Update 08.04.2019 - 11:25 Uhr
AuerbachDeutschland & Welt

Bienen stechen Bauern aus

Wunsch trifft Wirklichkeit: Die einen wollen aus gutem Grund blühende Wiesen. Die anderen müssen den einen oder anderen Gesetzentwurf zum Artenschutz umsetzen. Was bedeutet das für Milchbauer Gerhard Lindner konkret?

Obwohl Georg Lindner (rechts) im Konzert der Großen ein kleiner Milchviehhalter ist, stammt ein Drittel der Milch des Landkreises von seinem Hof. „Wir haben eine gesunde Philosophie von Milchviehhaltung, aber du bist gezwungen, Umsatz zu machen“, sagt der Vater zweier Söhne und einer Tochter.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ein Familienunternehmen am westlichsten Zipfel des Landkreises Amberg-Sulzbach: "Da wird man leicht übersehen", findet der Vorstand der Milchoase Frankenpfalz. Dabei ist Gerhard Lindner kein stiller Typ. Er meldet sich zu Wort, beim BDM, beim Milchboard, weil er findet: "Wir Verbände müssen uns vorwerfen lassen, dass wir nur reagieren." So sei es auch beim Volksbegehren Artenvielfalt gewesen: "Der Bauernverband hat Frau Becker von der ödp nicht ernst genommen." Jetzt müssten die Landwirte die Suppe auslöffeln - wenn man nicht noch die Kurve bekomme.

Teufel im Detail

Dabei hat der Auerbacher gar nichts dagegen, die Umwelt stärker ins Bewusstsein zu rückten "So weit bin ich nicht von Bio und den Grünen weg", sagt er. Der Teufel liege aber im Detail: "Deshalb müssen wir miteinander reden, damit man Folgen, die keiner will, vermeiden kann."

Verständnis kommt von Verstehen, deshalb ist es dem Landwirt wichtig, sein Wirtschaften zu erklären: "Die Stodterer wissen doch nicht, was wir alles im Sinne des Volksbegehrens machen." Im Rahmen des Kulap-Programms sorgt er für mehrjährige Fruchtfolgen, pflanzt Zwischenfrüchte, schon um Stickstoff zu binden, den er teuer zusetzen müsste. Da seine Felder, auf denen er Futterpflanzen für seine 70 Kühe anbaut, im Wasserschutzgebiet liegt, hat er sich vom Nürnberger Versorger Energy als Vertragslandwirt rekrutieren lassen: "Wir richten uns nach deren Richtlinien bei der Gülleausbringung etwa."

Aber die Natur könne man eben nicht am Grünen Tisch planen - schon gar nicht in Zeiten des Klimawandels: "Die Vegetation ist mindestens drei Wochen früher dran", sagt Lindner, "die Ernte Anfang August oft abgeschlossen." Deshalb pflanzt er, wenn am 20. Juli die Wintergerste weg sei, ohnehin kurzfristig insektenfreundlichen Raps, um die Verrottung anzuregen. "Im Oberboden ist bei der Dürre kein Leben mehr." Die Schlüsselfrage sei: "Wie können wir mit dem Wasserhaushalt im Boden haushalten?"

Düngung ohne Wirkung

Deshalb hält es Lindner für fatal, Programme wie das Kulap an eine Zeitvorgabe zu knüpfen. Wenn man ab 15. Oktober keine Gülle mehr ausbringen dürfe, bleibe die Düngung vorher ohne Wirkung, wenn es nicht regne. "Wenn unser Herrgott nicht mitspielt, verbrenne ich den Grünlandbestand, habe die dreifache Ausgasung - bei der Hitze verdampft die Gülle, das ist kein Regenwurm, keine Bakterien in den oberen 30 Zentimeter, die Böden hat es zerrissen."

Wie kontraproduktiv von oben aufgesetzte Programme wirken können, zeige ein anderes Beispiel: "Wenn man im Sinne des Artenschutzes Kleegras auf der Fläche hat, muss man spätestens nach fünf Jahren umpflügen, um den EU-Ackerschutzstatus zu behalten." Um die Subventionen also weiter zu bekommen, muss er das Gras rausnehmen, obwohl er im Winter dringend Futterpflanzen brauche. "Da kann ich dann eine andere Subvention beantragen, obwohl damit weder den Insekten noch mir noch dem Steuerzahler geholfen ist."

Milchbauer Lindners Kritik am Gesetzentwurf :

Soll und Ist

◘ Mähverbot: „Natürliche Faktoren, können wir gar nicht beeinflussen .“ Das müsse man von Region zu Region anders handhaben. „Die Maßgabe, 10 Prozent Heu zu produzieren, ist o.k., aber bitte nicht auf den 15. Juni terminieren.“ Es gebe oft um diese Zeit eine Schlechtwetterphase, dann müsse man früher ernten. „Ich habe auch Luzerne angebaut auf 4 Hektar“, ergänzt Gerhard Lindner, „man muss den Landwirten Alternativen lassen“.

◘ Im Sommer keine Wiesen mähen: „Es geht um die Inhaltsstoffe im Gras“, erklärt er, deshalb mähen wir komplett.“ Wenn er hohe Erträge erziele, spare er sich teures Kraftfutter. „Wir hatten zum Glück Mais als Futterpflanze, sonst hätten wir bei der Dürre noch mehr zukaufen müssen.“ Der Kraftfuttereinsatz – importiert aus dem Ausland – belastet Geldbeutel und Umwelt.

◘ Mähen von Innen nach Außen: „Wenn es helfen würde, das Wild zu schützen, würde ich es machen.“ Die Theorie: Das Rehkitz könne nach außen ausweichen. „In der Realität ist es aber so, dass es da liegt, im hohen Gras nicht zu sehen ist und sich nicht rührt.“ 1,2 Hektar Grünland auf viele kleine Flächen verteilt, in Kreiseln zu mähen mit vielen Leerfahrten, ohne dass es den Tieren hilft, sei eher Beschäftigungstherapie. Stattdessen schlägt er ein anderes Mittel vor: „Wenn wir zeitig dran sind, sind noch keine Rehe drin.“

◘ Gewässerschutzstreifen: „Ich habe mein Kleegras um einen Weiher stehen“, sagt Lindner, „dann bleiben mir noch 1,5 Hektar zur Nutzung.“ Der Acker werde kleiner, er habe mehr Wendepunkte, die Pacht müsse er trotzdem zahlen.

◘ Kein Pflanzenschutz an angrenzenden Flächen vor Gärten: „Dann würde ich lieber auf die äußeren drei Meter verzichten“, erklärt Lindner, „das darf ich aber nicht.“ Es gebe ganz andere Flächendimensionen im Norden, sagt Lindner, „da verstehe ich, wenn man gesetzlich rangeht.“ So aber sehe er sich existenzgefährdend eingeschränkt: „Mir fliegen dann drei von meinen 76 Hektar auf 62 Teilstücken weg.“

◘ Straßenbau: „Früher hat man an den Straßenrändern 1,5 Meter gemulcht, heute 3 Meter.“ Allein der Ausbau der Bundesstraße bei Pittersberg – eine für den landwirtschaftlichen Verkehr gesperrte Schnellstraße – sei eine Todsünde: „Das zerstört Lebensraum“, sagt er, „was die versiegeln, würde mir für die Landwirtschaft reichen.“

◘ Ausufernde Gewerbegebiete: Die Innenstädte stürben aus: „Wir müssen da alle miteinander anpacken“, fordert der Landwirt, „das fängt beim Konsum an – 18 Millionen Tonnen für den Müll können wir uns leisten, aber die Lebensmittel sind uns zu teuer.“ Er fordert zum Dialog bei der offenen Stalltür auf: „Ich kann regionale, saubere Produkte ohne Verkehr für euch herstellen, aber nicht zum Weltmarktpreis.“

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