08.05.2020 - 04:01 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Pfleger müssen Menschen trennen, die sich zu nahe kommen

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So organisieren Seniorenheime den Muttertagsbesuch in der nördlichen und mittleren Oberpfalz: Besuch unter Aufsicht und mit Anmeldung, Garten bevorzugt.

Ab kommenden Wochenende trennen keine Fensterscheiben mehr Angehörige und Bewohner wie in diesem Pflegeheim.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Scharfe Kritik an der Öffnung kommt von Martin Preuß, Leiter des ProCurand Seniorenzentrum Sulzbach-Rosenberg.

Regensburg

Die Lage in den vielen Altenheimen ist angespannt. Das Personal arbeitet am Anschlag - und muss zusätzlich Bewohnern erklären, warum die Angehörigen nicht mehr zu Besuch kommen dürfen. Besonders dementen Menschen ist das nicht zu vermitteln. Die Chance auf Besuch euphorisiert deshalb viele Senioren.

Kommentar zu Muttertagsbesuchen

Bayern

Für die Heimleitung bedeutet die Öffnung bereits zum Muttertag aber vor allem erhöhten organisatorischen Aufwand und vorprogrammierte unangenehme Situationen. Etwa, wenn das Pflegepersonal Menschen trennen muss, die sich nach Wochen der Isolation zu nahe kommen.

BRK-Seniorenzentren im Kreis Tirschenreuth

Vorsichtig optimistisch sehen Holger Schedl Kreisgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes und sein Stellvertreter Sven Lehner dem Muttertag in den vier BRK-Einrichtungen im Landkreis Tirschenreuth entgegen: "Die Lockerungen, die mit der Vierten Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenvorordnung ab 9. Mai in unseren Einrichtungen kommen werden, haben wir bereits in ein entsprechendes Konzept eingearbeitet", sagt Lehner.

"Wir organisieren die Anmeldung der Besuche und Besuchszeiten, stellen entsprechendes Hygiene- und Schutzmaterial und bereiten die Außenanlagen und Räumlichkeiten entsprechend vor." Demnach sehe man den "Lockerungen" aufgrund der eingeleiteten Maßnahmen vorsichtig optimistisch entgegen. "Wir appellieren an Angehörige und Besucher, sich im eigenen und im Interesse unserer Bewohner und Mitarbeiter an die entsprechenden Vorgaben strikt zu halten."

Dazu gehöre die Begrenzung der Besuchszeit sowie die geläufigen Hygiene- und Abstandsregeln. "Es liegt in der Eigenverantwortung jedes einzelnen, dass ein möglichst sicherer persönlicher Kontakt wieder möglich ist und bleibt." Unter diesen Voraussetzungen freue man sich, dass die Bewohner ihre Angehörigen wieder treffen könnten: "Der Muttertag hat gerade für unsere Mütter einen hohen Stellenwert", betont Lehner.

Seniorenheim der Diakonie Amberg

Die Pandemie und das Management der veränderten Besucherreglungen beschäftigen auch Diakon Marcus Keil, Leiter des Seniorenheims der Diakonie in Amberg, seit 6 Uhr morgens: "Seitdem sind wir mit Absprachen mit den Amberger Heimen und deren Umsetzung beschäftigt." Aber Jammern ist nicht Sache des Diakons: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit", zitiert er mutmachend aus der Bibel.

Seniorenheim "Am Reiserwinkel" in Floß

Heimleiter Carsten Fischer musste für das Seniorenheim "Am Reiserwinkel" in Floß mit der Pflegedienstleitung ein Konzept aus dem Boden stampfen. Er hoffe, damit über das Wochenende zu kommen. "Glücklich" sei er nicht über die überhastete Öffnung der Heime. Das Konzept sehe vor, dass sich jeder Besucher anmelden muss, und die Besuche ausschließlich im Mehrzweckraum stattfinden. Man müsse sehr genau auf die Einhaltung der Besuchszeit von maximal einer halben Stunde achten. Fischer stellt sich am Muttertag selbst der unangenehmen Verantwortung als Aufseher den Spielverderber spielen zu müssen, falls sich Besucher und Bewohner zu nahe kommen.

Eleonore-Sindersberger-Hauses in Weiden

Ein ähnliches Konzept wie in Floß hat Diakon Wolfgang Reuther, Leiter des Eleonore-Sindersberger-Hauses in Weiden, mit seinem Führungsstab erarbeitet. Auch dort dürfen Bewohner am Wochenende nur nach Voranmeldung und ausschließlich in einem speziellen Raum besucht werden.

Löffler-Seniorenwohnheim in Altenstadt/WN

Die Bewohner des Löffler-Seniorenwohnheims in Altenstadt/Wn hätten dank Garten und schönem Aprilwetter auch bisher schon mit dem nötigen Abstand und Maske Kontakt halten können zu einander und zu Angehörigen, erklärt Leiterin Irina Löffler-Ilinov. Für ihr Haus sei die Lockerung zum Wochenende weniger gravierend, sagt sie. Aber auch für Besucher im Haus Löffler gelten strenge Regeln: Sie müssen angemeldet sein und es dürfen nicht zu viele Besucher auf in den Garten.

Info:

Sterbefälle in der nördlichen Oberpfalz

Neuere Zahlen zu Sterbefällen in unseren Altenheime hat das Bayerische Gesundheitsministerium auf Anfrage der Oberpfalz-Medien nicht geliefert. Aber bereits der Blick in die Sterbestatistik des „Corona-Hotspots Landkreis Tirschenreuth“ lässt erahnen, welche Folgen das Coronavirus hätte, gäbe es keine Gegenmaßnahmen. Im März verstarben im Landkreis Tirschenreuth 146 Menschen – mehr als in jedem anderen Kalendermonat der vergangenen zehn Jahre. Seit 2011 starben im Kreis Tirschenreuth nie mehr als 111 Menschen in einem Monat (im März 2018). Am 1. April 2020 wies der Landkreis schon 30 Corona-Tote aus.

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