18.09.2018 - 18:23 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Prozess: Mehr als 600.000 Euro aus Parkautomaten geplündert

Ein Schwandorfer Stadtbediensteter plündert über Jahre hinweg die Parkautomaten und bringt das Geld mit Prostituierten durch. 484 einzelne Fälle und ein Schaden von 607 000 Euro. Das Tollste: Keiner hat's gemerkt.

Ein 42-jähriger Stadtbediensteter bediente sich über Jahre hinweg an Parkautomaten in Schwandorf.
von Autor HOUProfil

Wer diesen Prozess vor der Ersten Strafkammer des Amberger Landgerichts verfolgt, muss sich entgeistert fragen: Wie konnte der heute 42-jährige Familienvater über einen so langen Zeitraum hinweg völlig unbemerkt seine mehrfach pro Woche gemachte Beute in größeren Säcken wegschleppen und sie bei einer Bank in Regenstauf einzahlen? Wieso kam dort keiner auf den Gedanken, bei den Behörden Mitteilung wegen mutmaßlicher Geldwäsche zu machen?

Die Staatsanwaltschaft hat jetzt 484 einzelne Fälle angeklagt, die sich zwischen 2012 und 2017 ereigneten. Nur sie sind nicht verjährt. Das kriminelle Treiben des als Bauhofmitarbeiter sein Gehalt von 2000 Euro monatlich verdienenden Mannes aber begann offenbar schon sehr viel früher. Unter dem Strich steht jetzt der Betrag von 607 628,33 Euro. Darin sind allerdings zwei Prozent Bearbeitungsgebühr der Regenstaufer Bank nicht enthalten.

Mehrfache Entleerung

Wie ging diese bayernweit wohl einmalige Diebstahlsserie vor sich? Der 42-Jährige war für die Entleerung städtischer Parkautomaten zuständig. Über 30 solcher Geräte mussten immer donnerstags besucht werden. Er aber kam auch an anderen Tagen und holte Summen zwischen 800 und mitunter weit über 1000 Euro ab.

Der Familienvater hätte die verschlossenen Behälter bei einer Schwandorfer Bank abgeben sollten. Nur dort konnten sie mit einem Schlüssel geöffnet werden. Doch er manipulierte sehr geschickt an den Kassetten. So perfekt und wohl auch unter Zuhilfenahme eines kleinen Bohrers, dass später erst Experten der Kripo auf den Trick kamen. Die Strafkammer unter Vorsitz von Roswitha Stöber interessierte nun, wo das ganze Geld blieb. Doch da wollte Verteidigerin Carolin Hierstetter (Mannheim) einen Riegel vorschieben. Sie verlangte den Ausschluss der Öffentlichkeit, weil ihr Mandant "Einzelheiten aus seinem Intimleben preisgeben" müsse. Oberstaatsanwalt Thomas Strohmeier widersprach entschieden: "Hier sind öffentliche Gelder abhanden gekommen. Deshalb hat die Allgemeinheit ein Recht darauf, zu erfahren, was los war." Die Richter schlossen sich dieser Meinung an. Damit war der 42-Jährige in einer peinlichen Situation, die sich nicht ändern ließ. Seine Anwältin verlas die Erklärung: "Er gibt alles zu. Das Geld wurde in Besuche bei Prostituierten investiert." Der ehemalige Stadtbedienstete ergänzte: "Ich habe keine Erklärung. Es war wie eine Sucht. Damit habe ich meine Familie kaputt gemacht." Oft war er mehrfach pro Woche in Bordellen, legte mitunter weite Wege zurück.

Schwerer Unfall

Zu Beginn der Nachforschungen war auch noch ein Kollege des Angeklagten ins Fadenkreuz der Behörden geraten. Gegen ihn wurden die Ermittlungen zwischenzeitlich eingestellt. Er sei für die Entleerung von Parkuhren zuständig gewesen, hieß es im Prozess. Nicht für die Automaten.

Womöglich ist ein Teil der Beute in das Eigenheim der Familie geflossen. Eventuell auch in andere Anschaffungen. Oder ins Glücksspiel. Doch das sei wohl nicht so gewesen, hörten die Richter jetzt. Bemerkenswert ferner: Als 2017 erste Verdachtsmomente greifbar wurden, hatte der Stadtbedienstete einen schweren Unfall am Schwandorfer Bauhof. Ein Metallteil quetschte ihn so ein, dass er in Reha musste. Die Staatsanwaltschaft ließ daraufhin sofort wegen eines möglichen Fremdverschuldens nachforschen. Doch diese Vermutung bestätigte sich nicht. Das Urteil in dem spektakulären Verfahren wird an diesem Mittwoch erwartet.

Hintergrund: Parkgebühren:

In Schwandorf betrugen die Einnahmen aus Parkscheinautomaten und -uhren im vergangenen Jahr 254 017 Euro. Von 1993 bis 31.8.2108 waren drei Verkehrsüberwacher im Einsatz, seit 1.9.2018 ein weiterer Kollege. Zum Vergleich: In Weiden beliefen sich die Einnahmen aus Parkgebühren im Jahr 2017 nach Angaben der Stadt auf rund 957 800 Euro: 929 200 aus Parkuhren, 26 600 Euro vom Parkplatz Max-Reger-Halle und 2000 Euro vom Parkplatz „Am Langen Steg. In diesem Jahr wurden bisher 634 400 Euro angeordnet. Die Stadt Amberg hat im Jahr 2017 insgesamt rund 1,03 Millionen Euro an Einnahmen durch Parkgebühren erzielt. Dieser Betrag umfasst das Geld an den Parkscheinautomaten der Außenparkplätze sowie der Parkdecks Marienstraße und Kräuterwiese, außerdem die Entgelte für die Dauerparkausweise und Handyparken. (we)

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