03.09.2020 - 18:46 Uhr
BärnauDeutschland & Welt

Richtfest für des Kaisers Gesindehaus

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Ein Kraftakt auf einer der größten Mittelalterbaustellen Europas: Am Samstag hieven die Handwerker im Geschichtspark Bärnau das Dach auf das erste fertige Gebäude der Reisestation Kaiser Karls IV. Anlass für ein Richtfest unter Corona-Bedingungen.

So baut das Mittelalter heute: Traditionelles Handwerk für das Gesindehaus der Reisestation Kaiser Karls IV.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Auch ohne Corona ist die Vision des mit 3,3 Millionen EU-Euro geförderten "Archäo-Zentrums Bayern-Böhmen" ein Mammutprojekt: Ausschließlich mit den Mitteln des Mittelalters ziehen in den nächsten 15 bis 20 Jahren in Bärnau sechs mit alten Handwerkstechniken vertraute Meister eine Reisestation Kaiser Karls IV. in die Höhe. In Kooperation mit den drei Universitäten Bamberg, Pilsen und Prag entsteht an der bayerisch-böhmischen Grenze ein Kompetenzzentrum für mittelalterliches Bauen.

Die Pandemie stellt die Macher um Alfred Wolf, den Vorsitzenden des Trägervereins Via Carolina, und Stefan Wolters, wissenschaftlicher Leiter des Archäo-Zentrums, vor eine harte, auch finanzielle Bewährungsprobe: "Uns fehlen 80 Schulklassen und 50 Busse an Besuchern", klagt Wolf. Eintrittsgelder, die als Eigenmittel fest eingeplant waren.

Startschuss für das Archäozentrum

Homeoffice für Handwerker

Außerdem habe man acht Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Stillstand habe es dennoch keinen gegeben: "Wir haben das Glück, dass unsere tschechischen Handwerker, die zeitweise nicht einreisen durften, bei sich zu Hause Werkstätten haben", sagt Wolters. "Unser Zimmermann hat Hunderte Meter an Dachlatten gehauen und gehobelt und der Schmied einen perfekten Satz Äxte nach Vorbildern des 14. Jahrhunderts geschmiedet."

Keine Zeit zu verschenken: Auch die deutschen Handwerker hätten in ihrer verkürzten Arbeitszeit alle Vorbereitungen getroffen, um im Juni wieder durchstarten zu können. Unter anderem konnte Wolters das Kompetenzzentrum Denkmalwissenschaften der Uni Bamberg zu einer Kooperation bewegen: "Weil praktische Veranstaltungen an der Uni nicht möglich waren, haben sie eine Exkursion zu uns gemacht - und festgestellt, dass sie hier Techniken ausprobieren können, die der realen Denkmalpflege konkret weiterhelfen."

Virtuelles Wörterbuch

Zusammen mit den Universitäten Passau, Bamberg und Budweis arbeite man ab September in Bärnau an einem virtuellen, deutsch-tschechischen Wörterbuch für alte Bautechniken. Wolters veranschaulicht die Vorteile am Begriff "Grubenhaus": "Wenn ein Tscheche Grubenhaus liest, hat er den russischen Steppentyp vor Augen. Wir können ein Bild oder Filmchen hinterlegen, um solche Missverständnisse auszuschließen."

Multitasking gehört im Geschichtspark eben zu den Kernkompetenzen. Schließlich haben die Bärnauer den Anspruch, mittelfristig auf eigenen finanziellen Beinen zu stehen: "Zurzeit halten wir uns mit Zuschüssen aus mehreren Töpfen über Wasser", erklärt Vordenker Wolf. "Das Heimatministerium finanziert eine Machbarkeitsstudie zur Etablierung des Kompetenzzentrums für historische Baustoffkunde und historische Handwerkstechniken." Stadt und Landkreis sowie private Sponsoren helfen mit, um die Baustelle am Laufen zu halten. "Wir wollen aber irgendwann unabhängig von den Fördertöpfen sein, indem wir einen Mehrwert für die regionale Wirtschaft schaffen", erklärt der Vereinsboss. "Unser grenzüberschreitendes traditionelles Handwerksprojekt demonstriert, was man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen kann."

Am Samstag bekommt das Gesindehaus sein Dach.

Vorbild für regionales Bauen

Wolters konkretisiert: "Dadurch, dass wir mittelalterlich bauen, liegen wir voll im Trend." Schließlich liege das auf einer Linie mit dem Ziel regionalen Bauens, das man als Bio-Label anstrebe: "Kein Material kommt von weiter als 40 Kilometer - wir zeigen, dass das funktioniert." Und die Forschung zu alten Baumaterialien wie Mörtel beweise, dass man mit einfachen Bestandteilen hervorragende Mörteleigenschaften - etwa Härte oder Flexibilität - erreiche, ohne dazu wie sonst üblich bis zu 20 Chemikalien auf Ölbasis verwenden zu müssen.

Die Resonanz sei schon heute beachtlich: "Denkmalpfleger, die uns besuchten, waren baff", sagt der experimentelle Archäologe, "das mal live zu erleben." Auch die Steinschule Wunsiedel beabsichtige ihre Schüler in die Bärnauer Praxis zu schicken: "Als Handwerker musst du die Wurzel deines Materials kennen", findet Wolters. "Sogar zwei alte Handwerksmeister, ein Steinmetz und ein Landschaftsgärtner, wollen künftig ehrenamtlich mitarbeiten, weil sie vom Konzept begeistert sind." So klappern die Bärnauer sämtliche Zielgruppen ab, um künftig nicht mehr um Subventionen betteln zu müssen.

Gefühl für Dimensionen

Am Samstag erlebt Bärnau einen kleinen Triumph: Dann setzen die Handwerker das Dach auf das erste fertige Nebengebäude des Palas: "Es ist schon Wahnsinn, die Umsetzung jetzt zu erleben", beschreibt Wolters sein Gefühlsleben, "22 Tonnen Stein wurden verarbeitet, 900 Meter Dachlatten alles mit mittelalterlichen Techniken angefertigt." Und jetzt stehe der Zimmermann auf seiner Leiter und bekomme erst ein Gefühl für die Dimensionen: "Das Fachwerkhaus ist nur ein Drittel so groß wie der spätere Palas, und trotzdem schaut der da schon aus 7 Meter 50 runter."

Geschichtspark Bärnau:

Richtfest und Familientag

  • Samstag ab 10 Uhr: Letzte Arbeiten am Dach des Gesindehauses; Richtfest gegen 14.30 Uhr mit Bier aus mit Friedenfels und Chodová Planá.
  • Sonntag: Familientag mit Mittelalterdarstellern und alten Spielen.

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