21.02.2019 - 22:10 Uhr
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Bezaubernd verdrehte Amélie

Der Vater distanziert, die Mutter ein Kontrollfreak - Amélie flieht schon als Kind in die Einsamkeit. Auch Nino hat Menschen am liebsten als Passbilder in seinem Album. Als sich die beiden Sozialphobiker finden, wird es magisch.

von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

Junge trifft Mädchen, die Liebe wird auf die harte Probe gestellt und schon gibt es ein Happy End? Aber nicht mit Amélie Poulain. Der Standard-Plot für romantische Liebesgeschichten seit der Erfindung der Höhlenmalerei zerbröselt im Münchener Musical "Die fabelhafte Welt der Amélie" an der fantastischen Realität, die sich die junge Kellnerin zusammengebastelt hat. Und an der sie eigensinnig festhält.

Eine Höhle zum Verkriechen wünscht sie sich oft, wenn die Wirklichkeit ihre rosarote Seifenblase bedroht. Amélie (Sandra Leitner) ist verträumt, leicht verpeilt und hilfsbereit. Eine Glücksfee für andere, ein Stolperstein für sich selbst. Und so gibt sie sich nach dem Motto "Das Recht auf ein gescheitertes Leben ist unantastbar" scheinbar damit zufrieden. Bis Nino (Andreas Bongard), der weggeworfene Passbilder sammelt, in der Metro sein Album verliert, das Amelie wiederum findet. Beiden spüren sofort eine besondere Verbindung. Wie auch das Publikum.

Die Europapremiere der Musicaladaption des 2001er-Kinohits im Werk7-Theater überwältigt. Die rund 700 Zuschauer werden von der 180-Grad-Szenerie rund um das "Café des 2 Moulins" im Pariser Stadtteil Montmartre eingehüllt und förmlich aufgesogen. Auch wenn sich ein Vergleich der Genres verbietet: Wie schon der Film mit Audrey Tautou trifft die Inszenierung von Regisseur Christoph Drewitz mit einem warmherzigen, leicht melancholischen, manchmal auch nostalgischen Ton das französische Lebensgefühl.

Das liegt zum einen an der großartigen fünfköpfigen Live-Combo um Philip Gras, die die Songs von Daniel Messé/Nathan Tysens mit Motiven von Yann Tiersens genialem Filmsoundtrack in fast greifbares Pariser Flair verwandeln. Aber auch an dem quirligen Cast um Protagonistin Sandra Leitner. Die 22-jährige Entdeckung beeindruckt stimmlich und gibt ihrer Figur gerade die richtige Balance zwischen Schüchternheit und Selbstbewusstsein, Naivität und Weisheit, Entschlossenheit und Zaudern mit. Nebenfiguren mit Tiefgang wie Maler und Vertrauter Dufayel (stark: Rob Pelzer) - wegen seiner Glasknochen-Krankheit zerbrechlich wie sie - überzeugen.

Anders als bei den meisten Stücken aus dem anhaltenden Trend der Verwandlung von Filmstoffen in Musicals kann Drewitz in seiner Bearbeitung nicht auf eine actiongeladene Handlung oder das musikalische Lebenswerk eines Künstlers zurückgreifen. Die Songs sind eingängig, lassen aber einen wirklichen "Kracher" vermissen. Doch während zwischen den Bistrotischen die Handlung plätschert, sorgt die ungeheure Detailfülle für glänzende Unterhaltung, ohne überfrachtet zu wirken.

Kreative Choreographien, ein federleichtes Setdesign, ein wunderbar poetisches integriertes Figurentheater und Hunderte charmante Ideen wie eine aberwitzige Lauchattacke auf einen Gemüsehändler oder die urkomische Schnitzeljagd zwischen Amelie und Nino quer durch Paris - und das Publikum - halten die Spannung hoch. Und da ist noch etwas: Selbst wer die Geschichte kennt, zweifelt unwillkürlich bis zum Ende, ob die beiden es wirklich hinbekommen. Darin liegt die besondere Magie der liebevollen Inszenierung.

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Karten beim NT/AZ/SRZ-Ticketservice unter:

0961/85-550, 09621/306-230, 09661/8729-0

oder nt-ticket.de; Vorstellungen bis 31.Oktober

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