12.06.2018 - 09:11 Uhr
SchwandorfDeutschland & Welt

Arm an Geld und Bildung

„Viele Familien ärmer als gedacht“ – unter diesem Titel veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung Anfang Februar eine Studie zur Einkommensarmut. Wir befragten Experten in der Region zum Thema.

von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Bei der Studie wandten Forscher der Ruhr-Universität Bochum eine neue Methodik an. Sie ermöglicht laut Bertelsmann-Stiftung einen realistischeren Blick auf die Einkommenssituation von Familien. Es habe sich gezeigt, dass die Armutsrisikoquote von Paarfamilien nach den neuen Berechnungen knapp drei Prozentpunkte höher liege als nach herkömmlicher Methodik: Armutsgefährdet sind demnach 13 Prozent der Paare mit einem Kind, 16 Prozent jener mit zwei und sogar 18 Prozent solcher mit drei Kindern. Stufen herkömmliche Modelle bereits 46 Prozent aller Ein-Eltern-Familien als armutsgefährdet ein, so sind nach dem veränderten Modell sogar 68 Prozent der Alleinerziehenden betroffen.

Nicht groß verändert

Dass vor allem Alleinerziehende mit finanziellen Engpässen zu kämpfen haben, kann Inge Pannrucker, Vorsitzende im Tirschenreuther Kreisverband des Kinderschutzbundes, bestätigen. In der Kinderbetreuung des Vereins frage man zwar nicht aktiv nach der finanziellen Situation, man merke aber durchaus, wo es „etwas knapp zugeht“. Dabei habe sich die Situation Pannruckers Meinung nach über die Jahre nicht groß verändert: „Wir haben in der Region ja etwas wirtschaftlichen Aufschwung, es gibt jetzt auch mehr Arbeitsplätze für Frauen und die Betriebe sind flexibler geworden bei der Beschäftigung von Frauen.“

Pannrucker, die über 40 Jahre lang Lehrerin war, wünscht sich von der Politik vor allem Investitionen im Bildungsbereich. „In ärmeren Familien ist das ganze Bildungsumfeld schwächer“, hat sie festgestellt. „Daher ist es für diese Kinder schwieriger, den gleichen Leistungsstand zu halten wie Mitschüler aus besser gestellten Familien.“ Pannrucker plädiert für eine Kindergartenpflicht ab 4 Jahren. „Ich habe als Lehrerin selbst oft Defizite bemerkt bei Kindern, die nicht im Kindergarten waren.“ Diese Jungen und Mädchen hätten dann bereits beim Start in die Schullaufbahn Nachteile.

Günter Burgespfleger ist Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Schwandorf. Er stellt fest: „Menschen, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II oder Hartz IV beziehen, sind sicher nicht reich, sondern bewegen sich schon an der Grenze zur Armut.“ Davon seien naturgemäß auch viele Kinder betroffen, die in entsprechenden Bedarfsgemeinschaften leben. Allerdings sei die Entwicklung im Kreis Schwandorf durchaus positiv verlaufen. „In der Hochzeit gab es rund 4000 Bedarfsgemeinschaften, jetzt sind es nur noch etwa 2000.“ Etwas über ein Viertel der Bedarfsgemeinschaften entfalle außerdem auf Flüchtlinge.

Burgespfleger zufolge profitieren auch die Kinder vom historischen Tiefstand der Arbeitslosigkeit in der Region. „Wir versuchen bei unseren Kunden aber darauf zu achten, dass die Kinder eine gute Schulbildung bekommen und eine Ausbildung machen.“ Denn das schütze vor Geldnot und Armut. Alleinerziehende, bestätigt der Experte, bildeten tatsächlich eine besondere Risikogruppe – schon allein, weil diese Eltern in ihren Arbeitszeiten eingeschränkt seien. Das Schwandorfer Jobcenter trage dem nun mit einer besonderen „Maßnahme“ Rechnung, die auf die Bedürfnisse Alleinerziehender zugeschnitten sei und unter anderem eine sozialpädagogische Betreuung beinhalte. „Wir wollen die Leute stabilisieren, sie näher an den Arbeitsmarkt heranbringen und parallel dazu versuchen, Jobs zu finden.“

Nicht arm reden

Ursula Barrois leitet in Weiden den gemeinnützigen Verein „Die Initiative“, der sich vor allem für Wohnungslose und Familienhilfe engagiert. „In einem reichen Land sind Menschen, die wenig Geld haben, tatsächlich arm oder fühlen sich so,“ sagt sie. Trotzdem sei es keine Lösung, dies den Betroffenen immer wieder zu verdeutlichen. „Man darf den Leuten nicht ständig sagen, dass sie arm sind. Ich selber sage lieber: Lasst uns erst mal schauen, was ihr habt, und was sich daraus machen lässt.“ Alles andere sei eine Frage der politischen Diskussion darüber, was ein Land leisten könne, und diese dürfe auf keinen Fall auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen werden.

Barrois sieht keine dramatische Zunahme der Armut in ihrem Umfeld. Zwei besondere Probleme hat sie jedoch ausgemacht: „Zum einen wird das Wohnen immer teurer, und das ist wirklich schwierig für die Leute.“ Zum anderen nehme die Überschuldung immer weiter zu, weil viele Ärmere „einfach mithalten wollen“. Barrois kritisiert auch, dass bei den Regelsätzen für Hartz IV der Aufwand für den Zugang etwa zu Bädern, Büchereien oder Veranstaltungen zu knapp berechnet sei. „Dafür ist dann einfach kein Geld mehr da.“

Tafel hilft aus

Dieselbe Kritik äußert Bernhard Saurenbach, Vorsitzender der „Tafel“ in Amberg und dem Landkreis Amberg-Sulzbach. Kinder aus armen Familien hätten keine Möglichkeit, kulturelle Angebote in Anspruch zu nehmen. „Sie können sich ja nicht mal einen Besuch im Schwimmbad leisten.“ Hier helfe die Tafel, indem sie aus Spendengeldern auch mal eine Familienjahreskarte fürs Bad finanziert. Besonders hart treffe Einkommensarmut Alleinerziehende. „Wer Hartz IV bezieht, hat zwar Anspruch auf ein Basispaket zur Einschulung“, erläutert Saurenbach. Doch das sehe gerade einmal 100 Euro vor, wo „leicht 300 Euro fällig werden“.

Bei 14- bis 17-Jährigen veranschlage der Hartz-IV-Regelsatz für den Bereich „Freizeit, Kultur, Bildungswesen“ gerade einmal 23 Cent pro Monat. „Da hat der Gesetzgeber wenig übrig und ich würde mir wünschen, dass es mehr wäre.“ Nachhilfe könne zwar bezahlt werden, jedoch erst nach dem Zwischenzeugnis und einem entsprechenden Antrag. Die Hilfe komme dann viel zu spät, kritisiert Saurenbach. „Und viele sind mit den Anträgen auch überfordert.“ Das sei fatal, denn so ziehe man in den häufig bildungsfernen Familien die nächste Generation von Hartz-IV-Beziehern heran. Eine deutliche Erhöhung der Hartz-IV-Sätze allein hält der Tafel-Vorsitzende allerdings auch nicht für die Lösung des Problems. „Dann besteht die Gefahr, dass es sich für Leute mit Mindestlohn kaum noch lohnt, arbeiten zu gehen.“ Wichtig sei auch, den Mindestlohn zu erhöhen.

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