Kampagne."

Mit der Formulierung "Liebe Chefs beim NT" habe sie die ganze Thematik etwas auflockern wollen, "um sie nicht so bierernst wirken lassen", meinte die Frau. "Das ist offensichtlich nicht so angekommen. Schade." Schließlich meinte die Leserin: "Ein Leseranwalt sollte eigentlich für die Leser da sein und auf ihrer Seite stehen. Ihren Äußerungen entnehme ich aber immer nur Rechtfertigungen für die Zeitung. Sei es, warum Sie einen Leserbrief nicht abdrucken, was an einem Leserbrief falsch ist, warum die Zeitung so oder so schreibt. Und das zum Teil öffentlich abgehandelt. Ich denke, das kommt nicht bei allen Lesern gut an, schon gar nicht bei denen, die sie öffentlich, wenn auch ohne Namensnennung, abhandeln. Diese Leser tauschen sich gelegentlich untereinander aus und kommen zu einer negativen Bewertung solcher Aktivitäten. Das kann die Akzeptanz der Zeitung schmälern."

Meine Entgegnung lautete so: "Sie schreiben, ein Leseranwalt sollte eigentlich für die Leser da sein und auf Ihrer Seite stehen. Wenn ich mich jetzt auf die Seite der Stromtrassengegner schlage - was sagen dann die Befürworter? Ihre Argumentation greift da also etwas zu kurz. Für den Leser da sein bedeutet nicht automatisch, seiner Meinung zu sein.

Wir haben die Position des Leseranwalts im April 2017 geschaffen, um in unserer Kommunikation etwas zu ändern. Ich hätte Ihren Leserbrief auch einfach zu den Akten legen und gar nicht darauf reagieren können. Fände ich aber nicht gut. Darum habe ich Ihnen meine Meinung dazu geschrieben. Ist das falsch? Ich zeige Ihnen nachfolgend mal kurz auf, was unter anderem die Aufgaben eines Leseranwalts sind:

Aufgaben des Leseranwalts

Er kümmert sich in erster Linie um Beschwerden und Anregungen, beantwortet Anrufe, Briefe, Mails. Er überprüft die Berichterstattung auf Richtigkeit, Fairness, Ausgewogenheit sowie den guten Geschmack und empfiehlt den Redaktionen gegebenenfalls geeignete Abhilfemaßnahmen, um Berichte zu korrigieren oder journalistische Grundsätze klarzustellen. Er soll ein Mittler zwischen Lesern und Redaktion sein. Er ist für die Leser ein Ansprechpartner und schreibt wöchentlich eine Kolumne (in Print und Online). Er geht auf Leserkritik ein: an journalistischen Beiträgen und sonstigen redaktionellen Leistungen. Er macht für Leser die Kriterien redaktioneller Arbeit durchschaubar (Medienkompetenz). Er soll den Prozess der Berichterstattung gegenüber der Öffentlichkeit verdeutlichen.

Sie sprechen davon, Sie würden von mir immer nur Rechtfertigungen hören. Diese Sicht bleibt Ihnen unbenommen. Ich betrachte die wöchentlichen Seiten als Erklärungen und Erläuterungen. Und auch hier gibt es zwei Seiten: den einen gefällt das, den anderen nicht. Ich bekomme für diese Leseranwalt-Seiten sowohl Kritik als auch Anerkennung aus der Leserschaft. Das ist gut so und soll so sein.

Ich hatte kürzlich in einer meiner Kolumnen Folgendes geschrieben: ,Wie ein Leser eine Berichterstattung wahrnimmt, hängt zu einem nicht unbedeutenden Teil davon ab, welche individuelle Meinung er dazu hat. So ein Leser glaubt dann: Die Zeitung positioniert sich gegen meine Meinung. Zitiert sei hier Paul Jandl, der dieser Tage in der Digitalausgabe der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) befunden hat: ,In der Zeitung stehen Dinge, die uns nicht gefallen müssen, die wir aber als zivilisierte Bürger zu ertragen haben.' Sie sind erklärter Trassengegner, deshalb empfinden Sie unsere Berichterstattung zu diesem Thema so, wie man es Ihren Ausführungen entnehmen kann. Das ist auch kein Problem für mich."

In ihren "finalen Ausführungen" forderte die Leserin eingangs, man möge doch auch das beachten, was sie zur rechtlichen Seite des Stromnetzausbaus geschrieben habe, bei dem die derzeit schon geltende Beschleunigung rechtswidrig sei. Die Schlussfolgerungen, die sie aufgezeigt habe, treffe keinesfalls sie, sondern eine Koryphäe auf dem Gebiet des Umweltrechts, der bereits aus der Wackersdorfer Zeit bekannte Rechtsanwalt Wolfgang Baumann.

"Rechtfertigungen"

Außerdem hielt die Leserin fest: "Leider kommen Ihre Aussagen in der Zeitung als Rechtfertigungen bei mir und anderen an. Was von Ihnen Ihren Angaben zufolge nicht beabsichtigt ist. Das ist bedauerlich. Immer, wenn man Öffentlichkeits- oder auch Motivationsarbeit betreibt, kann eine Aussage anders ankommen, als sie beabsichtigt ist. Da hat in erster Linie derjenige die Verantwortung, der die Aussage macht. Das ist einer der Hauptpunkte eines jeden Managementseminars."

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