26.04.2019 - 21:12 Uhr
BayernDeutschland & Welt

Artensterben: Steingitterwände haben keinen Nährwert

Höchste Zeit zum Umsteuern: Jeden Tag sterben 20 bis 50 Arten aus. Für das Leben auf der Erde ist Biodiversität ein unverzichtbarer Faktor.

Der XXL-Artenschutz-Ministerpräsident: Markus Söder (CSU) bringt Saatgut für einen Blühstreifen, anlässlich des Pilotprojektes „Bienen-Highway“ für mehr Artenschutz, aus.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Dass die Landwirtschaft beim Volksbegehren "Artenvielfalt" einseitig in die Verantwortung genommen wurde, war aber eine Schwachstelle der Initiative.

Der von Alois Glück austarierte "Volksbegehren XXL"-Gesetzentwurf der Staatsregierung hat deutlich nachgebessert. Das Walzverbot für Wiesen und Weiden ab dem 15. März wird so flexibel gestaltet, dass die wetterabhängigen Landwirte dies ausbalancieren können. Als bayerische Zielvorgabe, nicht als Pflicht für den Einzelbetrieb wird der Passus entschärft, zehn Prozent des Grünlands erst nach dem 15. Juni mähen zu dürfen. Bei dem Biotopverbund quer durchs Land und der Einstufung von Streuobstwiesen eröffnet die Staatsregierung neue Fördermöglichkeiten.

Artensterben und Höfesterben

Kritik des BDM am Runden Tisch zur "Artenvielfalt"

Neustadt an der Waldnaab

Was aber bleibt: Artensterben und Höfesterben haben eine gemeinsame Wurzel. Die Agrarpolitik der Europäischen Union stattet weiter Agrarkonzerne mit dem Gros der Prämien aus, während sich bäuerliche Familienbetriebe mit Brotkrumen begnügen müssen. Der Druck zur Intensivierung der Anbaumethoden ist unvermindert hoch. Das Preisdiktat marktbeherrschender Lebensmittelgiganten zwingt immer mehr Kleinbetriebe in die Knie - und verschärft die ökologische Krise.

Dazu kommt: Das Artensterben wird von uns allen verursacht - nicht nur durch die Discounter-Mentalität beim Einkauf, auch durch den Stickstoffeintrag aus dem überbordenden Individualverkehr, der die Lebensbedingungen von Insekten verschlechtert. Das Artensterben ist auch Folge der ungebremsten Flächenversiegelung durch Straßenbau und Siedlungspolitik. Und natürlich sollte jeder, der Bienen & Co. retten will, auch vor der eigenen Haustüre pflanzen: Englischer Rasen und Steingitterwände sind nicht nur hässlich, sie haben auch keinen Nährwert.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

A. Schmigoner

Die aktuelle Reportage der Reihe „Die Story“ vom 29. April 2019 der ARD: „Gekaufte Agrarpolitik – wie Industrie und Agrarlobby durchregieren“ zeigt Verbindungen auf, die die Entscheidungsträger der Agrarpolitik untereinander pflegen. „Es ist ein dichtes Geflecht aus Politikern, Agrarkonzern-Managern, Bankern und Verbandsfunktionären, das in Brüssel und Berlin maßgeblich mitbestimmt, wie Landwirte arbeiten und was bei Verbrauchern auf dem Teller landet. (…) Viele, die als Interessensvertreter ihres Berufsstandes und in Parlamenten unterwegs sind, hängen eng mit Düngemittelfirmen, Molkereien, Landtechnikherstellern oder Banken zusammen. Die Landwirtschaftspolitik in Brüssel und Berlin ist durchsetzt von Abgeordneten, die auch Lobbyisten sind.“ Wie die Süddeutsche Zeitung aus der zugrunde liegenden Studie zitiert, sei das ein wesentlicher Grund dafür, weshalb Umwelt und Natur, Tierwohl, Gewässer- und Klimaschutz bei politischen Entscheidungen häufig auf der Strecke blieben. "Ambitionierte Bemühungen" um Reformen in der Agrar- und Umweltpolitik, sowie eine bessere landwirtschaftliche Praxis würden "systematisch von Interessenvertretern verhindert oder deutlich verwässert", heißt es. Von "Hinweisen auf eine koordinierte und strategisch orientierte Einflussnahme auf Prozesse der Meinungs- und Willensbildung, sowie von politischen Entscheidungsprozessen" wird berichtet. Die Zeitung nennt beispielhaft die Verantwortungen von DBV-Präsident Joachim Rukwied oder CSU-Politiker Albert Deß aus Neumarkt. Gezeigt wird beispielsweise Albert Deß, wie er sich im EU-Agrarausschuss für eine unverändert hohe Förderung von Agrarkonzernen einsetzt, die 2.000 ha und mehr bewirtschaften.

02.05.2019
A. Schmigoner

Da ist sie wieder, die böse EU, mit einer Agrarpolitik, die anscheinend niemand will und niemand weiß wohl, wer diese Politik bestimmt. Sie erinnert an die böse Gurkenverordnung der EU, die Stoiber gerne anprangerte, -bis bekannt wurde, dass sich speziell Deutschland für die „Discounter-gerechte“ Gurke eingesetzt hatte. Mit der EU-Agrarpolitik verhält es sich ähnlich. Seit ist Jahren bekannt, dass Deutschland sich dem Wunsch der EU und Frankreichs, nach einer Reform der Agrarförderung widersetzt. Anders als in Deutschland gibt es in Frankreich kaum Agrarindustriebetriebe mit Flächen von 1000 ha und mehr. Der ehemalige EU-Agrarkommissar Franz Fischler aus Österreich und der Ex-Landwirtschaftsminister der Niederlande, Cees Veermann, haben in einem Beitrag in der „Zeit“ festgestellt, dass es für "Förder-Millionäre" keinerlei soziale Rechtfertigung gibt, diese drücken auch die Marktpreise tendenziell nach unten. Ex-NRW Landwirtschaftsminister Remmel bedauerte 2018, dass die konservativen Europaabgeordneten (EVP), fast alle Länderkollegen und die Bundeslandwirtschaftsministerin nach wie vor am Status Quo festhalten wollen und keine eigenen Vorstellungen für die künftige Ausrichtung der europäischen Agrarpolitik entwickeln. „So kommen wir keinen Schritt weiter und vertun eine große Chance gezielt auf zukunftsfähige Brüsseler Entscheidungen hinzuwirken“. Der Minister: Die alte Agrarpolitik ist an ihr Ende gekommen und habe ihre gesellschaftliche Legitimation verloren: „Für die Förderung der Auswüchse der Agrarindustrie wie Großmastanlagen, Monokulturen und Gentechnik mit Steuergeldern ist weder im Interesse der Bäuerinnen und Bauern noch der Gesellschaft.“ Betrachtet man die Mittelvergabe in Europa, so erhalten sechs Prozent der größten Betriebe 69 Prozent der Hilfsgelder. Auch der Deutsche Bauernverband setzt sich im Brüsseler Agrarausschuss regelmäßig dafür ein, dass der Status Quo erhalten bleibt und sträubt sich gegen eine stärkere Umweltschutzkomponente, wie sie der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) in einer Stellungnahme zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) erarbeitet hat. Ich hätte mir von Jürgen Herda gewünscht, diese Verantwortlichkeiten und die Strippenzieher im Hintergrund klar zu benennen.

29.04.2019