23.11.2020 - 14:43 Uhr
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Schul-Corona-Management in Bayern unter Beschuss

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Schule in Zeiten von Corona ist kein Honigschlecken. Masken auf dem Gesicht, die Quarantäne-Drohung im Nacken, die Lerndefizite im Rücken und zu wenig Lehrer vor der Nase. Elternverbände laufen Sturm, das Ministerium wiegelt ab.

Lehrerin Meike Wiese steht im Unterricht in einem Geographie-Seminar in der Jahrgangsstufe elf am staatlichen Gymnasium Trudering. Sowohl die Lehrer als auch die Schülerinnen und Schüler tragen im Unterricht einen Mund- und Nasenschutz.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die Verunsicherung bei Schülern, Eltern und Lehrern ist groß. Viele befürchten, dass wegen steigender Infektionszahlen auf Wechselunterricht umgeswitcht werden könnte. Gegen Teile des Krisenmanagements wächst die Kritik der Elternverbände. Das bayerische Kultusministerium hält dagegen.

Die Liste der Kritikpunkte, die die Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern e.V. und der Bayerische Elternverband e.V. in einem offenen Brief formulierte, ist lang (siehe Infokasten): "Die zweite Welle der Pandemie zwingt bayernweit viele Familien in die Knie."

Kinder würden Gefahr laufen, vollends abgehängt zu werden. "In einem Viertel der bayerischen Elternhäuser herrscht Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit. Die Sorge um Einkommen und Arbeitsplatz drückt." Die beiden Verbände kritisieren vor allem:

  • "Das Kultusministerium hat den Takt der Leistungserhebungen seit Schuljahresbeginn so massiv forciert, dass die Kinder und ihre Familien nur noch ächzen."
  • "Eltern sind als Nachhilfelehrer die tragende Säule der Schulen. Über 61 Prozent der Bayern sagten schon vor der Pandemie, dass in Bayern von unseren Schülern zu viel verlangt wird. Das war und ist in Deutschland mit deutlichem Abstand Negativrekord."

Die oft kritisierten Defizite - Lehrermangel, unzureichende Digitalisierung - würden sich nun rächen. Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verweist nach dem Schulgipfel auf die besonderen Umstände und auf den Willen der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidentenkonferenz: "Wir haben in der Schulfamilie besprochen, wir bleiben bei unserer Linie und halten die Schulen offen."

Allen Beteiligten des Schulgipfels sei klar: "Dies wird kein normales Schuljahr, dennoch stellen wir den Präsenzunterricht solange irgend möglich sicher." Um das zu gewährleisten gelte vorerst an allen Schularten auch während des Unterrichts Maskenpflicht.

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Bestmögliche Bildung

Dem Bayerischen Staatsministerium sei es ein Anliegen, allen Schülern in Coronazeiten bestmögliche Bildungsvoraussetzungen zu bieten, betont Ministeriumssprecher Daniel Otto auf Anfrage von Oberpfalz-Medien. Dazu seien viele Maßnahmen ergriffen worden.

Coronabedingte Lernrückstände sollten seit März 2020 zum Schuljahresbeginn ermittelt und aufgearbeitet werden: "In allen Schularten und jahrgangsstufenunabhängig stellten die Lehrkräfte zu Schuljahresbeginn zunächst den Lernstand fest." Im Rahmen ihrer pädagogischen Freiheit könnten die Lehrkräfte Spielräume im Lehrplan nutzen und - je nach Wissensstand - im laufenden Schuljahr Schwerpunkte setzen. Vorschläge für solche Schwerpunktsetzungen gebe es vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung.

Das Staatsministerium sehe im aktuellen Schuljahr keinen Anlass für eine unangemessene Ballung von Prüfungen: "Bereits im vergangenen Schuljahr wurden nicht alle Leistungsnachweise eingefordert und das Vorrücken auf Probe großzügig genehmigt." Die Schulaufsicht sei gebeten worden, die Situation an den Schulen genau zu beobachten und gegebenenfalls gegenzusteuern.

"Zusätzliche Förderangebote, um coronabedingte Unterschiede beim Lernstand auszugleichen", würden seit Beginn des aktuellen Schuljahres im Sinne der sozialen Gerechtigkeit einen besonderen Schwerpunkt an allen Schularten bilden.

Kerngeschäft der Lehrkraft

Die Forderung der Eltern, Unterrichtsmaterialien zentral zu erstellen, um Lehrkräfte zu entlasten, weist das Ministerium zurück: "Es liegt nicht im Zuständigkeitsbereich des Kultusministeriums, Unterrichtsmaterialien zu erstellen." Diese sei Kerngeschäft der Lehrkräfte. Sie würden Materialien für den Unterricht individuell auf die jeweiligen Lerngruppen abstimmen - mit Unterstützung von Schulbuchverlagen. "Vorgegebenes einheitliches digitales Material ist mit Blick auf das angestrebte Ziel der Individualisierung im Unterricht nicht zweckdienlich."

Kritik am angeblich unübersichtlichen Einsatz verschiedener Software kontert das Ministerium mit Hinweis auf die erfolgreiche Verwendung von Mebis (Abkürzung für Medien, Bildung, Service) des Landesmedienzentrums Bayern: "Seit Beginn des aktuellen Schuljahres wird Mebis derzeit an etwa 5400 Schulen von über 1,2 Millionen Nutzern eingesetzt." Darüberhinaus würde man allen weiterführenden Schulen "Microsoft Teams for Education" für das "Lernen zu Hause" zur Verfügung stellen.

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Bayern Vorreiter bei Luftreinigung

Das Ministerium unterstütze außerdem mit 37 Millionen Euro die Träger der Schulen bei der Umsetzung technischer Maßnahmen zum infektionsschutzgerechten Lüften: "Nach Einschätzung des zuständigen Gesundheitsministeriums können mobile Luftreinigungsgeräte dazu beitragen, die Aerosolkonzentration im Raum zu verringern, sie ersetzen jedoch nicht das fachgerechte Lüften."

Gefördert werde die Beschaffung von CO2-Sensoren und von mobilen Luftreinigungsgeräten mit Filterfunktion für Räume, die nicht ausreichend durch gezieltes Fensteröffnen oder durch eine raumlufttechnische Anlage gelüftet werden können. "Hier ist Bayern Vorreiter."

Offener Brief der Landes–Eltern–Vereinigung der Gymnasien in Bayern und des Bayerischen Elternverbandes:
  • „Das Kultusministerium hat den Takt der Leistungserhebungen seit Schuljahresbeginn so massiv forciert, dass die Kinder und mit ihnen die Familien nur noch ächzen.“
  • „Wie soll von Kindern der im letzten Jahr versäumte Stoff nachgelernt und gleichzeitig neue Inhalte verinnerlicht werden – quasi der doppelte Stoff verinnerlicht werden?“
  • „Seit der ersten Welle sind wir Eltern nicht nur Nachhilfe-, sondern de facto Ersatzlehrer. Denn: Arbeitsblätter zu versenden, verdient den Namen Unterricht nicht. … Wir haben massive verfassungsrechtliche Bedenken gegen die derzeit vergebenen Noten. Der Leistungs- und Bildungsstand des einzelnen Schülers hängt in der Pandemie mehr denn je von elterlicher Unterstützung und Förderung ab. Besonders sozial schwache und bildungsferne Familien kommen ins Hintertreffen.“
  • „Es ist ökonomisch unsinnig, wenn jeder der 120 000 bayerischen Lehrerinnen und Lehrer für seinen Unterricht im Homeoffice seinen eigenen digitalen Unterrichtsinhalt erstellt.“ Wenn zentral koordiniert jeder von ihnen nur einen digitalen Unterrichtsinhalt erstellen würde, der für alle abrufbar wäre, wären Ressourcen für Feedback und individuelle Betreuung unserer Kinder frei.“
  • „An den Schulen herrscht auch acht Monate nach Beginn der Pandemie – digitales Chaos: Lizenzen wie MS Teams haben wohl die Lebenszeit einer Eintagsfliege.“ Es gebe Schulen, die bis zu acht digitale Kanäle bespielen … „Seit Jahren fordern wir qualifizierte, feste IT-Mitarbeiter für unsere Schulen. Es rächt sich nun mehr denn je, dass auch Sie leider nicht auf uns hörten.“
  • „Selbst simpelste Lüftungsregeln werden diffus umgesetzt: Landauf, landab klagen Eltern, dass noch Ende Oktober dauergelüftet wird. Kinder von Garmisch bis Coburg frieren, erkälten sich, erkranken und verpassen deswegen noch mehr Unterricht. Ob Sie es glauben oder nicht: Es gibt Kinder, die sehen seit Wochen die Tafel nur noch durch eine geöffnete Scheibe.“
  • „Im Bus stehen Kinder aller Klassen und Schulen trotz Verstärkerbussen noch eng an eng. Das widerspricht allen Regeln, die wir von unseren Kindern seit Beginn der Pandemie einfordern.“ Wer sorgt hier bald für Abhilfe?
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