03.05.2019 - 13:58 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

"Vater hat Asthma, ich habe Vertrag"

Formel-1-Kommentator Christian Danner beim Rennen in Baku: "Vettel hat Verkehr." Kann man auch falsch verstehen. Im Sportteil unserer Zeitung: Dennis Lippert vom Club "hat Vertrag". Versteht man richtig, ist aber kein gutes Deutsch.

Auf dem Platz kämpfen Fußballer um jeden Zentimeter, nach dem Spiel in Interviews nicht selten mit der deutschen Sprache. Experten und Medien manchmal aber auch.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Gut zwei Jahre ist es her, dass Dennis Lippert (23), einem Weidener, der beim Club spielt, die Kreuzbänder im linken Knie gerissen sind. Unter das Porträtbild zu dem jüngst erschienenen Artikel über die Leidensgeschichte des jungen Fußballers schrieb die Sportredaktion: "Dennis Lippert hat noch bis Ende Juni 2019 Vertrag beim 1. FC Nürnberg."

"Sprache verändert sich, neue Wörter kommen hinzu, alte werden nicht mehr verwendet und geraten in Vergessenheit. Das ist mir schon klar", äußerte sich dazu unser Leser Günter Ströhl. Er müsse wohl akzeptieren, schrieb der Sulzbach-Rosenberger an den Leseranwalt, dass "Gabi's Friseursalon" zulässig sei und es "CD's" gebe. "Ganz besonders schön" finde er es inzwischen, fuhr Ströhl fort, "dass fast alle Politiker, Kommentatoren und sonstige Experten ,am Ende des Tages' wissen oder auch nicht wissen, was in bestimmten Situationen zu tun ist". Könne man nichts machen, Sprache verändere sich eben, wiederholte Ströhl.

Nun aber habe er im Sportteil seiner Zeitung den Satz "Dennis Lippert hat Vertrag bis (...) beim 1.FC Nürnberg" lesen müssen. Darüber ärgert sich der Sulzbach-Rosenberger: "Dennis Lippert hat nicht Vertrag, Dennis Lippert hat einen Vertrag. Das ist furchtbar, das hat mit Entwicklung von Sprache, Neologismen oder Neuerfindung von grammatikalischen Strukturen nichts zu tun, es ist einfach falsch. Es wird auch nicht dadurch besser, dass fast jeder, und wirklich fast jeder Spieler, diesen Satz zum Besten gibt, wenn ihm ein Mikrofon unter die Nase gehalten wird und er nach seiner vertraglichen Situation gefragt wird. Noch deprimierender wird es dann, wenn der Satz ,Er sagt, er hat Vertrag' wiederholt von den Experten im Fernsehen verwendet wird." Ströhls abschließende Bitte: darauf einzuwirken, dass er in Zukunft "einen Vertrag" lesen darf.

Eines gleich vorweg: Ich bin hier ganz auf der Seite von Günter Ströhl. Auch ich kann die Floskel "am Ende des Tages" nicht mehr hören und lesen. Und auch für mich hat Dennis Lippert "einen Vertrag". Das ist gutes und richtiges Deutsch und sollte so in der Zeitung stehen.

Nun möchte ich an dieser Stelle gerne auf den Bestseller-Autor Bastian Sick ("Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod") verweisen. Er hat in seiner sprachpflegerischen "Spiegel"-Kolumne "Zwiebelfisch" schon vor vielen Jahren unter der Überschrift "Ich habe Vertrag" unter anderem Folgendes angemerkt: Das Deutsch der Spieler und Experten sei oft seltsam, manchmal aber auch sehr komisch. So habe beispielsweise der Österreicher Andreas Herzog auf die Frage, ob er Oliver Kahn wegen eines mehrere Jahre zurückliegenden körperlichen Angriffs noch böse sei, erwidert: "Nein, da ist ja inzwischen Schnee über die Sache gewachsen." Eine unter Fußballspielern sehr beliebte Formulierung laute: "Ich habe Vertrag". Kann man das Wort "Vertrag" ohne Artikel gebrauchen? Bastian Sick: "So etwas geht eigentlich nur bei unzählbaren Hauptwörtern: ,Ich habe Zeit', ,Ich habe Urlaub', ,Ich habe Hunger' oder ,Ich habe Vorfahrt'. Verträge aber kann man zählen, daher sind sie in der Einzahl nur mit Artikel zu haben."

Vielleicht, so sinnierte Sick, empfänden manche Spieler den Umstand, in vertraglicher Verpflichtung zu stehen, als derart bedrückend, dass sie "Vertrag" mit einer Krankheit gleichsetzten: "Mein Vater hat Asthma, meine Mutter hat Rheuma, und ich habe Vertrag." Im Umgang mit der Sprache seien die Medien oft nicht besser als die Fußballprofis, bedauerte Sick, um seine Kolumne "mit den Worten des berühmtesten Aphoristikers des Sports" zu schließen: "Ich habe fertig!"

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