22.09.2019 - 16:49 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Peter Stadlers Auferstehung nach Radunfall

Was für eine Geschichte: Zweiradhändler Peter Stadler wird in der Nähe seines Geschäftes vom E-Bike geschleudert. Monate später gratuliert Professor Christof Schmid, Direktor der Regensburger Uniklinik zum 75.: "Ich freue mich, weil aus 5 Prozent Leben wieder 100 wurden."

Arbeitstier Peter Stadler (links) zurück in seinem Amberger Geschäft mit seiner zuverlässigen Stütze, Zweiradmechaniker Vitaly Hack.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Gelegenheiten gab es viele, bei denen sich der passionierte Radrenn- und Motorradfahrer verletzen hätte können. Es kam anders: "Es war der erste schlimme Unfall meines Lebens", sagt Peter Stadler und fügt augenzwinkernd hinzu: "Nur beim Motorradfahren bin ich schon unterm Fahren abgestiegen."

Was dem Seniorchef des vielleicht zweitgrößten Zweiradhandels der Oberpfalz an jenem strahlenden Sommertag mittags widerfährt, ist mehr als eine Verkettung unglücklicher Umstände. Es ist auch ein Schicksalsschlag, der das Leben des Workaholics nachhaltig verändert - auch im Positiven: "Ich habe begriffen, wie dankbar ich sein muss und wollte die 18 Stufen zur Maria-Hilf-Bergkirche unbedingt selbst hochlaufen, trotz der Schmerzen."

Dank Helm am Leben

Was war passiert am Tag, als ein unscheinbarer Fahrradhelm wahrscheinlich Stadlers Leben rettete? "Ich fahr' bei Grün aus dem Ziegeltor raus, links, Richtung Geschäft", erzählt er konzentriert, als eine Taxifahrerin gegenüber von der Frauendorfer Unterführung nach rechts abbiegt und von hinten auffährt: "Sie hat das E-Bike abgeschossen, ich wurde mit dem Kopf voraus zehn Meter nach vorne geschleudert." Zeugen sagen später: "Ich habe gespürt, wie sie Gas gibt, dann habe ich den Fahrradfahrer fliegen sehen", gibt der Fahrgast zu Protokoll. Und ein Motorradfahrer, der an der roten Ampel wartet und den Unfall beobachtet, zitiert die Taxifahrerin: "Rufen Sie sofort einen Notarzt an, ich war abgelenkt, mein Gast hat mich vollgelabert."

Von alldem bekommt Stadler nichts mit. Das erste unscharfe Bild, an das er sich erinnert: "Ich schau hoch, über mir fünf Köpfe, der Notarzt, ein Sanitäter, ein Polizist, ein Feuerwehrmann und meine Frau." Dann muss es schnell gehen: "Das Klinikum Amberg hat hervorragend reagiert", lobt er, "sie haben den Unterschenkel geröntgt und mich wegen des komplizierten Trümmerbruchs gleich an die Regensburger Uniklinik überwiesen".

Der Unfall hat Peter Stadler vor Augen geführt: "Ich muss dankbar sein."

Vermummter Chefarzt

Fast elf Stunden hätten sich die Regensburger bei der Aufnahme auf den Fuß fokussiert, bis man feststellt: "Da stimmt was mit dem Herz nicht - das war dann natürlich Prio 1." Noch in der selben Nacht wird der gesundheitsbewusste Sportsmann, der noch nie mit der Pumpe zu tun hatte, operiert. "Ich bin im Dunklen aufgewacht nach der ersten Vollnarkose und sehe eine vermummte Gestalt neben mir - Professor Schmid, der Chef der Kardiologie, wie ich später erfuhr."

Man müsse seinen Brustkorb öffnen, um einen Bypass zu legen, sagt der ihm, man habe ihn schon einmal reanimieren müssen. "Ich habe nichts gedacht, keine Angst gehabt", wundert sich der Patient, um den sich die ganze Familie fürchterliche Sorgen macht. "Nach 26 Stunden bin ich wieder aufgewacht", fährt er fort. Wieder steht der Herzexperte am Bett, diesmal mit offenem Visier: "Sie haben uns nicht viel Freude gemacht", habe sein Retter ihn aufgeklärt, "Sie sind ein zweites Mal abmarschiert, wir mussten zwei Bypässe legen." Das aber hätten Schmid und sein Team so hervorragend gemacht, dass er auch künftig Radfahren dürfe. Der Tipp der Koryphäe: "Schöpfen Sie Kraft aus der Freude, noch am Leben zu sein." Die zwei Herzinfarkte seien wohl Folge der Extremsituation aus Angst, Stress und Schmerz gewesen.

Vorbei ist die Tortur für den zähen Überlebenden gleichwohl noch nicht. Zehn Tage später folgt die OP am zertrümmerten Unterschenkel. Eine Amputation ist nicht ausgeschlossen, Stadler fürchtet, das Wichtigste Gut zu verlieren: seine Bewegungsfreiheit. Fünf Stunden flickt Professor Volker Alt, Leiter der Unfallchirurgie, mit 16 Schrauben und zwei Platten das innere Chaos wieder zusammen.

Nach vier Wochen Uniklinik folgt die Reha in Bad Griesbach, das einzige Haus, das sowohl kardiologisch als auch orthopädisch rehabilitiert. Nach einem MRT stellt man dort fest: "Sie hatten ja auch einen Schädelbruch!" Eine Behandlung erübrige sich, inzwischen habe die Selbstheilung eingesetzt. Wie aber kann über Wochen eine so gravierende Verletzung übersehen werden? "Da bin ich auch selber Schuld", sagt er versöhnlich, "ich habe so darauf gedrängt, dass sie sich um den Fuß kümmern, das war meine einzige Sorge, dass ich nicht mehr gehen kann." Im Nachhinein ist vielleicht auch dieser Lapsus ein Glücksfall: "Sie hatten riesiges Glück", meinte ein Arzt in Griesbach, "drei Operationen in der Größenordnung hätten Sie nicht überlebt."

Versöhnung am Krankenbett

Eine Begegnung auf der Reha-Terrasse ist für Stadler ein Schlüsselerlebnis: "Ein 30-jähriger junger Mann im Rollstuhl gab unartikulierte Laute von sich." Weil er offensichtlich etwas von ihm will, rollt der Amberger mit seinem Rollstuhl zurück ins Haus und holt Stift und Zettel: "Er wollte ein paar Zentimeter weiter nach rechts - mir wurde schlagartig bewusst, welches Glück ich hatte." Das vielleicht größte Glück: Am dritten Tag steht sein Bruder am Krankenbett. "Wir hatten uns 20 Jahre nur noch vorm Landgericht gesehen, wegen unsinniger Wettbewerbstreitigkeiten." Nach zwei Jahrzehnten des erbitterten Bruderstreits ist Deutschlands erfolgreichster Zweiradhändler wieder Gast bei der Geburtstagsfeier in Amberg. Ein Fest unter Freunden, bei dem Peter Stadler Tränen der Rührung in die Augen schießen: "Ich bin kein angenehmer Chef, und mich selbst hätte ich nicht geheiratet", sagt er selbstironisch, "aber in dieser schweren Zeit haben mich alle die Wertschätzung spüren lassen und für mich mitgearbeitet."

Sechs Wochen wollten sie ihn in Bad Griesbach auskurieren, nach 18 Tagen war Schluss: "Es ging nicht mehr, ich fühlte mich nutzlos." Rente mit 77? Nicht absehbar. Worauf Stadler aber noch wartet: "Auf eine Entschuldigung der Taxifahrerin."

Draht nach ganz oben: Segen vom bayerischen Papst.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.