Spannungsfeld Neutralität

"Linksliberal" sei diese Zeitung, gegen CSU und Seehofer und für Merkel, lauten die Vorwürfe. Ein anderer Leser wünscht sich von uns weiterhin "unabhängige Kritikfähigkeit." Stellt sich die Frage: Wie neutral muss, kann eine Zeitung sein?

Horst Seehofer und die CSU immer nur am Pranger und immer nur in die Pfanne gehauen? Unsere Leser haben da ganz unterschiedliche Betrachtungsweisen.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Auslöser der Diskussion war ein kürzlich veröffentlichter Leserbrief, in dem Paul Trapp aus Mitterteich "bei den politischen Beiträgen eine einseitige Berichterstattung und Schuldzuweisung" beklagte. Er erwarte, dass diese Zeitung "neutraler berichtet bzw. beide Seiten zu Wort kommen".

"Der Kritik des Autors muss ich mich leider anschließen", hielt Alfred Kastner aus Weiden in seiner Mail fest und führte dazu aus: "Ich finde es sehr bedauernswert, dass sich der Neue Tag politisch offenbar eindeutig positioniert hat. Bei der überregional erscheinenden Taz weiß ich von vorneherein, welche politische Richtung die Zeitung veröffentlicht. Bei einer Regionalzeitung wäre eine neutralere Berichterstattung jedoch wünschenswert. Es ist vollkommen legitim, die Meinung der Redaktion als Kommentar zu veröffentlichen. Aber beim Neuen Tag gewinnt man seit einiger Zeit den Eindruck, dass diese Kommentare mit meinungsgleichen Beiträgen auf den darauffolgenden Seiten zusätzlich unterfüttert werden." Den Beweis dafür bleibt Kastner schuldig.

Bei Merkel "unkritisch"

Weiter schrieb Kastner: "Leserbriefe, die sich mit der Politik von Angela Merkel kritisch auseinandersetzen, sind im Neuen Tag so gut wie gar nicht mehr zu entdecken. Sind die Nordoberpfälzer so unkritisch gegenüber der Kanzlerin? Ich hatte Ihre Zeitung aufgrund ihrer objektiven und nicht einseitigen politischen Berichterstattung über viele Jahre abonniert und gerne gelesen. Mittlerweile habe ich mein Abo gekündigt. Ich gehe davon aus, dass eine deutliche Mehrheit Ihrer Leserinnen und Leser Ihrer politischen Berichterstattung positiv gegenübersteht."

Eine schwarz angehauchte Zeitung? Die Dame am Telefon, die eine linksliberale Tendenz ausgemacht hat, sah das völlig anders. Dauernd hacke die Redaktion auf der CSU herum. Wenn schon die Mehrheit der Bürger CSU wähle, dann gehe das gar nicht. Dann müsse man dem als Zeitung doch Rechnung tragen und nicht gegen die Leser anschreiben.

Manfred und Dorothea Praller aus Pirk indes können den Vorwurf fehlender Neutralität in politischen Beiträgen nicht nachvollziehen. "Im Gegensatz dazu schätzen wir an Ihrer Zeitung seit vielen Jahren die kritische Bewertung aktueller politischer Themen", betonen sie in ihrer Zuschrift und fügen hinzu: "Dabei wird nach unserer Auffassung das Für und Wider der jeweiligen Angelegenheit meistens gründlich hinterfragt und nicht nur die Meinung der politischen Mehrheit bedient." Die große Bitte: "Bewahren Sie sich Ihre unabhängige Kritikfähigkeit, damit der NT weiterhin zur täglichen Lektüre des mündigen Oberpfälzers gehört."

Jetzt könnte man sagen: Wenn es so unterschiedliche Meinungen zur politischen Berichterstattung in dieser Zeitung gibt, dann scheint sie nicht so viel falsch zu machen.

Auf den Punkt bringt es Chefredakteurin Rita Stiens im niedersächsischen Internetforum "klartext-sg": "Dass das Wort neutral nicht im Pressekodex vorkommt, hat einen guten Grund. Wer sollte der Schiedsrichter sein bei der Frage, ob ein Artikel neutral ist oder nicht? Partei-Repräsentanten sind schon gar keine ,neutralen' Betrachter und Beurteiler, denn sie betrachten die Dinge naturgemäß durch die parteiliche Brille. Was der eine für ,neutral' hält, ist für den anderen alles andere als ,neutral'. Wie sähe ein neutraler Bericht aus einer ein- oder zweistündigen Ratssitzung aus? Gäbe es so etwas wie Neutralität, müssten zwei oder drei Journalisten, die in einer Sitzung sitzen, am Ende nahezu identische Artikel schreiben mit nahezu identischer Überschrift. Ein Neutralitätsgebot für Medien gibt es nicht und kann es auch gar nicht geben. Journalisten tragen durch ihre Arbeit zum Prozess der Meinungsbildung bei, und genau das sollen sie auch. Was wäre zum Beispiel ein ,neutraler' Artikel zum Thema Obergrenze bei Flüchtlingen, zum Thema Organspende, Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare usw.?" So weit Rita Stiens.

Leser ins Bild setzen

Anton Sahlender, Vorsitzender der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO), hat sich mit der Thematik in seinen Kolumnen auch schon des Öftern befasst. Öffentliche Meinung, unterstreicht er, bliebe im Dunkeln, würden Medien nur eine Meinung bedienen, etwa jene von Lesern, die erkennen lassen, dass es keine andere geben sollte. Solche Meinungs-Monotonie könne doch niemand ernsthaft wollen. Die Macher einer Zeitung müssten sich sogar sehr davor hüten.

"Für sie ist es wichtig, Leser so zu bedienen, dass diese bei wesentlichen und speziell bei umstrittenen Themen rundum im Bilde sind, kurzum auch die Gegenargumente kennen. Meinungs-Beeinflussung stünde dem im Wege. Schon der Versuch würde auf die Diskussionsfähigkeit der Menschen zielen, für die die Tageszeitung Hauptnachrichtenquelle geblieben ist", hebt Sahlender hervor. Grundsätzlich gelte für Journalisten: "Sie sollten sich ihrer verantwortungsvollen Rolle bewusst sein und in ihren eigenen Kommentaren niemals versuchen, Meinungen um jeden Preis zu beeinflussen. Gut ist es dagegen, wenn sie Zustimmung finden, weil sie ihre Meinungen in Debatten überzeugend argumentierend vorbringen. Dabei dürfen sie sich, wenn nötig, durchaus gegen Mehrheitsmeinungen wenden."

Muss nicht gefallen

Die öffentliche Aufgabe der Medien hat der bekannte Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen in einem Interview einmal so beschrieben: "Informationen bereitstellen, die wir Bürger brauchen, die Mächtigen kritisieren, die Mächtigen kontrollieren und so Orientierung und Meinungsbildung ermöglichen."

Am Ende lässt sich festhalten: Wie ein Leser eine Berichterstattung wahrnimmt, hängt zu einem nicht unbedeutenden Teil davon ab, welche individuelle Meinung er dazu hat. So ein Leser glaubt dann: Die Zeitung positioniert sich gegen meine Meinung. Zitiert sei hier Paul Jandl, der dieser Tage in der Digitalausgabe der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) befunden hat: "In der Zeitung stehen Dinge, die uns nicht gefallen müssen, die wir aber als zivilisierte Bürger zu ertragen haben."

Hintergrund:

Kritik als Aufgabe

„Meinungsäußerungs- und Medienfreiheit enden dort, wo fremde Rechte verletzt werden“, macht die Bundeszentrale für politische Bildung klar. „Andererseits dürfen diese Rechte nicht so weit ausgedehnt werden, dass die Medien ihre öffentliche Aufgabe nicht mehr wahrnehmen können. So müssen die Medien die Möglichkeit haben, Missstände aufzudecken und eine Debatte darüber zu führen, wie diese zu beheben sind. Dazu dürfen sie beispielsweise das Verhalten von Politikern, Behörden, Wirtschaftsunternehmen oder Prominenten, etwa Fußballspielern, kritisieren. Diese müssen die Kritik auch dann hinnehmen, wenn sie ihr öffentliches Ansehen schädigt oder ihre Geschäfte stört.“

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp