17.01.2020 - 14:17 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Was geschieht mit einem Menschen, dem ein großer Teil seiner bisherigen Biografie abhanden gekommen ist? Gibt es Chancen für einen "Neuanfang" und wie können diese aussehen? Das Theaterstück "4000 Tage" versucht eine Antwort zu geben.

„4000 Tage“ ist ein Komödien-Kammerspiel, das es schafft, das Thema Amnesie in spannender und unterhaltsamer Weise, ja geradezu witzig und boulevardesk in Szene zu setzen.
von Helmut FischerProfil

Das als "eine ernste Komödie" betitelte Werk "4000 Tage" hatte diese Situation im Stadttheater Amberg am Donnerstag zum Thema: Michael liegt seit drei Wochen im Koma, nach einem Blutgerinnsel, das sich in seinem Hirn gebildet hat. Seine Mutter und sein Lebensgefährte Paul wachen an seinem Krankenbett. Die beiden, die sich aus unterschiedlich motivierter Abneigung in den letzten Jahren aus dem Weg gegangen sind, verbindet die Sorge um Michaels Gesundheit.

Als Michael aus dem Koma erwacht, wird schnell klar, dass ihm sämtliche Erinnerungen an die letzten 11 Jahre verloren gegangen sind, genau die Zeit, in der er mit Paul zusammengelebt und sich von seiner Mutter entfernt hat. Es erscheint ihm so, als ob die Beziehung zu seinem Partner niemals existiert hat. Nun beginnt "der Kampf" um die Deutungshoheit über diese Zeit.

"Emotionale Erinnerung"

Schnell stellt sich heraus, dass die Mutter Paul dafür verantwortlich macht, dass er die kreative Seite ihres Sohnes verschüttet habe. Paul hingegen versucht, das Gedächtnis seines Partners, und die Erinnerung an die nach seiner Überzeugung "glückliche gemeinsame Zeit" zu reaktivieren.

Das Ergebnis: Auch wenn die "Faktenerinnerung" verschwunden ist, die "emotionale Erinnerung" lässt sich nicht "verschütten", so dass am Ende Michael und Paul wieder zusammenfinden. Wieder trennt sich Michael von seiner Mutter und sie muss resigniert akzeptieren, (nur) "für kurze Zeit hast du mir wieder gehört".

Diese psychologisch so diffizile, verwobene Handlung wurde in oft beklemmende Dichte dargestellt. Die geschliffenen Dialoge, die emotionale Betroffenheit aller Beteiligten, das dargestellte Hinterfragen der eigenen Beweggründe - diese szenische Umsetzung stellte an die Zuhörer hohe Anforderungen an konzentrierter Aufmerksamkeit.

Die einzelnen Szenen erhielten ihre musikalische, deutende Begleitung durch ausgewählte Musiktitel, die situationsgerecht zugespielt wurden. Tragend für die spannende, fesselnde, Umsetzung waren die Akteure. Carola, die Mutter Michaels, wurde von Mona Seefried in der ganzen Entschlossenheit einer um "ihren Besitz kämpfenden" Frau dargestellt. Die Klarheit ihrer Sprache, die Unnachgiebigkeit ihres Anspruchs, auch die "Tricks", mit denen sie Michael in "ihr" Leben zurückholen wollte, wie auch ihre letztendliche Resignation, Seefried war eine überzeugende Verkörperung dieser doch so verwundeten Frauengestalt.

Mathias Herrmann als Paul vermittelte den Partner Michaels in beeindruckender Weise. Er "war Paul" in seiner Sorge um seinen Partner, energisch in der Auseinandersetzung mit Carola, überzeugend in der Hinterfragung seines eigenen Verhaltens und in der möglichen "Freigabe" seiner Beziehung und absolut glaubwürdig in der Empathie, mit der er sich auf die "konzeptlose" Kreativität Michaels einließ, und damit der Beziehung eine neue Chance gab. Das war eine in ihrer Vielschichtigkeit exzellente Darstellung.

Intensive Präsentation

Und Michael wurde von Raphael Grosch ebenfalls einfach großartig verkörpert. Die geschilderte Ratlosigkeit nach dem Koma-Erwachen, seine Distanz zu Paul, auch seine unbewusste, aber stetig wachsende Nähe zu ihm, die sich erstmalig in dem kleinen Satz "Bleib bitte" äußerte, das allein schon war große Klasse. Aber die Darstellung seiner kreativen Hyperaktivität mit der Erschaffung monströser Konstruktionen, und der Rückbesinnung auf die emotionale Bindung an Paul setzte dem die Krone auf. Es war eine intensive, starke Präsentation eines psychologisch vielschichtigen Themas, die begeisterten Beifall erhielt.

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