30.08.2019 - 12:17 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Luftmuseum Amberg: Die Kugelförmigkeit der Luft

Johannes Steininger zeigt im Luftmuseum mit seinen aus verschweißten Kunststofffolien entstandenen "Linearen Buckelarbeiten" die Kugelförmigkeit von Luft. Und in der Hauskapelle hauchen Anne Pfeifer und Berhard Kreutzer ihrer Luft-Installation "Elongation" maschinenhaftes Leben ein.

von Peter GeigerProfil

Wer sich auf ein Gespräch mit Johannes Steininger verabredet, sollte auf alle Fälle ein bisschen Zeit mitbringen. Nicht etwa, weil der Luftkünstler aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz ein besonders langweiliger Zeitgenosse wäre. Oder weil er sich eines Sprachduktus bediente, der bedächtig daher käme oder ausgesprochen langsam. Nein, ganz und gar nicht: Die Unterhaltung, sie ist von Anfang an konzentriert und spannend. Aber sie zieht sich ganz einfach deshalb, weil die Dinge, die Johannes Steininger zu erklären hat, komplex sind. Und auch kompliziert.

Die Luft ist rund

Für seinen Lebenslauf ist wie im klassischen Bildungsroman eins vom anderen abhängig. Auch das, was zunächst überflüssig erscheint. Jeder Schritt, sei es die Ausbildung zum Maschinenschlosser, die Tontechniketätigkeit für den ORF oder sein Engagement im Hintergrund des Theaters "Phönix" in Linz, resultiert in jener Vorwärtsbewegung, die sich - von heute aus betrachtet - nicht nur als logisch, sondern auch als unverzichtbar erweist. Und schließlich darauf zielt, an jenem biographischen Punkt zu landen, der nunmehr im Erdgeschoss des Luftmuseums 69 Arbeiten unter dem Titel "Lineare Buckelarbeiten" offenbart.

Auch die für den Ausstellungstitel verantwortlichen "Buckel", sie entstehen keineswegs zufällig. Sondern sie sind das Ergebnis künstlerischen Strebens und damit jenes berühmten magischen Mehrwerts, der die Summe der Einzelteile übersteigt: Johannes Steininger bearbeitet PVC-Folien, und zwar auf eine von ihm selbst erfundene und geprägte Weise. Das Gerät, das er dazu benutzt, funktioniert auf der Basis von Hochfrequenztechnik und gestattet es ihm, in einem handwerklich herausfordernden Akt wie mit einer Nähmaschine das ansonsten so reißanfällige Material zu verkleben und so zu gestalten, dass es etwa narbenhafte Oberflächenstrukturen erhält. Auch wenn es banal klingt: Luft breitet sich niemals so aus, dass sie die Gestalt eines geradkantigen Würfels annähme. Nein, sie strebt immer nach kurvenhafter und buckliger Kugelförmigkeit.

Taktile Verkaufsargumente

Und genau diese Tatsache macht die Arbeiten von Johannes Steininger so attraktiv: Dem Betrachter treten sie als dreidimensionale Skulpturen entgegen, als an der Wand hängende poppig bunte Reliefs, die aufgrund ihrer Rundungen an humanoide und anthropomorphe (mit anderen Worten: an menschliche Körper gemahnende) Ausprägungen erinnern. Jetzt lacht Johannes Steininger: "Die Besucher sind irrsinnig stark versucht, hinzufassen. Am Anfang hab' ich das auch noch erlaubt." Zwischenzeitlich aber hat er seine Strategie geändert - und nutzt den Willen zum Taktilen als Verkaufsargument: "Wenn das Bedürfnis entsteht und so stark ist, dass es sich nicht unterdrücken lässt - ja, dann soll der Betrachter die Arbeit doch einfach kaufen!"

Trotzdem: Im Luftmuseum gilt für die "Linearen Buckel" alles andere als ein striktes Berührungsverbot: Johannes Steininger, der auch schon Unterwassermikrophone entwickelt hat, kommt eigentlich von der Klangkunst her (über die er auch in Berlin bei Professor Sam Auinger promoviert hat), und Luft nutzt er dabei als Trägermedium. Davon kündet auch die Arbeit "Fountainhead", die deshalb angefasst werden muss, weil sie mittels Vibration mit dem Betrachter in Kontakt tritt. Und auch für Johannes Steininger selbst ist das jetzige Gastspiel keineswegs die erste Berührung mit Amberg: Nachdem er 2012 sein Masterstudium absolviert hatte, da war er schon mal hier im Luftmuseum: Und zwar als Fan. Bei Recherchen für seine damalige Abschlussarbeit war er auf das Luftmuseum gestoßen, hatte sich antiquarisch einen Katalog mit Arbeiten von Wihelm Koch besorgt und war nach seinem Besuch völlig begeistert, von der in seinen Augen so "rotzfrechen" Herangehensweise, Kunst zu machen und präsentieren.

Eigendynamische Fliehkraft

Wer ein Stockwerk höher geht, hinauf in die gotische Hauskapelle, sollte sich nunmehr aber tatsächlich an das hier ganz explizit deklarierte Berührungs- und Näherungsverbot halten: Denn die dort zu sehende Arbeit "Elongation" (der aus der Astronomie stammende Begriff für "Pendelbewegungen" ist unbedingt deutsch auszusprechen!) der beiden in München lebenden Künstler Anne Pfeifer und Bernhard Kreutzer entwickelt eine überraschende Eigendynamik, so dass Besucher gut beraten sind, sich hinter der Absperrung auf Distanz zu halten.

Acht Alurohre sind kreisförmig an einer Kette befestigt und hängen zunächst gänzlich harmlos nach unten. Wenn aber die Minipropeller, die von einem im Hintergrund agierenden Computer gesteuert werden, in Aktion treten, dann sorgen physikalische Grundgesetze wie die Fliehkraft dafür, dass diese kinetische Soundinstallation ein raumgreifendes Eigenleben der Extraklasse entwickelt. Und uns so ganz en passant einen Blick gewährt, was Gegenwart und Zukunft alles in ihrer Pandorabüchse bereithalten.

Nein, man muss nicht so weit gehen, dass man an autonome Waffen oder Killerroboter denkt - aber diese "Elongation", sie zeigt uns nicht nur näherungsweise, sondern ganz ausdrücklich, dass Maschinen romantisch sind und nicht nur tanzen können. Sondern ihren eigenen und höchstpersönlichen Beitrag leisten, zum Magischen, Schönen, Rätselhaften, Abgründigen und Absurden.

Service:

Die Ausstellungen laufen bis 27. Oktober im Luftmuseum Amberg (Eichenforstgäßchen 12). Öffnungszeiten: bis 30. September: Dienstag bis Freitag 14 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr; ab 1. Oktober: Dienstag bis Freitag 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 17 Uhr

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