30.06.2020 - 19:07 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Ostbayern als Münchens neuer Süden im Corona-Land

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Der Lockdown hat Ostbayern 550000 Euro pro Stunde gekostet, errechnet Michael Braun vom Tourismusverband Ostbayern auf Basis der touristischen Wertschöpfung. Langsam erholt sich die Branche. Hotels und Gastwirte hoffen auf die Hochsaison.

Das große Plus des Tourismus Oberpfälzer Wald: Grenzenlose Natur.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Lange war unklar, ob die Pandemie überhaupt eine Urlaubssaison zulässt. Nach den Lockerungen erwarten neun von zehn Bundesbürgern ein getrübtes Urlaubsvergnügen. Laut aktueller Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur rechnet jeder Dritte mit „starken“ oder „sehr starken Einschränkungen.

Trotz Maskenpflicht in Zügen und Flugzeugen, Einbahnstraßen-Regeln und Sitzplatz-Ampeln auf Fährschiffen, Abstandsregeln an Stränden und in Restaurants, und eingedampftem Freizeitprogramm „überwiegt die Freude auf die Ferien- und Urlaubszeit“ bei 14 Prozent der Befragten. 35 Prozent kommen dagegen „dieses Jahr überhaupt nicht in Urlaubsstimmung“. 30 Prozent der Urlaubswilligen planen Reisen ins Ausland, kleinere Urlaubsbrötchen wollen 21 Prozent backen, 51 Prozent haben noch keine Urlaubspläne.

Natur pur an der Schwarzach

Nabburg

Um die 36 Prozent, die innerhalb Deutschlands verreisen – innerhalb der eigenen Region 11 Prozent, Urlaub „dahoam“ 20 Prozent – bemühen sich auch die Oberpfälzer Touristiker. Mit gemischtem Erfolg, finden die Befragten in unserer Region:

  • Tourismusverband Ostbayern (TVO): „Wir bringen uns auch bei der Bewältigung der Krise mit ein“, sagt TVO-Pressereferentin Ulrike Eberl-Walter. „Dr. Braun hat während des Lockdowns die Forderungen der Branche an die Politik besonders im zuständigen Wirtschaftsministerium formuliert und arbeitet in verschiedenen Gremien mit.“ Mit Initiativen wie „Jetzt! Stark machen für die Zeit danach“ und Online-Angeboten für das Betriebscoaching versucht der TVO die Betriebe krisenfest zu machen. Für ganz Ostbayern stellt der Verband nach dem kompletten Einbruch wieder steigende Übernachtungszahlen fest: „Wenn wir im Juli die Vorjahresergebnisse erreichen, wären wir froh“, sagt Eberl-Walter. „Es fehlen zwei Monate komplett, die kann man nicht mehr aufholen.“ Erst recht nicht in der Hauptsaison, die immer gut ausgebucht sei: „Mehr als voll geht nicht.“
    Deshalb hofft sie auf einen nachsaisonsalen Effekt: „Einige Leute werden den Zweiturlaub dann eher heimatnah bei uns planen.“ Aktuell registrieren die TVO-Partnerbetriebe nach der Restart-Kampagne viele Ausflügler, Prospektanfragen, auch Buchungen für die Sommerferien. Dabei verteile sich das Interesse in etwa ausgeglichen auf das gesamte Verbreitungsgebiet.
Pause am Hammersee in Bodenwöhr.

Plädoyer für den Urlaub dahoam

Deutschland und die Welt
  • Bayerischer Wald: „Es war nicht alles schlecht, was Ministerpräsident Markus Söder entschieden hat“, findet Siegfried Putz vom Tourismus Marketing Bayerischer Wald, der rund 550 Betriebe betreut. „Das Kurzarbeitergeld hat viele Betriebe gerettet.“ Hätten sie die Leute ausstellen müssen, wären die nicht mehr zurückgekommen. Einige Häuser hätten die Auszeit für Renovierungen genutzt. „Wir rechnen damit, im August wieder auf Höhe der Zeit zu sein.“ Wenn die zweite Corona-Welle im Herbst ausbleibe, könne man die Verluste sogar ausgleichen. Selbst eine von Virologen befürchtete „Dauerwelle“ könne man überstehen: „Wir sind anders als Österreich in der glücklichen Lage, nicht auf Massentourismus sondern auf naturnahen Urlaub gesetzt zu haben.“ Bei den Skibetreibern in Ischgl sehe es düster aus. „Dort ist der Winter tot.“ Großzügige Wellness-Anlagen, weitläufige Wanderwege und ein bereits überregional bekanntes Radwegenetz seien gerade in Corona-Zeiten eine begehrte Alternative zu engen Skihütten. „Auf dem Niveau soll es bleiben.“
    Ausgezahlt habe sich die Bewerbung in der Rheinischen Post, der SZ, der FAZ aber auch in Regensburg und der nördlichen Oberpfalz: „Früher war der Bayerische Wald das Erholungsgebiet der Kumpel aus dem Ruhrpott, aber auch der Berliner“, erklärt Putz den Bekanntheitsgrad der Region. „Jetzt kommen die wieder und einige bleiben auch mal eine oder zwei Wochen, statt der üblichen drei Tage.“ Die Hoffnung, dass daraus ein nachhaltiger Trend werde, bestehe. „Münchens Süden liegt im Osten“, setzt Putz auch auf Oberbayern. „Wenn die mal merken, dass sie Richtung Seen und Alpen nur im Stau stehen, aber auf der Deggendorfer Autobahn freie Fahrt haben, macht es auch bei denen Klick.“ Inzwischen kämen sogar verwöhnte Münchner zum Shoppen in den Wald.
    Ein wenig Essig muss der Inhaber einer Werbeagentur dann doch noch in den Wein gießen: „Österreich hat 40 Millionen Euro in den Tourismus gesteckt und Beschränkungen wie die Maskenpflicht in Hotels gesenkt.“ Die Staatsregierung mische sich zu sehr in interne Abläufe ein: „Die Infektionszahlen geben es nicht her, alle passen schon aus Eigeninteresse von sich aus auf.“ Seit der Ministerpräsident die Beliebtheitsrankings anführe, lasse er sich nicht mehr dreinreden: „Der ist im Höhenrausch.“
Die Natur vom Wasser aus erkunden lässt sich beim Bootswandern auf dem Regen.
  • Amberg: „Genaue Zahlen habe ich noch nicht“, sagt Heike Kober vom Amt für Tourismusförderung in Amberg. „Wir stellen aber beispielsweise fest, dass der Wohnmobilstellplatz schon wieder stark frequentiert ist.“ Inzwischen könnten hier wieder alle Plätze genutzt werden, da man durch Aufstellung in gleiche Richtung den Mindestabstand von 1,5 Metern gewährleiste. Auch Stadtführungen und die beliebten Plätten-Fahrten sind wieder angelaufen: „Die sind seit gestern im Wasser und für kleine Gruppen bis zehn Personen buchbar.“ Nach jeder Bewerbung des Fünfflüsse-Radwegs und nach Social-Media-Kampagnen registriere man steigende Anfragen für Fahrradkarten. „Einige Hotels wie die Fronfeste merken schon einen deutlichen Aufschwung.“
Ambergs beliebte Plättenfahrten.
  • Weiden: „Wir haben jetzt wieder etwa 50 Prozent der normalen Belegung erreicht“, schildert Lothar Heigl die Situation in seinem Klassik Hotel am Tor. „Unsere Auslastung liegt normal bei 80 Prozent.“ Der Weidener Vertreter des Hotel- und Gaststättenverbandes beklagt einen „Umsatzverlust im unteren sechsstelligen Bereich“. Für sein Haus und Weiden insgesamt fehlen vor allem die Geschäftsreisenden, die bei ihm sonst einen Anteil von 70 Prozent ausmachen. „Das wird auch danach nicht mehr den Stand von vor der Krise erreichen, die großen Unternehmen fahren ihre Reisetätigkeit um 50 Prozent zurück.“ Auch die Einnahmen von Firmenfeiern, Jubiläen und Geburtstagen fehlten. „Wir haben noch eine größere Buchung aus den USA für August, da muss sich erst herausstellen, ob die überhaupt rein dürfen.“
    Heigl begegnet der Krise nicht mit Rabatten, sondern mit noch mehr Service: „Der Gast muss sich sicher fühlen, deswegen richten wir statt des Frühstücksbüffets jedem Gast ein Tablett nach seinen Wünschen und bringe es ihm auch aufs Zimmer oder auf die Terrasse.“ Das bedeute einen höheren Aufwand, werde aber honoriert.
Attraktives Wanderziel: der Wildenstein.
  • Tirschenreuth: „Im März (ab 17.3. für Urlaubsgäste geschlossen) gab es im Oberpfälzer Wald einen Rückgang der Übernachtungszahlen um 47,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahrsmonat, im April (komplett geschlossen) betrug das Minus 72,7 Prozent“, zieht Stephanie Wenisch, Leiterin des Tourismuszentrums Oberpfälzer Wald für den Landkreis Tirschenreuth, eine vorläufige Bilanz. „Wir hatten noch das Glück, dass Tschechien die Grenzen geschlossen hat und somit vorübergehend relativ viele Berufspendler aus unserem Nachbarland in den Betrieben unterkamen.“
    Durch die Schließung der Unterkünfte von Mitte März bis Ende Mai fehlten im Oberpfälzer Wald inklusive der Stadt Weiden mindestens 247.000 Übernachtungen, den Betrieben im Landkreis Tirschenreuth entgehen knapp 83.000 Übernachtungen. „Damit verliert die Gesamtregion 23,9 Millionen Euro, der Landkreis 8,1 Millionen Euro an Umsatz aus dem Tourismus.“ Positives Signal: „Da wir in den letzten Wochen ein extremes Interesse an der Region spüren, hoffen wir, dass sie für den Rest des Jahres guten Zuspruch findet – wett machen kann man die Schließzeit aber nicht.“ Die Chancen für den Oberpfälzer Wald durch den Boom im Inlandstourismus wolle man nutzen.
Die Domstadt wird seit der Ernennung zum UNESCO-Welterbe im Jahr 2006 immer beliebter.Der Corona-Shutdown hat aber auch Regensburg kalt erwischt.
  • Regensburg: „Der Städtetourismus und die Veranstaltungsbranche sind von der Pandemie vehement betroffen“, sagt Sabine Thiele, Geschäftsführerin der Regensburg Tourismus GmbH. Vor Corona hätten sich die Übernachtungsgästen zu jeweils 50 Prozent auf Geschäftsreisende und private Urlauber verteilt. „Beide Gästegruppen kommen, um Veranstaltungen wie Tagungen oder die Schlossfestspiele zu besuchen, die derzeit wegfallen.“ Man hoffe auf den Sommer und dass das Marketing für Donauradweg und Donaupanoramaweg zum Wandern greife. Für Regensburger biete man das Programm „Urlaub in der eigenen Stadt“, bei dem man Regensburg aus einem anderen Blickwinkel erlebe. Zudem bewerbe man „grüne Oasen, grüne Rückzugsorte in der Stadt“ wie Donaupromenaden oder Parks. „Und wir kommunizieren, wie wir in der Stadt das Hygienekonzept umsetzen, da das Bedürfnis nach Sicherheit bei den Reisenden hoch ist“, betont Thiele.

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