15.01.2020 - 17:08 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Packend präsentierte Geschichten

Das war keine leichte Kost, die das Euro-Studio Landgraf mit den "Geschichten von der allgemeinen Undurchschaubarkeit" den Besuchern im Stadttheater Amberg servierte. Aber der Besuch lohnte sich, trotz höchster Konzentration.

„Geschichten von der allgemeinen Undurchschaubarkeit“ wurden als anspruchsvolle musik-literarische Kost von Manuel Munzlinger (links) und Götz Schubert im „Amberger Stadttheater packend präsentiert.
von Helmut FischerProfil

Es waren die in Szene gesetzten drei Erzählungen von Autorinnen und Autoren, die am renommierten Wettbewerb "Ingeborg Bachmann-Preis" teilgenommen haben und dort mit Preisen bedacht wurden. Ihre Geschichten handeln von Situationen, in denen "man" sich scheinbar unbeabsichtigt wiederfindet, die aber Anlass geben zu teils skurrilen, oft irrwitzigen, stets aber faszinierenden Rückblenden, Visionen, auch irrlichternden Assoziationen.

Das Besondere an dieser Präsentation war, dass diese Geschichten in einer Kombination aus gesprochenen Texten mit situationsschildernder Musik plastisch gemacht wurden. Das war spannend, fesselnd, für den Zuhörer anspruchsvoll und volle Aufmerksamkeit fordernd. Es waren zwei Ausnahmekünstler, die dieses literarische Erlebnis vermittelten.

Sprachliche Brillanz

Götz Schubert war es, der die literarischen Vorlagen mit Leben erfüllte. Erstaunlich, wie er mit seiner wandlungsfähigen Stimme, seinen dezenten Gesten die Handlungen lebendig werden ließ. Schon in der ersten Erzählung der Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig mit dem Titel "Sie befinden sich hier", in dem es um die Situation eines bei einer Bergwanderung plötzlich in einen Schneesturm geratenen Mannes geht, zeigte er seine sprachliche Brillanz. Wie er den "intellektuellen" Kampf dieses verirrten Wanderers gegen den möglichen Tod darstellte, die Rückblenden, die trotzigen Reaktionen auf die zunehmend versagenden Gliedmaßen, das war exzellente Klasse.

Die zweite Geschichte, von Kai Weyand mit "Paso Doble" betitelt, schilderte, wie eine ungeplante, durch telefonische "Überrumplung" zustande gekommene Begegnung eines finanziell angeschlagenen Wohnungsinhabers mit einem zukünftigen Untermieter zu einer Art psychologischem Kampf gerät mit einem völlig unerwarteten, eigentlich simplen Schluss-Effekt.

Auch hier, in dieser so anderen Situations-Schilderung, glänzte Schubert durch seine feinnervige, manchmal etwas sehr rasche Sprachdiktion. Die ständigen Wortspiele, die oft mehrdeutigen Formulierungen, gelegentlich auch humorvoll unterlegt, sie kamen fesselnd "über die Rampe".

"Klang-Intentionen"

Einen partnerschaftlichen Anteil an diesen faszinierenden Präsentationen hatte Manuel Munzlinger. Gewissermaßen als "Vorspann" produzierte er mit seiner brillant geblasenen Oboe und dem "elektronisch" aufbereiteten orchestralen, stark rhythmisch geprägten Sound die passende Hinführung, und während den Erzählungen unterstrichen seine "Klang-Intentionen" sowohl die äußerlichen Verhältnisse (grandios der "Schneesturm" zu Beginn) wie auch die jeweilige Stimmungslage des geschilderten Akteurs. Von diesen musikalischen Überhöhungen hätten es durchaus mehr sein können.

Die dritte Erzählung, "Blätterliebe" von Philipp Weiss, brachte dann die "Undurchschaubarkeit" auch textlich zur Geltung. Ein Schreibender ("ich schreibe mit der linken Hand und streiche mit der Rechten") findet sich plötzlich in der Notaufnehme des Krankenhauses, morgens um 5 Uhr. Mit der Charakterisierung der verschiedenen Personen-Stimmen, vom fistelnden Arzt zur "tröstenden" Krankenschwester, den Rückblenden zu seiner Frau Simone, der Befindlichkeits-Schilderung bei der Magenspiegelung, auch den Traumszenen im "Wachschlaf" lief Schubert zu einer finalen Höchstform auf.

Packend, fesselnd, anspruchsvoll, stets die Konzentration der Zuhörer fordernd, es war unglaublich, wie schnell bei solch pausenloser musikalisch-literarischer Intensität 90 Minuten verfliegen können. Es war keine leichte Kost, aber sie wurde genial von den beiden Künstlern serviert.

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