11.02.2020 - 16:51 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Spaß, Skandal und Spießigkeit

Viel zu anstößig sei der Inhalt, ohne Moral und Anstand! So lauteten die Anschuldigungen zu "Madame Bovary". Jetzt brachte das Theater Wahlverwandtschaften beste Unterhaltung in Ambergs Stadttheater.

Begeisterten Applaus gab es für "Madame Bovary" am Stadttheater Amberg. Die Inszenierung vom Theater Wahlverwandtschaften kam beim Publikum bestens an.
von Marielouise ScharfProfil

Über einen Zeitungsartikel ist Gustave Flaubert Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Geschichte der Delphine Delamare gestoßen. Sie sollte die Grundlage seines ersten Romans werden. Heute zählt das Werk zur Weltliteratur, bei seinem Erscheinen wurde der Autor jedoch vor Gericht zitiert. Es geht um Emma Bovary, eine junge attraktive Frau, die stets nach etwas Aufregendem strebt und die Realität dabei ganz aus den Augen verliert. Alles empfindet sie spießig und eng.

Sie lebt in ihren Träumen, die sie aus der ständigen Lektüre von immer neuen Schnulzenromanen speist. Sie ist gelangweilt – von ihrem kleinbürgerlichen Leben und vor allem von ihrem Mann Charles, der sie zwar abgöttisch liebt, aber sie weder versteht noch ihren Lebenshunger befriedigen kann. Sie sehnt sich nach Leidenschaft, Luxus und Paris. Sie sucht das Abenteuer, stürzt sich in Liebesaffären und Schulden. Auf Dauer geht das nicht gut. Denn auch die schönsten Kleider, teuersten Düfte und attraktivsten Männer können sie nicht lange aufheitern. Hoch verschuldet und dem Gespött der Dorfgemeinschaft ausgesetzt, sieht sie keinen anderen Ausweg mehr – Emma nimmt sich das Leben.

Ein traurig-trister Stoff, möchte man meinen. Aber in der modernen Inszenierung, im exzellenten Bühnenbild mit ganz fantastischen Schauspielern kann etwas daraus werden, nämlich ein unterhaltsamer, spannender, bestens gelungener Theaterabend. Lisa Wildmann kriecht in den schillernden Charakter der Emma Bovary. Sie tut es mit Lust und großem Einfühlungsvermögen. Sie zieht sich zurück in die Fantasiewelt, spielt die erwartete Rolle der Ehefrau und Mutter, bricht aus, verführt und verliert sich. Manchmal überdreht sie etwas, immer aber findet sie zurück zum Spiel, zur Handlung. „Ich lebe“ schreit sie, und stürzt doch ab in Hoffnungslosigkeit.

Christian Kaiser überzeugt als mittelmäßiger Arzt und langweiliger Ehemann Charles Bovary. Ein echtes Pfund sind die drei Ursula Berlinghof, Hans Piesbergen und Sebastian Strehler. Ihre Aufgabe ist es, die Schwere aus dem Stück zu nehmen, ironisch-heitere, zynisch-verrückte oder bissig-böse Momente sichtbar zu machen. Als pfiffiger Apotheker, bigotter Abbé, oder Liebhaber Leon überzeugen sie. Sie schlüpfen noch in weitere Nebenrollen, singen und spielen Gitarre, stülpen sich Perücken über und hängen sich elegante Tücher um – einmal hager, dann wieder rund und füllig, immer überzeugend und äußerst effektiv für die Unterhaltung.

Das pralle, exzessive Spiel passiert vor lakonisch weißen Wänden. Ein raffinierter Trick, dieses Agieren vor kahlem Hintergrund! Um ihre eigene Mittelachse drehbare Tafeln werden mal zum Bett, mal öffnen sie den Blick zur Welt, mal engen sie auch ein oder lassen die Figuren wie Gefangene im Kreis laufen. Der Chor, der fester Bestandteil der altgriechischen Dramen war, sitzt auf weißen Kinostühlen und erklärt die Handlung. Mittels Scheinwerferlichts wird die Bühne unterteilt.

Die Darsteller verharren im Zeitlupenmodus, während Madame Bovary exaltiert herumwirbelt. Eine rote Plüschcouch ändert immer wieder Position und Aufgabe. Imaginäre Paare tanzen zwischen Lichtblitzen und schwingenden Türen - das schlichte, aber raffinierte Bühnenbild (Stefan Morgenstern) ist genial, die Lichtregie stimmig und die Tonmodulationen tragen zur Faszination des Stücks bei.

So tragisch die Handlung auch ist - diese "Madame Bovary" unterhält mit etlichen komischen Szenen, die das außergewöhnliche Theatererlebnis auflockern. Kleine Schönheitsfehler wie die stellenweise Charakterüberzeichnung der Hauptperson werden übertüncht und tauchen im Strudel der Ereignisse ab. Das zum Teil recht junge Publikum spendete begeisterten Beifall.

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