18.10.2020 - 19:36 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Rüsten gegen multiresistente Keime

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Die WHO warnt vor der Post-Antibiotika-Ära: Eine Zeit, in der Antibiotika keine Wirkung mehr entfalten. Langfristig eine größere Bedrohung als Corona. Die Kliniken in der Region rüsten sich, die OTH Amberg-Weiden forscht.

Die Arbeitsgruppe Hygiene und Medizintechnik der OTH Amberg-Weiden arbeitet an neuen Ansätzen zur Verbesserung der hygienischen Gesamtsituation im klinischen Umfeld.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der erste WHO-Report zur Resistenzproblematik von 2014 beschreibt ein Schreckensszenario: Ohne koordiniertes Handeln werden Infektionen und eigentlich leichte Verletzungen zur tödlichen Gefahr - nicht erst in ferner Zukunft.

Die WHO hat 2015 einen globalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen ausgearbeitet: "Ziel ist, das Auftreten von Antibiotika-Resistenzen und den Antibiotika-Verbrauch sowohl in der Human- als auch der Tiermedizin und der Landwirtschaft stärker zu überwachen" steht im 10-Punkte-Plan der Bundesregierung zur Bekämpfung resistenter Erreger.

Problem Massentierhaltung

Das Problem ist erkannt, die Ursachen sind komplex: "Die Massentierhaltung ist eines der Hauptprobleme", sagt Dr. Harald Hollnberger, Ärztlicher Direktor des Klinikum St. Marien in Amberg. "Reserveantibiotika in der Tiermast gehören längst verboten." Besonders belastet sei Geflügel, das schnell hochgezüchtet werde: "Da nehmen Sie resistente Keime beim Essen des angeblich so gesunden weißen Fleisches auf."

Dazu käme ein leichtfertiger Umgang mit Antibiotika, die Herstellung der Medikamente etwa in Indien, wo Rückstände ins Grundwasser gelangten: "Es gibt viele Orte, die einen idealen Nährboden für die Herausbildung von Resistenzen bieten", sagt Hollnberger.

Das Klinikum St. Marien hat auf die Herausforderung mit einem "Antibiotic Stewardship"-Team geantwortet: Darunter versteht man den verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika - durch Nachweis einer bakteriellen Infektion, Wahl des geeigneten Antibiotikums und Anpassung der Therapiedauer, Dosierung und Form der Antibiotika-Gabe. "Ziel ist, die Patienten bestmöglich zu behandeln und gleichzeitig zu verhindern, dass Selektionsprozesse und Resistenzen bei den Bakterien auftreten."

Die Leitlinien werden jährlich aktualisiert: "Wir sind bei dem Thema weit vorne", sagt Hollnberger. Dabei stünde nicht mehr der häufig in der Schleimhaut vorkommende Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA), sondern multiresistente gramnegative Erreger (MRGN) im Darm im Fokus.

Dr. Harald Hollnberger, ärztlicher Direktor des Klinikums Amberg: "Wir sind bei dem Thema weit vorne."

Arbeitsgruppe Medizintechnik

An der OTH Amberg-Weiden forscht Professor Clemens Bulitta, Leiter des Instituts für Medizintechnik (IfMZ), mit seinem Team daran, Medizingeräte als Übertragungsherde auszuschließen. "Durch immer kompliziertere Eingriffe und immer komplexerere Geräte wird auch die Reinigung und Desinfektion dieser Geräte immer schwieriger", sagt Bulitta.

Die Arbeitsgruppe Hygiene und Medizintechnik der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Weiden arbeitet an neuen Ansätzen zur Verbesserung der hygienischen Gesamtsituation. "Wir sind daran, neu entwickelte Verfahren zur Einteilung medizintechnischer Geräte in Risikogruppen und zur Testung der Wirksamkeit antimikrobieller Beschichtungen in medizinischen Einrichtungen vorzustellen." Besonders dort, wo die körpereigene Abwehr durch Blasenkatheter, OP-Instrumente, Tubus, Venenkatheter oder Endoskop außer Kraft gesetzt und der direkte Zugang in das Körperinnere geschaffen würde, befinde sich die Eintrittspforte. Bulittas Arbeitsgruppe versucht deshalb, das "Hygienic Design" mittels antimikrobieller Oberflächentechnologien zu verbessern. Zusätzlich wurde die Haltbarkeit solcher Beschichtungen untersucht.

In ihrem Forschungsbericht 2021 zu "Hygiene und Medizintechnik - antimikrobielle Kunststoffe zur Infektionsprävention" heißt es: "Ein großer Schritt ist hierbei die Möglichkeit, solche antimikrobiellen Wirkstoffe in Kunststoffe einzubringen und für viele verschiedene Einsatzgebiete anwendbar zu machen."

Der Wissenstransfer durch den Technologie-Campus e.V. der OTH Amberg-Weiden sorgt für erhebliche regionale Wertschöpfung

Amberg

Auch UVC-Licht, die Vernebelung geeigneter Substanzen in der Luft, eine verbesserte Lüftungstechnik im OP, Metallkomplexe, die ein saures Milieu an der Oberfläche erzeugen, die Verwendung von Silber bei Kathetern oder die Erzeugung elektrochemischer Wirkungen durch den Einsatz von Titandioxid führen zu einer statistisch signifikanten Entlastung der Oberflächen durch Keime: "Da tut sich vieles", sagt Bulitta. "Andere Arbeitsgruppen haben auch die antivirale Wirksamkeit untersucht, um die Erkenntnisse im Kontext von Corona für Oberflächen in Bussen oder anderen viel frequentierten Räumen nutzbar zu machen."

Man gehe davon aus, dass im Krankenhaus erworbene Infektionen zu einem Drittel vermeidbar wären. Studien zeigen, dass auf Intensivstationen der Personalschlüssel eine entscheidende Rolle spielt. "Bei optimaler Händehygiene ist man in einer Acht-Stunden-Schicht eine Stunde mit Hände desinfizieren beschäftigt." Das könne bei Personalmangel oft nicht eingehalten werden. Dazu komme Reinigung und Desinfektion durch nicht qualifiziertes Personal externer Dienstleister. Die Kliniken in der Region nähmen das Thema ernst. "Was in unseren Einrichtungen praktiziert wird, ist State of the Art", lobt Bulitta, der im Aufsichtsrat der Kliniken Nordoberpfalz AG sitzt.

Die Gefahr einer unkontrollierbaren Situation sei aber nicht gebannt: "Die Resistenzen können so aus dem Ruder laufen, dass es für bestimmte Krankheitsbilder keine Therapie mehr gibt", warnt Bulitta. "Die Politik ist gefordert, Forschungsmittel zur Verfügung zu stellen." Der Weidener Bundestagsabgeordnete Albert Rupprecht bemüht sich genau darum. "Wir haben erst kürzlich beschlossen, aus dem Etat der Gesundheitsforschung von 2,5 Milliarden Euro 500 Millionen Euro in die Forschung mikrobakterieller Infektionen zu investieren", sagt der Forschungspolitiker.

Prof. Clemens Bulitta, Leiter des OTH-Instituts für Medizintechnik: "Wir testen neu entwickelte Verfahren."

Eine Stunde Hände desinfizieren

Das Problem ist, dass die Entwicklung neuer Antibiotika wenig rentabel sei: "Herz- und Blutdruck-Medikamente nimmt man ein Leben lang, ein Antibiotikum nur kurzfristig." Die Entwicklungskosten lägen bei 3 bis 5 Milliarden Euro. Die Industrie hat sich zurückgezogen.

Und selbst wenn es gelingt, eine Wunderwaffe gegen die Keime zu entwickeln, würde man die erst einmal in die Schublade sperren, um etwas in der Hinterhand zu haben. Immerhin, ein Ergebnis des G-20-Gipfels in Hamburg sei es gewesen, private und staatliche Initiativen zu diesem Thema zu bündeln. "Inzwischen gibt es zehn marktreife antibakterielle Wirkstoffe, die sich im Test befinden." 5,6 Milliarden Euro seien bereits von Staaten und Stiftungen, wie etwa auch der von Bill Gates investiert worden.

Antibiotika unrentabel

MdB Albert Rupprecht (CSU), Forschungspolitischer Sprecher: "Die Industrie hat sich zurückgezogen."

Corona in Zahlen

Weiden in der Oberpfalz
Was Sie über diese Erreger wissen sollten:

MRSA und Co.

  • Für gesunde Menschen ist der Kontakt zu MRE in der Regel völlig ungefährlich. Sie können diese aber auf andere Menschen übertragen. Besonders gefährdet sind Menschen mit geschwächten Abwehrkräften.
  • Bei geschwächter Abwehr oder Verletzungen der Haut und Schleimhäute können sowohl fremde als auch körpereigene Erreger in den Körper gelangen und eine Infektion auslösen.
  • Bester Schutz vor Infektionen ist vor allem durch gründliches Händewaschen.
  • Handtücher, Waschlappen und Hygieneartikel wie Zahnbürsten sollten Sie nur für sich verwenden.
  • Für ein hygienisches Wohnumfeld sind Übliche Haushaltsreiniger ausreichend. Spezielle Desinfektionsmittel können erforderlich sein, wenn ein Angehöriger eine ansteckende Krankheit oder eine Abwehrschwäche hat.
  • Die meisten Erreger überleben Temperaturen über 60°C nicht. Waschen Sie Ihr Geschirr und Ihre Wäsche regelmäßig bei höheren Temperaturen.

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.