Update 20.05.2019 - 19:31 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

SPD will Europa einen

Udo Bullmann, SPD-Spitzenkandidat für das EU-Parlament, fordert den sozialen und nachhaltigen Umbau Europas. Der "Machterhaltungsclub" EVP habe versagt. Davon profitierten die Rechtspopulisten.

Redaktionsgespräch mit den SPD-Europa-Abgeordneten Ismail Ertug (von links), Udo Bullmann und OB-Kandidatin Birgit Fruth.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Furcht, dass er einmal ein ähnliches Ikarus-Fiasko erleben könnte, wie Martin Schulz, sein Vorgänger als Vorsitzender der S&D-Fraktion im Europäischen Parlament, treibt Udo Bullmann nicht um. „In keiner Weise, ich bin von Haus aus Straßenfußballer, hart im Nehmen und finde meinen Weg.“

Schließlich hat der 62-Jährige, zusammen mit Katarina Barley SPD-Spitzenkandidat bei der als Schicksalswahl apostrophierten Richtungsentscheidung am 26. Mai, auch so schon alle Hände voll zu tun, die Position seiner Fraktion in der 500-Millionen-Einwohner-Union zu erläutern: "Ich komme gerade zurück aus London", erläutert der leidenschaftliche Hesse die Arbeitsteilung mit der Kollegin mit britischen Wurzeln.

Deshalb sei er auf hiesigen Wahlplakaten auch nicht so präsent wie Barley, das deutsche Gesicht der SPD-Kampagne. "Kommt zusammen" werben die Sozialdemokraten für mehr Miteinander - im Binnen, wie im Außenverhältnis. Ein Slogan, den er unterschreiben könne: Als "Antwort auf die Zerrissenheit", will Bullmann den Appell verstanden wissen. "Die Menschen sind des falschen Streits müde." Allerdings wünscht sich der Parteilinke mehr Zuspitzung im Wettbewerb um die besseren Ideen, die er im Duell der Spitzenkandidaten Manfred Weber (CSU) und EU-Kommissar Frans Timmermanns klar aufseiten der Progressiven sieht.

"Die Welt guckt, ob ihr das schafft"

"Die Europäische Volkspartei ist zu einem reinen Club zum Machterhalt verkommen", kritisiert er das Festhalten an Schäubles Spardiktat, die Weigerung, mit einer Sozialunion auch die kleinen Leute am Erfolg Europas teilhaben zu lassen, das parteitaktische Rumeiern um den Ausschluss Orbáns aus der EVP. "Die Bürger wollen innovative Ideen, wie sich Europa entwickeln soll."

Dabei müsse die EU ihre Potenziale selbstbewusster nutzen, würden externe Experten wie Jeffrey D. Sachs, Professor für nachhaltige Entwicklung und Direktor des "Earth Institutes" an der Columbia University in New York den Europäern ins Stammbuch schreiben: "Leute", zitiert Bullmann den Klimaforscher, "ihr müsst aufhören, so kleinmütig zu sein - ihr habt alles, Demokratie, Wohlstand, Sozialstaat, öffentliche Bildung."

Wenn man es hier mit dem Kapital an Ingenieuren und Facharbeitern nicht schaffe, umweltfreundlich und sozial verträglich umzusteuern, eine Mobilität der Zukunft auch in ländlichen Räumen hinzubekommen, wo dann? "Die ganze Welt guckt, ob ihr das schafft." Das Störfeuer von Europas Feinden erkläre sich aus der Angst Putins vor gesellschaftlichen Freiheiten, Trumps Vision einer Welt als sein Businessmodell und Chinas wirtschaftliche Vormachtvision.

Redaktionsgespräch mit den SPD-Europa-Abgeordneten Ismail Ertug (von links), Udo Bullmann und OB-Kandidatin Birgit Fruth.

Birgit Fruth, Udo Bullmann und Ismail Ertug im Redaktionsgespräch

ONETZ: Herr Bullmann, kommen wir zusammen, wenn ich sage, dass das Großplakat mit „Kommt zusammen“ eine nette Phrase ist, die EU-kritische Wähler nicht aus den Latschen kippt?

Bullmann: Wir verstehen das als Antwort auf die Zerrissenheit in der Gesellschaft und in Europa. Die Menschen sind des falschen Streits müde. Klar ist aber auch, dass wir im Wettbewerb um die besseren Ideen inhaltlich zuspitzen können und müssen. Die Bürger wollen innovative Konzepte, wie sich Europa entwickeln soll. Diese Konzepte haben wir und wir präsentieren sie auf den Marktplätzen, in Interviews oder den sozialen Medien. In den TV­-Duellen der Spitzenkandidaten ist auch ganz deutlich geworden, dass Frans Timmermans die besseren Antworten liefert. Die Europäische Volkspartei ist dagegen zu einem Club verkommen, deren einziger Zweck im Machterhalt besteht.

ONETZ: Warum tauchen Sie bei uns nicht auf Wahlplakaten auf – haben Sie sich die Auftritte mit Ihrer Spitzenkandidatskollegin Katarina Barley regional aufgeteilt?

Bullmann: Wir sind an unterschiedlichen Stellen sichtbar. Da gibt es eine klare Arbeitsteilung: Sie stärker in Deutschland, ich international. Ich komme gerade aus London zurück, wo ich unter anderem Jeremy Corbyn getroffen und den Fahrplan unserer sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament für mehr soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit vorgestellt habe. Zuvor war ich damit unter anderem in Athen, in Madrid, in Budapest und in Helsinki.

ONETZ: Frau Fruth, wie nehmen Sie als OB-Kandidatin der Amberger SPD vor Ort den Europa-Wahlkampf wahr? Bekommen Sie Feedback?

Fruth: Der wird leider nicht so stark wahrgenommen, wie wir uns das wünschen würden. Dabei kommt viel Positives aus der Europa bei uns in der Kommune an. Wir haben gerade ein Parkhaus auf dem ehemaligen Gelände der Emailfabrik eröffnet, das eminent wichtig ist für die Infrastruktur in Amberg und für das EU- Fördermittel flossen.

Birgit Fruth, SPD-OB-Kandidatin in Amberg.

ONETZ: Die Tafeln mit der Aufschrift „gefördert mit Mitteln der EU“ gibt es ja überall, auch in Großbritannien, und trotzdem kehren die Menschen Europa den Rücken.

Fruth: Ich denke, in Großbritannien ist ein Sonderfall, auch wegen der historischen Rolle im Commonwealth. Wenn ich zum Beispiel meine Tochter nehme, die ein Jahr mit dem Erasmus-Programm in Rom studierte, ist das doch eine tolle Geschichte, die ohne EU nicht möglich wäre. Meine Tochter denkt europäisch.

ONETZ: Die Skeptiker würden sagen, das ist wieder so ein Eliten-Ding …

Bullmann: Es gibt viele Mittelschichtsfamilien, die hart sparen, damit ihre Kinder studieren können. Sie als Elite zu bezeichnen, dient ja nur der negativen Stimmungsmache, noch dazu oft von denen, die über ganz andere Vermögen verfügen, wie zum Beispiel der Ober-Brexiteer Nigel Farage. Durch so etwas wird die gesellschaftliche Stimmung angeheizt und oft auch gegen die EU gegiftet.

ONETZ: Dennoch ist es nur eine Minderheit, die vom Erasmus-Programm von Europa begeistern lässt – oder wie viele Studenten hat man damit bisher erreicht?

Ertug: Erasmus ist das weltweit größte Förderprogramm von Auslandsaufenthalten an Unis, seit 2003 durch das Zusatzprogramm Erasmus Mundus über Europa hinaus. und finanzierte bis dahin in seinen ersten rund 15 Jahren etwa 1 Million Stipendien. 2017 zum 30-jährigen Bestehen hatte es bereits 4,4 Millionen Studenten unterstützt, 650.000 aus Deutschland.

ONETZ: Reicht das aus?

Bullmann: Ja, damit erreichen wir viele bereits sehr aktive junge Leute. Wir wollen Erasmus aber für mehr Menschen öffnen, auch noch deutlich stärker für Azubis und Berufsschullehrer beispielsweise. Wir müssen dafür sorgen, dass alle die Möglichkeit haben, eine Zeit im Ausland zu verbringen. Ich denke, wenn ein junger Mensch einmal in Italien oder Spanien auf einer Baustelle war, sieht, wie man dort mit Materialien umgeht, ein wenig die Sprache lernt, Freunde findet, dann wird er nicht mit Springerstiefeln nach Menschen mit schwarzen Haaren treten. Die Schrecken des Krieges, diese einschneidende Erfahrung der Gründergeneration Europas, fehlt der jetzigen Generation. Wie wichtig deshalb ein vereintes Europa ist, müssen wir auch anders vermitteln.

Ismail Ertug, Amberger Europa-Abgeordneter (SPD.).

ONETZ: Weitere Ideen, um jungen Leuten Europa näher zu bringen?

Ertug: Etwa mit dem Interrail-Ticket für alle, das die offenen Grenzen erfahrbar macht.

ONETZ: Herr Bullmann, kennen Sie Amberg und Regensburg gut genug, um die beiden Städte mit ihrer Heimatstadt Gießen zu vergleichen?

Bullmann: Was mir immer wieder auffällt: Die alten Städte in Süddeutschland haben eine einladende Atmosphäre – sie strahlen eine Willkommenskultur und Gastfreundschaft aus. Man kann sich schnell zusammensetzen. Gießen ist auch sehr gastfreundlich, aber architektonisch nach der Bombardierung und dem Brand 1944 leider nicht mehr so schön. Aber es kommt ja vor allem auf die Angebote vor Ort an: Kommunen spielen in Europa gerade unterhalb der Ebene von Metropolen eine wesentliche Rolle. In einer Zeit, in der vieles am Schirm abgehandelt wird und immer mehr Singlehaushalte bestehen, ist es entscheidend für das soziale Leben, ob es im Dorf oder in den Städten ordentliche Strukturen gibt.

ONETZ: Sie wollten im Wahlkampf Ihren Fokus auf den Kampf gegen Nationalismus und Chauvinismus legen. Wen oder was haben Sie dabei erreicht?

Bullmann: Erst gestern bin ich mit Tausenden in Köln gegen Nationalismus und Rechtsradikalismus auf die Straße gegangen, zeitgleich fanden Großdemos in Berlin, Frankfurt, München und vielen anderen deutschen und europäischen Großstädten statt. Es ist enorm wichtig, den Rechten nicht das Internet oder den Marktplatz zu überlassen und klarzumachen, dass es anständige Alternativen zu ihnen gibt. Wir müssen Machtpolitiker wie Putin oder den rechtsextremen Trump-Unterstützer Bannon, die uns von außen angreifen, genauso wie Orbán, Salvini und Farage, die uns von innen zu spalten versuchen, ihren Einfluss auf Europa stoppen. Sie vergiften das gesellschaftliche Klima, finden für alles einen Sündenbock, bieten aber für nichts eine Lösung. Die Lügen der Brexiteers und das Chaos, das sie damit angerichtet haben, sind ein gutes Beispiel dafür. Die Antwort lautet auch hier: ein sozialeres Europa. Wenn Menschen fair behandelt werden und sich sicher fühlen, sind sie weniger empfänglich für Hass und Hetze. Wir brauchen anständige Löhne, schnelles Internet in jedem Dorf, wir brauchen für die Braunkohlereviere eine echte Perspektive, wir müssen liefern. Das ist eine langfristige Aufgabe.

Udo Bullmann, SPD-Spitzenkandidat für das EU-Parlament.

ONETZ: Denken Sie, dass Sie dazu noch lange genug Zeit haben?

Bullmann: Die Zeit drängt. Uns bleiben nur noch zehn Jahre, bis der Klimawandel unumkehrbar wird. Deshalb kämpfen wir für eine sofortige und grundlegende Veränderung der europäischen Politik – hin zu einem nachhaltigen, sozialen Europa. Wenn wir ein Mandat für eine progressive Mehrheit bekommen, wollen wir im europäischen Parlament eine umfassende Reformagenda umsetzen. Zu unseren Zielen gehören Mindestlöhne in allen EU-Staaten, die bei 60 Prozent des jeweiligen Durchschnittslohns liegen, höhere soziale Standards, eine Mindestbesteuerung großer Unternehmen und der umweltverträgliche Umbau der Industriegesellschaft. Wir haben 110 praktische Vorschläge gemacht. Da brauchen Sie einen Moment, bis Ergebnisse sichtbar werden. Wir wollen Schluss machen mit dem inhaltsleeren Postengeschachere und uns auf den Politikwechsel konzentrieren.

ONETZ: Europa mit seiner halben Milliarde Menschen und dem weltweit größten Wirtschaftsraum könne etwas bewegen in der Welt, sagen Sie. Wie wollen Sie das gegen Trumps „America first“-Politik, Putins Angriffe aufs Völkerrecht und Chinas wirtschaftliche Expansion erreichen?

Bullmann: Die EU muss ihre Potenziale selbstbewusster nutzen. Das sagen uns auch externe Experten wie Jeffrey D. Sachs, Professor für nachhaltige Entwicklung und Direktor des „Earth Institutes“ an der Columbia University in New York. „Leute, ihr müsst aufhören, so kleinmütig zu sein“, hat er uns bei einer Expertenanhörung gesagt. „Ihr habt alles, Demokratie, Wohlstand, Sozialstaat, öffentlich zugängliche Bildung, genügend Ingenieure und Facharbeiter. Wenn ihr es nicht schafft, umweltfreundlich und sozial verträglich umzusteuern, eine Mobilität der Zukunft auch in ländlichen Räumen hinzubekommen, wer dann? Die ganze Welt guckt, ob ihr das schafft.“ Das Störfeuer von Europas Feinden erklärt sich aus der Angst Putins vor gesellschaftlichen Freiheiten, Trumps Vision einer Welt als seinem persönlichen Businessmodell und Chinas Vision von einer wirtschaftlichen Vormachtstellung. Die EU ist ein Global Player, der Umweltrecht und den Schutz privater Daten für 500 Millionen Menschen umsetzt, damit die Großen sich nicht alles erlauben können. Das haben die „Guten“ des Internets erkannt, weshalb die weltweit tätige Online-Nutzerorganisation Avaaz den Kampf um Freiheit und Demokratie in Europa unterstützt.

ONETZ: Was brächte der EU ein europäischer Außenminister, ein Sitz im UN-Sicherheitsrat und eine gemeinsame europäische Sicherheitspolitik?

Bullmann: Unser deutscher Außenminister Heiko Maas hat es treffend auf den Punkt gebracht: Die Antwort auf Trumps „America First“-Politik kann nur „Europe United“ lauten. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, wie verheerend es ist, wenn Europa nicht mit einer Stimme spricht. Etwa im Balkankrieg, als Österreich und Deutschland andere Positionen vertraten als Frankreich und Großbritannien. Das hat die Situation in Ex-Jugoslawien verschlimmert. Wir haben mit Federica Mogherini eine ausgezeichnete „Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik“ – ohne sie hätte es kein Iran-Abkommen gegeben, das die USA jetzt torpedieren. Die USA haben außenpolitisch immer wieder den Fehler gemacht, wie in Lybien und im Irak auf einen vermeintlich einfachen Regimewechsel zu setzen. Es ist aber ein Trugschluss, dass dort Demokratie über Nacht im Wüstensand gedeiht. Stattdessen haben wir wie in Libyen halbstaatliche Gangsterbanden und unterschiedliche Warlords, auf die manche jetzt allen Ernstes ihre Hoffnung setzen.

Udo Bullmann, Vorsitzender der S&D-Fraktion im Europäischen Parlament.

ONETZ: Sie sagen, dass Europa noch nie so viele Feinde hatte, mächtige Feinde, zwar klein an der Zahl, aber mit viel Geld ausgestattet. Was tun?

Bullmann: Die EU muss von innen heraus wieder erstarken, und das schaffen wir nur, wenn wir die Menschen in den Mittelpunkt rücken. Auf die Europäische Volkspartei ist hier leider kein Verlass mehr. Die Zeiten, als die Konservativen zur Integration beitrugen – von Schuman über Adenauer bis Kohl – sind vorbei. Momentan erleben wir eher eine Orbánisierung der EVP. Deshalb brauchen wir eine neue progressive Mehrheit im Europäischen Parlament, und wir als Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten (S&D) sind bereit, sie anzuführen. Wir laden alle, die guten Willens sind, dazu ein mitzumachen. Macron muss sich entscheiden, die Grünen, ob sie Verantwortung übernehmen wollen, genauso wie die Linken. Wir haben ein offenes Konzept, orientiert am Menschen. Jacques Delors musste als Kommissionspräsident von 1985 bis 1995 mit der Osterweiterung, dem Fall der Mauer und der Erweiterung des Binnenmarkts, um nicht hinter China zurückzufallen, dicke Bretter bohren. Er war sich im Klaren, dass dies nur mit einer starken gemeinsamen Währung und einer Sozialunion funktionieren kann.

ONETZ: Wie wollen Sie konkret mit rechtspopulistischen Regierungen umgehen, die wie in Polen den Rechtsstaat abschaffen oder in Ungarn die Pressefreiheit verstaatlichen?

Bullmann: Klare Kante zeigen, so wie es der sozialdemokratische Spitzenkandidat Frans Timmermans als Vize-Kommissionspräsident in den vergangenen Jahren konsequent getan hat. Unsere Werte sind für uns nicht verhandelbar, deshalb hat die EU Rechtsstaatlichkeitsverfahren gegen Ungarn und Polen eingeleitet. Aber wir müssen uns natürlich auch mit den Ursachen dieser Entwicklungen auseinandersetzen. Junge, gut ausgebildete Leute in Ungarn und Polen wandern ab, weil sie keine ökonomische Perspektive sehen. Da hätte die EU mit einer langfristigen Planung ihrer Regionalfonds zur Stabilisierung und Modernisierung der Wirtschaft beitragen können. Die Länder des ehemaligen Ostblocks erwarten von der EU Schutz vor Putin, Energiesicherheit und Hilfen für langfristige Chancen auf wirtschaftliche Prosperität. Umgekehrt suchen die Schreihälse in diesen Ländern für alles Schuldige. Das sind Europa und die Flüchtlinge, auch wenn es in Ungarn außer einigen tausend reichen Russen, die sich eingekauft haben, so gut wie keine Migranten gibt. Klar ist aber auch, dass vor Ort zu wenig passiert: Wo ist denn Orbáns Einfluss auf die Wertschöpfung, wo ist das offene Feld für die besten Köpfe? Portugal hat es unter dem Sozialisten Costa geschafft, junge Fachkräfte zurückzuholen, weil sie eine Perspektive sehen. Das zeigt: Man kann ein Land nach einer Krise drehen und die Geschicke zum Besseren wenden.

ONETZ: Wie beurteilen Sie den Vorwurf eines krassen europäischen Kommunikationsversagens, das es den Populisten erst ermöglicht hat, ihre Zerrbilder zu malen?

Bullmann: Es gibt ganz sicher große Defizite. Die Menschen wissen nicht, dass 80 Prozent der Gesetze längst in Brüssel gemacht werden und viele davon ihnen direkt zugutekommen – Stichpunkt Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz oder die Entsenderichtlinie, die die Ausbeutung entsandter Arbeitnehmer beendet ebenso wie den unfairen Wettbewerbsdruck, der dadurch bestand. Das Problem ist: Es gibt nicht genug Berichte und vor allem zu wenige Bilder, die unsere Kultur nun mal dominieren. Unser Verhältnis zu Medien in Brüssel ist gut, da fragen die Journalisten nach einem Kommentar, aber das ist kein Vergleich zur Berichterstattung aus Berlin, vor allem wenn es um komplizierte Themen geht. Wenn wir wichtige Gesetze über Banken und Umwelt machen, wird das zu wenig abgebildet. Man sieht nur Merkel ab und an zu Krisengipfeln fahren – und dann ohne Ergebnisse wieder zurückkommen. Kein Wunder, wenn die Leute den Eindruck bekommen, da passiert zu wenig.

ONETZ: Hat Berlin auf Emmanuel Macrons Avancen nicht reagiert, weil man den deutsch-französischen Deal, Schutz für die deutsche Autoindustrie gegen Rücksichtnahme auf die französische Agrarproduktion, nicht gefährden will?

Bullmann: In der Ära Delors` war es entscheidend, dass er die europäische Politik auf eine neue Ebene gehoben hat. Der Binnenmarkt hat Wohlstand gebracht, der muss ergänzt werden durch eine soziale und politische Union. Macron hat sehr stark auf das deutsch-französische Verhältnis gesetzt, Merkel hat nicht reagiert. Erst nach vielen Monaten sagt eine AKK, die nichts mit den Regierungsgeschäften zu tun hat, was sie alles ablehnt und dass Macron doch bitteschön Straßburg als Sitz des Europäischen Parlaments aufgeben soll. Das ist eine diplomatische Bankrotterklärung. Daher versucht Macron jetzt, andere Bündnisse zu schmieden. Er könnte immer noch ein guter Modernisierungspartner sein, wenn er begreift, dass seine Wirtschaftsreformen sozial flankiert werden müssen. Wenn ich keine klugen Ausgleichsinstrumente schaffe, stärke ich die Fliehkräfte. Es kann nicht jeder Exportweltmeister sein. Wer erfolgreich exportieren will, muss auch darauf schauen, dass diejenigen, die die Produkte kaufen sollen, mitkommen. Wir brauchen ein Konzept für Urlaubsregionen, für Landstriche, wo die Logistik besonders stark ist, für den Süden vielleicht mit erneuerbaren Energien.
Die Amerikaner haben immer, wenn eine Krise auftrat, etwas Neues erfunden. Sie hatten die Mondfahrt und die daraus resultierende Dynamik. Bei uns brennt der Mittelmeerraum. Warum helfen wir den Ländern im Süden nicht zu alter Größe zurück? Von dort stammt die Idee Europas. Warum unterstützen wir nicht Athen und Sevilla, Kompetenzzentren für Religionstoleranz und Geschlechtergerechtigkeit zu werden? Da muss man etwas investieren, aber das nützt im Endeffekt allen. Stattdessen mussten die Griechen den Hafen von Piräus an die Chinesen verkaufen. Wer die Infrastruktur-Zentren in der Hand hat, hat die Macht.

SPD-Europäer Udo Bullmann,

ONETZ: Für mehr Umverteilung etwa über Eurobonds gibt es keine Akzeptanz?

Bullmann: Der Stabilitäts- und Wachstumspakt ist ein sehr schlichtes Instrumentarium. Sie können nicht einmal messen, ob eine Regierung nach einem Wahlsieg Vetternwirtschaft betreibt und damit Geld vergeudet oder in die Ausbildung seiner Jugend investiert. Ein Element macht Sinn, deshalb haben wir auch zugestimmt: Wir haben nicht nur mit Defiziten, sondern auch mit notorischen Überschüssen ein Problem. Wenn ich auch noch morgen Kunden haben möchte, brauche ich auch die Mittel, um zahlungsfähig zu bleiben. Wenn Sie so eine These äußern, wird das medial so verzerrt wie vom Bayerischen Rundfunk, der einen Reporter vor Audi postierte und einen Arbeiter fragen ließ: „Sind Sie dafür, dass Deutschland weniger Autos exportiert?“ Das ist das Gegenteil von Aufklärung, zu der wir als Politiker und Journalisten verpflichtet sind. Ein Fiasko.

ONETZ: Was halten Sie von einer Enrergiewendeunion als Reaktion auf den Streit um die deutsch-russische Gaspipeline "Northstream" und die durch sie geweckten Ängste in Osteuropa?

Ertug: Wir brauchen ein europäisches Industriemodell mit unterschiedlichen Modellen wie „artificial exzellenz“ in Skandinavien, den Ausbau erneuerbarer Energien in Südeuropa. Das müssen wir aber so nutzen, dass gleichzeitig in Speicher investiert wird und neue Arbeitsplätze entstehen. Wir haben da einen anderen Ansatz als die Grünen, bei denen es sofort Arbeitsplatzverluste gäbe.

ONETZ: Rechtspopulisten sind nicht nur xenophob, sondern beharren auch auf anderen schlechten Gewohnheiten wie freie Fahrt für freie Bürger, Diesel für alle und CO2 ist gut für Pflanzen. Wie dagegenhalten?

Ertug: Die Konservativen haben die Weichen falsch gestellt. Deshalb haben wir Dinosaurier in der Automobilindustrie, die es sich leisten konnten, über Jahre zu betrügen, und wir haben keine Politik, die die Bürger davor schützt. Bei der Stickstoff-Emission des Diesel gäbe es eine einfache Lösung: Hardwarenachrüstungen. Sie müssen sich vorstellen, dass die Industrie ohnehin nur in die USA ausführen darf, wenn sie nachrüstet. Aber viele durchschauen das nicht und schimpfen einfach nur auf die Politik.

ONETZ: Wie originell finden Sie Kevin Kühnerts Vergesellschaftungsappell?

Bullmann: Er greift eine wichtige Frage auf. Neben bewährten, aber vernachlässigten Modellen, wie etwa dem Genossenschaftsgedanken, brauchen wir auch neue Ansätze, um die Interessen des Gemeinwohls sicherzustellen.

ONETZ: Und Sie, Frau Fruth?

Fruth: Die Wortwahl ist mir zu hart, aber den Grundgedanken kann ich nur unterstreichen. Es liegt in der Natur der Dinge, dass ein Sozialdemokrat solche Fragen stellen muss.

ONETZ: Herr Ertug, Sie trafen Kevin in Konnersreuth ...

Ertug: Die Empörungswelle ist symptomatisch. Alle, die sich aufregten und die ich gefragt habe, ob sie den ganzen Text gelesen hätten, gaben zu, sie hätten nur die Überschrift gelesen. Dazu hat er jetzt auch noch ein YouTube-Video zur Erläuterung gestellt. Ich finde, er hat Recht, dieses kapitalistische System hat ausgedient.

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