01.04.2019 - 13:59 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Prügelserie vor Silvester: Amberg war zufällig gewählt

Amberg war zufällig gewählt. Die Gruppe junger Asylbewerber, die am 29. Dezember 2018 durch die Innenstadt zog, kannte die Stadt aus der Unterbringung in Wohngruppen für minderjährige Flüchtlinge. Wahllos traf es auch die Opfer.

Von großem Medieninteresse war die Pressekonferenz zu den Körperverletzungsdelikten in Amberg am 29. Dezember 2018 begleitet: (von links, sitzend) Florian Beck, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, Kriminaloberrat Gerhard Huf (Leiter der Kripo Amberg), Leitender Oberstaatsanwalt Joachim Diesch und Oliver Wagner, Staatsanwalt als Gruppenleiter.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Es gab laut Kriminalpolizei keinerlei "Vorbeziehungen" zwischen Opfern und Tätern, die Taten waren nicht geplant. Die Ermittler kommen auf insgesamt 25 Einzelstraftaten mit 15 Verletzten.

Der Spuk dauerte von 18.40 bis 18.50 Uhr und 20.30 bis 20.52 Uhr. 32 Minuten, die Amberg kurz vor dem Jahreswechsel bundesweit in die Schlagzeilen brachten („Hass-Mob“, „Prügel-Orgie“). Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft hielten sich in der Folge mit Informationen zurück, schon, um Zeugen nicht zu beeinflussen, wie Oliver Wagner, Staatsanwalt als Gruppenleiter, erklärt. Man habe keine „halbgaren Vermutungen“, sondern seriöse Informationen liefern wollen.

Diese liegen jetzt vor: Fast einhundert Zeugen wurden befragt, etliche Videoaufnahmen gesichtet, Mobiltelefone ausgewertet. In einer gemeinsamen Pressekonferenz gaben Ambergs Leitender Oberstaatsanwalt Joachim Diesch, Kriminaloberrat Gerhard Huf (Leiter der Kriminalpolizei Amberg) und Staatsanwalt Wagner am Montag ihre Bilanz nach Abschluss der Ermittlungen bekannt.

Es geht ungewöhnlich flott weiter: Die Anklage wurde letzte Woche erhoben. Sollte das Jugendschöffengericht sie in dieser Form zulassen, stünde sogar schon der Beginn der Hauptverhandlung fest. Ab 23. April sind 20 mögliche Prozesstage geblockt – in Abstimmung mit den Pflichtverteidigern, denen im Sinne ihrer Mandanten an einem zügigen Prozessbeginn liegt. Die vier Angeschuldigten (17 bis 19 Jahre) befinden sich weiter in Untersuchungshaft in verschiedenen Justizvollzugsanstalten. Alle waren 2015 eingereist. Bei allen ist der Asylantrag teils seit 2017 rechtskräftig abgelehnt.

Den drei Afghanen und einem Iraner werden 25 Straftaten vorgeworfen, in der Hauptsache Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Beleidigung und Sachbeschädigung. Die Geschädigten erlitten unter anderem Prellungen und Hämatome und leiden laut Kripochef Huf teils an psychischen Folgen.

Die vier Angeschuldigten – drei waren aus Regensburg, einer aus Auerbach angereist – waren anfangs in einer Gruppe aus 13 zumeist afghanischen Asylbewerbern unterwegs. Die Polizei unterscheidet fünf Tatkomplexe auf den 500 Metern vom Bahnhof über den Kaiser-Ludwig-Ring in die Obere Nabburger Straße. Beginn war am Bahnsteig, wo um 18.40 Uhr ein 13-jähriger Schüler Opfer einer Körperverletzung wurde. Dort folgten fünf weitere Straftaten. Erste Notrufe gingen bei der Polizei ein, die Fahndung verlief negativ.

Die Täter, so wurde jetzt bekannt, hatten sich in den Bereich Stadtgraben zurückgezogen. Die Angeschuldigten hatte Alkohol konsumiert, teilweise auch Rauschgift. Ab 20.30 Uhr folgte die Fortsetzung: Eine Gruppe Jugendlicher war auf dem Weg zum Busbahnhof. Die jungen Leute wollten in eine Disco nach Nabburg. Sie wurden laut Huf „beleidigt, geschubst, geohrfeigt und mit Tritten und Schlägen traktiert“. Die Jugendlichen flohen vor ihren Verfolgern in den Sandwichladen „Subway“ und hielten von innen die Tür zu, bis eine Angestellte absperrte.

Ausdrücklich hebt Huf das Einschreiten von Bürgern hervor: „Das verdient höchsten Respekt.“ Ein Autofahrer und zwei Passanten ernteten dafür selbst Tritte und Faustschläge. Der „Showdown“ erfolgte nach zwei weiteren Opfern um 21.04 Uhr in der Oberen Nabburger Straße, wo die Polizei die Tatverdächtigen festnahm – laut Huf unter dem Eindruck von Schlägen und Beleidigungen.

Warum Amberg? „Hier waren sehr viele Zufälle im Spiel“, sagt Leitender Oberstaatsanwalt Diesch. Die Gruppe habe sich in Amberg verabredet, weil man sich in der Stadt auskannte. Alkoholkonsum, gepaart mit Langeweile, habe zu „gewisser Gruppendynamik“ geführt. Für Diesch „eine jugendtypische Geschichte, die wir lösen müssen von der Herkunft der Personen“. „Wir erleben dies – wenn auch nicht in diesen Dimensionen – wochenendlich auch unter deutschen Jugendlichen.“ Überrascht habe allerdings die „Intensivität und Häufigkeit“ der Taten.

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