15.03.2019 - 16:33 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Selbstjustiz per WhatsApp: Eltern verdächtigen Mann zu Unrecht

Private "Fahndungsaufrufe" können strafrechtliche Konsequenzen haben

Auch die Polizei ist inzwischen in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram aktiv. Sie warnt davor, dort Fotos oder Aufrufe zu veröffentlichen, in denen jemand verdächtigt, beschuldigt, gesucht oder diffamiert wird.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Das könnte durchaus auch bei uns so oder so ähnlich passieren: Eltern, berichtete vor kurzem "Spiegel Online", haben in Münster einen Mann völlig zu Unrecht verdächtigt und in einer Schul-WhatsApp-Gruppe mit einem Foto vor dem vermeintlichen "Kinderschänder" gewarnt. Die Polizei sprach daraufhin von Selbstjustiz und kündigte an, strafrechtliche Konsequenzen zu prüfen.

Diese Geschichte fällt in die Kategorie private Warnungen, Such- und Fahndungsaufrufe. Bei Facebook und Co längst Alltag. Dazu merkt "Spiegel Online treffend an: "Im vermeintlich privaten Raum der virtuellen sozialen Blase wird so etwas oft und gern geteilt und weitergegeben. Wer will nicht helfen, unsere gefühlt so gefährliche Welt sicherer zu machen? Problematisch daran ist, dass solche Aufrufe nicht privat und somit häufig illegal sind. Wenn nach Personen gesucht wird, sind es letztlich Fahndungsaufrufe."

Ein großes Missverständnis

Der angebliche Kinderschänder hatte laut "Spiegel Online" vor einer Schule in einem Münsteraner Vorort Grundschüler angesprochen. Die Kinder hätten ihren Eltern von dem Vorfall berichtet, diese seien wiederum zu der Schule geeilt, um den Mann zur Rede zu stellen. Dem 30-jährigen Asylbewerber, der sich erst seit kurzer Zeit in Deutschland aufhält, sei es jedoch nicht gelungen, sich zu erklären oder sonst wie verständlich zu machen.

"Dass der Mann zuvor auch Erwachsene angesprochen hatte und was überhaupt seine Motive waren - all das hielt die Eltern nicht davon ab, den Mann zu fotografieren und ein Bild mit entsprechender Kommentierung ins Internet zu stellen", heißt es in dem Artikel. Es kam zu beleidigenden Äußerungen. Nach Überprüfung durch die Polizei stellte sich heraus: "Alles, was der Mann im Sinn hatte, war, jemanden zu finden, der ein Foto von ihm machen sollte. Er hatte erst erfolglos Erwachsene angesprochen, dann Kinder. Ein Schnappschuss im Schnee, denn den hatte er noch nie gesehen."

Recht am eigenen Bild

"So in der Form", sagt Peter Krämer, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Sulzbach-Rosenberg, sei das bei uns in der Gegend "noch nicht passiert". Er warnt aber ausdrücklich davor, sich in den sozialen Medien an solchen Sachen zu beteiligen, wenn es keine offizielle Quelle gebe. "Schon allein das Teilen oder Liken könnte strafrechtliche Relevanz haben", betont Krämer.

Wer Fotos einfach so weitergebe, wer die Bilder dann auch noch mit diffamierenden Äußerungen versehe, der mache sich potenziell strafbar. Man verletze damit Persönlichkeitsrechte, erläutert Polizeihauptkommissar Krämer, weil man nicht einfach jemanden ablichten und öffentlich an den Pranger stellen könne. Hier gelte das Recht am eigenen Bild. Wird es missachtet, könne der Betroffene auf Unterlassung und Schadenersatz klagen.

Krämer unterstreicht im Gespräch mit Oberpfalz-Medien: Fahndung ist Polizeisache. Für eine Personenfahndung mit Lichtbild sei immer ein richterlicher Beschluss nötig. Bei Vermisstensuchen seien, weil es um Gefahrenabwehr geht, Staatsanwalt und Richter nicht mit im Spiel. Auch in diesen Fällen würden aber "ganz enge Grenzen" gezogen. Es bedürfe zum Beispiel einer Einverständniserklärung eines nahen Angehörigen.

"Privatfahndungen" könnten der Polizei durchaus große Probleme bereiten. Denn schnell seien Täter dann gewarnt und die offizielle Fahndung beeinträchtigt. Deshalb lautet der Appell Krämers: Wer einen Verdacht gegen jemanden hat, sollte nicht über WhatsApp oder Facebook gehen, sondern sich unverzüglich an die Polizei wenden.

Am Ende fällt Peter Krämer doch noch ein kurioser Fall aus der Region ein: Vor einer Schule hatte ein schwarzes Auto gehalten. Das kam manchem merkwürdig vor. Ein Kind stieg ein. Plötzlich machte die Nachricht die Runde, es sei in den Wagen hineingezogen worden. Große Aufregung. Schließlich stellte sich heraus, dass am Steuer der Opa gesessen war, der sein Enkelkind ausnahmsweise von der Schule abgeholt hatte.

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