25.03.2019 - 16:54 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Weltliteratur zum Genießen

Michael Kohlhaas? Heinrich von Kleist? Diesen Namen haftet das Etikett "langweilige Schullektüre" an. Jedenfalls kommt dieser Gedanke auf angesichts des spärlichen Besuchs der Aufführung im Amberger Stadttheater.

„Ich klage an“ – „Abgewiesen“, das sind die Schlüsselwörter in der Kleist-Novelle „Michael Kohlhaas“. Die Bühne Cipolla brachte Figurentheater für Erwachsene mit Livemusik ins Stadttheater.
von Autor MSCProfil

80 Minuten lang lieferte das Figurentheater Bühne Cipolla amüsant und einfallsreich Spannung und Unterhaltung vom Feinsten. Mit Masken und Musik, Poesie und Fantasie, Humor und großer Schauspielkunst wurde die Geschichte des Michael Kohlhaas, des "rechtschaffensten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit" erzählt. Sebastian Kautz führt die Figuren, schlüpft nicht nur mit den Händen in die Puppe, er nimmt auch den Charakter an, vertieft sich in die Situation, verkörpert die Wandlung und Verwandlung des Pferdehändlers, dessen Leben sich wegen einer Zollschikane grundlegend ändert. Das "Landesherrliche Privilegium" stürzt ihn ins Unglück. Er geht vor Gericht und die Klage wird abgewiesen...

Er verkauft Hab und Gut, verliert seine Frau und nimmt das Recht selbst in die eigene, blutige Hand. Eine Szene, die unter die Haut geht, als Kohlhaas sein Aussehen verändert, Bart ab, Haar ab, Narben auf die Haut gebrannt - im Publikum ist es mucksmäuschen still. Dafür übernimmt Gero John auf sehr subtile Weise die musikalische Gestaltung. Mittels Cello, eigener Stimme und Keyboard setzt er Akzente.

Unaufdringlich aber präzise interpretiert und spielt er meisterlich passende Melodien, macht Geräusche, hebt besondere Momente hervor. Den Verkauf des Hauses an den Nachbarn, den biedermännischen Gartenzwerg oder die Waterboarding-Tortur des Knechts, der als kugelrunder Kopffüßler-Knirps dem Publikum in der ersten Reihe auf den Schoß rollt. Dann der giftig-grün sabbernde Herr von Tronka oder die schöne Frau Kohlhaas, und das höchst vergnügliche, komplette Miniatur-Tribunal-Equipment von Luther bis Landesherr, alles Figuren im Spiel um Ehre, Recht und Gerechtigkeit. Alles auch Figuren, die Melanie Kuhl pfiffig und flexibel gebaut hat, die mit großer Persönlichkeit und Ausstrahlung auftreten in einem flexiblen und kreativen, mit Plastikfolie und Gaze verhüllten Szenarium.

In dieser Form ist Heinrich von Kleists Weltliteraturnovelle großartig zu genießen. Die exzellente Inszenierung entstand in Kooperation mit Metropol Ensemble, Theater Duisburg, bremer shakespeare company und Schaulust e.V. und war laut Pressetext als erste Figurentheaterproduktion überhaupt in der Elbphilharmonie Hamburg. In Amberg erhielten die Protagonisten nach einigen Minuten atemloser Stille donnernden und herzlichen Applaus.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.