16.10.2019 - 16:46 Uhr
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Rennen zerstört eine Familie

Ein angehender Polizist und ein Maurer liefern sich im Juli 2018 im Landkreis Regen ein mutmaßliches Autorennen. Ein unbeteiligter Familienvater stirbt, ein Junge wird schwer verletzt. Nun stehen die beiden Autofahrer vor Gericht.

Ein Holzkreuz bei Kalteck (Landkreis Regen) markiert die Stelle, an der ein Familienvater starb und sein zehnjähriger Sohn schwer verletzt wurde. Sie wurden Opfer eines Rennens zwischen einem Audi und einem Motorrad.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Welches wahnwitzige Risiko die beiden Angeklagten an dem fatalen Abend des 14. Juli 2018 eingingen, offenbart erst die Ortsbegehung: Auf mehreren S-Kurven lieferten sich der heute 28-jährige Polizist und der 54 Jahre alte Maurer ein mutmaßliches Rennen mit tragischem Ende. Der erste Verhandlungstag vor dem Landgericht Deggendorf. Die Staatsanwaltschaft wirft dem damaligen Polizeianwärter vor, sich mit dem Handwerker auf Whats-App zu einem verbotenen Rennen verabredet zu haben: Der junge Mann in einem über 60.000 Euro teuren und 400-PS-starken Audi TT RS, der ältere Handwerker auf einer schweren Maschine.

Laut Zeugenaussagen seien die beiden Männer mehrmals die bergige und kurvige Strecke zwischen Leithen und Kalteck (beides Landkreis Regen) entlang gerast und hätten dabei andere Verkehrsteilnehmer gefährdet – kurz vor dem tödlichen Unfall habe der Audi zudem einen Jeep gerammt, zwei Insassen leicht verletzt. Schließlich habe der Unfallverursacher in einer weiteren Kurve die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und sei mit einem Opel Ascona kollidiert.

Im Wagen des Unfallopfers saßen an diesem Abend ein 38 Jahre alter Metallbauer aus dem Landkreis Cham und sein zehnjähriger Sohn. Die beiden waren zuvor kurz bei einem Opel-Treffen. Der Vater soll bei dem Aufprall laut eines Sachverständigen sofort tot gewesen sein. Der Junge auf dem Beifahrersitz erlitt schwerste Verletzungen. Eingeklemmt im Wrack des Opels, mussten beide von Feuerwehrleuten herausgeschnitten werden.

Bleibende Schäden

Trotz zahlreicher Operationen und Reha-Maßnahmen: Die Knochenbrüche, Schädigungen an inneren Organen und Kopfverletzungen werden bleibende Schäden hinterlassen. Sich selbstständig waschen und anziehen kann der linksseitig weitgehend gelähmte Junge immer noch nicht. Er und seine Mutter sind Nebenkläger im Prozess. Die Witwe verfolgte die Verhandlung am ersten Tag (siehe Infokasten). Der leidgeprüfte Bub wird am letzten Verhandlungstag als Zeuge vernommen.

Sowohl im Auftreten als auch in der Verhandlungstaktik unterscheiden sich die Angeklagten: Der 28-Jährige hatte bereits im Oktober vergangenen Jahres ein Entschuldigungsschreiben an die Witwe formuliert und überweist seitdem 500 Euro monatlich. Der junge Mann wirkt mitgenommen, als er sich mit zittriger Stimme an die Frau wendet: „Es tut mir unendlich leid, was passiert ist.“ Er habe sich psychologische Hilfe gesucht, weil er mit seinen Selbstvorwürfen nicht fertig werde.

Die Angeklagten (r) und (2. v.l) sitzen im Verhandlungssaal des Landgerichts neben ihren Verteidigern Thomas Krimmel (l) und Hubert Seidl (3. v.l). Die zwei Männer müssen sich wegen eines tödlichen Verkehrsunfalls vor dem Gericht verantworten.

Staatsanwalt: „Schulbuben-Ausreden“

Der Biker, den er auf einem Fest kennenlernte, habe den leidenschaftlichen Schrauber animiert, den kurz zuvor gekauften Sportwagen zu testen. Einige Wochen später dann die Verabredung: Die jetzige Ehefrau sei als Beifahrerin mitgekommen. „Ich hatte das Gefühl, dass das Auto auf der Straße klebt“, beschreibt er die Selbstüberschätzung bei überhöhter Geschwindigkeit. Er habe beim Kauf auf die Extra-Ausstattung mit der Technik „Magnetic Ride“ Wert gelegt. Wunder hat diese aber offenbar auch nicht bewirkt.

Anders der 54-Jährige, der sich bis zur Verhandlung nicht mit den Unfallopfern in Verbindung gesetzt hatte. In seiner etwas konfusen Einlassung, die er tonlos vortrug, formulierte er sinngemäß: Das entstandene Leid sei so groß, dass er keine Vergebung erwarte. Auch er mache sich Vorwürfe, da er die Fahrt veranlasst habe. Dafür trage er Mitverantwortung. Allerdings bestritt der Mann, dass es sich um ein Rennen im Sinne der Anklage gehandelt habe: Man habe lediglich das Fahrverhalten testen wollen. Eine Formulierung, die Staatsanwalt Matthias Rauch empört zurückwies: Mit „Schulbuben-Ausreden“ brauche der Biker nicht versuchen, sich aus den rechtlichen Konsequenzen herauszuwinden.

Bis zu lebenslänglich

Das Schwurgericht unter Vorsitz des leitenden Richters Georg Meiski wollte sich am Montagnachmittag vor Ort ein Bild machen. Dazu hatte das Landgericht eigens einen Bus mit 20 Plätzen gechartert, der die gesperrte Strecke abfuhr. An ausgewählten Streckenabschnitten referierte ein Polizeibeamter der Untersuchungsgruppe die Zeugenaussagen zum Geschehen am Unfalltag. Es sind fünf weitere Verhandlungstermine angesetzt, bei denen mehr als 40 Zeugen und Sachverständige gehört werden sollen.

Die Witwe des Opfers und der durch den Unfall schwer beeinträchtigte Sohn werden als Nebenkläger von den Chamer Anwälten Marko Heimann und Tanja Fuchs vertreten: „Die Anklage wertet das Verhalten der Angeklagten als verbotenes Rennen im Sinne des neuen Paragrafen 315 D des Strafgesetzbuches.“ Dieses Instrument sei vor zwei Jahren geschaffen worden, weil die Bandbreite der Urteile bei ähnlichen Fällen von fahrlässiger Tötung bis Mord, von Bewährung bis lebenslänglich gereicht habe. „Das Schwurgericht kann hier bis zu lebenslänglich entscheiden“, sagt Heimann.

Witwe und Nebenklägerin Beate Altmann (Mitte) mit ihren Anwälten Tanja Fuchs und Marko Heimann (rechts).
Hintergrund: Das sagt die Frau des Opfers:

„Ich hätte sie gurgeln können“

„Mit einem Schlag ist alles anders“, beschreibt Beate Altmann das Leben nach dem Unfall. Die 34-Jährige hat am 14. Juli 2018 ihren Mann Heiko verloren, Johannes (11) und Celina (5) ihren Papa. „Heiko wäre am 15. September 40 geworden“, sagt die gelernte Altenpflegerin. „Ich habe keine Zeit mehr für mich selber, hetze mit dem Buben von einer Therapie zur anderen.“ Dass der Hauptverdiener ausfällt, ist Tragödie genug. Dazu kommt, dass Sohn Johannes seit dem Unfall 100 Prozent schwerbehindert ist. „Ich muss überwiegend alles allein erledigen, die Kleine bleibt da manchmal auf der Strecke.“

Den 14. Juli wird sie nie vergessen: „Ich saß mit Celine und meinem Bruder zusammen“, erzählt sie. „Mein Bruder schaute ins Facebook und sagte auf einmal: Auf welcher Strecke fährt der Heiko? Da war ein Unfall.“ Erst könne man sich nicht vorstellen, dass es einen treffen könnte. „Dann bin ich doch unruhig geworden, habe versucht, ihn am Handy anzurufen – nur die Mailbox.“ Schließlich der Anruf bei der Polizei, die Bestätigung, dass tatsächlich Heiko in den Unfall verwickelt ist. „Sie sagten, dass schon eine Streife unterwegs sei.“ Der Unfall habe sich gegen 20.20 Uhr ereignet, um kurz nach neun habe der Bruder die Meldung im Netz gefunden, um 23 Uhr sei die Polizei bei ihr eingetroffen. „Ich wusste da schon, dass Heiko tot ist, aber nicht, wie es Johannes geht.“

Die Malteser hätten die Fahrt zum Krankenhaus nach Deggendorf in die Wege geleitet. „Ich habe ihn kurz nach Mitternacht gesehen“, erzählt Altmann. Der Junge sei nicht bei Bewusstsein gewesen: „Die Prognose war schlecht, sie haben nicht gewusst, ob er es schafft.“ Erst in den folgenden Tagen sei klar geworden, welche Schäden bleiben würden: „Man ist unter Schock, man funktioniert, man hofft und betet, dass der Bub durchkommt.“ Die linke Seite des Elfjährigen sei durch die Verletzung des Stammhirns bewegungsunfähig, die Kiefer oben und unten seien gebrochen und verschoben, dadurch leide er unter Speichelfluss. Ohne seine Schiene könne er gar nicht gehen, beim Waschen und Anziehen braucht er Hilfe. Momentan besuche er eine Förderschule, zu der ihn ein Fahrdienst bringt.

„Vom Unfall hat er Gott sei Dank gar nichts mitbekommen“, sagt die Mutter. „Aber es ist ganz wichtig, darüber zu reden.“ Johannes leide unter starken Stimmungsschwankungen. Auch die kleine Schwester sei traumatisiert: „Mama, ich brauche Flügel, ich muss den Papa besuchen“, habe sie gefleht. Vor dem ersten Verhandlungstag sei Altmann nervös gewesen, habe nicht gewusst, wie sie auf die Angeklagten reagieren würde. „Im ersten Moment musste ich mich zusammenreißen“, sagt sie, „ich hätte sie gurgeln können.“

Der Polizist habe bei seiner Einlassung Blickkontakt gesucht. Seine Darstellung habe aufrichtig gewirkt, so fern man das beurteilen könne. Dagegen habe der Maurer sie nur kurz angeschaut: „Ich habe keine Entschuldigung gehört.“ Sie wünsche sich vom Prozess, dass sie und die Kinder gut abgesichert würden. „Und ehrliche Antworten, dass sie zu ihrer Schuld stehen.“

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