14.09.2018 - 17:40 Uhr
BärnauDeutschland & Welt

Mit Leib und Seele Handwerker

Einen guten Zentner wiegt der Granitblock, den Robert Mois und Wolfgang Fischer auf einer Holztrage transportieren. Im Geschichtspark Bärnau-Tachov sind noch Muskelkraft und Handarbeit gefragt. Denn hier wird gearbeitet wie im Mittelalter.

Steinmetz Robert Mois (vorne) und Archäologe Wolfgang Fischer arbeiten ohne Gabelstapler. Auch im Mittelalter war vor allem Muskelkraft gefragt.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Mois, gelernter Steinmetz und Steinbildhauer, hat den Verzicht auf moderne Hilfsmittel schätzen gelernt. Anfangs habe er durchaus Zweifel gehabt, ob er aus seinem "normalen" Job in das Archäologie-Projekt wechseln solle. "Aber ich habe es nicht bereut." Sechs Handwerker sind momentan im Geschichtspark fest angestellt - Steinmetze, Zimmerer, Schreiner, Schmied. In den kommenden 20 Jahren sollen sie unter anderem eine hochmittelalterliche kaiserliche Reisestation errichten.

"Das späte Mittelalter war die Zeit, als sich das Handwerk zunehmend spezialisiert hat", erklärt Mois: "Vorher hieß es ,Hauswerk' und jeder machte alles." In der Tat erlebte das Handwerk über Jahrhunderte und Jahrtausende eine sehr wechselvolle Geschichte. Erste "Spezialisierungen" mag es schon in der Steinzeit gegeben haben, je nach persönlichem Geschick. Aber erst mit der Sesshaftigkeit und dem Entstehen städtischer Kultur blühte auch das Handwerk auf. Trotzdem folgten auf gute Zeiten immer wieder schlechtere, zuletzt durch die Industrialisierung. Steinmetze üben eines der ältesten Bauhandwerke aus - ohne sie gäbe es weder ägyptische Pyramiden noch den Regensburger Dom.

Robert Mois hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt und ist Steinmetz mit Leib und Seele. "Ich bin von klein auf mit dem Handwerk verbunden", erzählt er. Der Sohn eines Metzgermeisters war jedoch "auf Steine fixiert", wie er schmunzelnd erzählt. "Mein ganzes Zimmer war voll davon." In der Schule hatte es ihm der Werkunterricht angetan - und da setzt auch die Kritik des Steinmetzes an: "Handwerkliches Talent sollte mehr gefördert werden bei Kindern, und zwar schon in der Grundschule", findet er. "Nur einmal die Woche Werken, das bringt doch nix." Für Mois ist es unter diesen Umständen kein Wunder, wenn es dem Handwerk an Nachwuchs fehlt. Auf der Schaubaustelle ließen sich Jugendliche, anders als Kindergartenkinder, kaum noch begeistern, berichtet er. Im Gegenteil: "Viele fragen uns, warum wir das machen."

Handwerkliches Talent sollte mehr gefördert werden bei Kindern, und zwar schon in der Grundschule.

Steinmetz Robert Mois

Für Mois ist das kein Thema. Er kann sich nichts Schöneres vorstellen: "Als Handwerker sehe ich das Ergebnis meiner Arbeit und kann stolz darauf sein." Ihm pflichtet Wolfgang Fischer bei, ein Archäologe, der öfter auf der Baustelle mithilft. "Du schaffst halt was mit deinen eigenen Händen und nicht nur durch Knöpfchendrücken", sagt er. Fischer findet es nicht gut, "dass Handwerker so viel schlechter angesehen sind als Akademiker. Auf viele Berufe, die Realschüler und Gymnasiasten ausüben, könnten wir doch eher verzichten als auf solche, die Hauptschüler ausüben."

Robert Mois bearbeitet den Steinquader. Die Werkzeuge haben Schmied und Schreiner handgefertigt.

Steinmetz Mois kennt alle Facetten seines Berufes. Mit seinem früheren Betrieb ist er viel herumgekommen, "in ganz Deutschland und Österreich", und hat dadurch viel gelernt. Immer stand ihm jedoch modernste Technik zur Verfügung. Im Geschichtspark arbeitet er nun mit purer Körperkraft und Eimern und Schaufeln aus Holz, handgeschmiedeten Hämmern und Meißeln oder einem Joch zum Wassertragen. "Das ist sehr anstrengend", sagt er, "man muss lernen, dass man alles langsamer angehen muss und sich seine Kraft gut einteilen". Trotzdem ist der Steinmetz zufrieden, ja, "ich fühle mich besser als je zuvor, die Arbeit erfüllt mich". Bald werden dem Handwerker außerdem zwei Rinder bei den schwersten Arbeiten helfen. "Ich habe auch nicht gedacht, dass ich mal Kühe ausbilde."

Handwerkliche Berufe, gibt Robert Mois zu bedenken, hätten einen entscheidenden Vorteil: "Man kann sich selber helfen und spart sehr viel Geld." Er sieht aber auch die Schattenseiten. "Es wird vielfach zu schlecht bezahlt." Zu einem echten Handwerker, findet der Steinmetz, gehörten immer auch Berufsstolz und Enthusiasmus. "Die Einstellung ,wird schon passen', das geht nicht."

Hintergrund:

Am 15. September ist "Tag des Handwerks" in Deutschland. Im ganzen Land präsentiert sich das Handwerk als "Wirtschaftsmacht von nebenan" und wirbt um Nachwuchs. Die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz ist in Regensburg aktiv. Dort verteilt ein Promotionteam Informationsmaterial und kleine Geschenke an Passanten. (m)

Muskeln statt Maschinen. Auf der Mittelalterbaustelle heißt es Kräfte einteilen.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.