13.01.2022 - 11:58 Uhr
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Fassungslosigkeit und Trauer in Bayreuther Kinderarztpraxis

Acht Jahre hat Kinderarzt Gerald Hofner zusammen mit seinem getöteten Kollegen Kindern beim Großwerden geholfen. Jetzt muss er das gemeinsame Herzensprojekt in Bayreuth alleine stemmen.

Ein Kinderarzt untersucht ein Baby.
von Redaktion ThemenProfil

Von Peter Rauscher

Für einen Moment lässt die Geschäftigkeit in der neuen Arztpraxis fast vergessen, wie tragisch die Umstände sind. Über dem Start des Kinderarztzentrums „med4kidz“ in Bayreuth liegt ein düsterer Schatten. Zum Beginn des Praxisbetriebs am Donnerstag ist einer der beiden Chefs nicht dabei: Dr. Stefan S. ist vier Tage zuvor in seinem Haus in Mistelbach (Landkreis Bayreuth) zusammen mit seiner Frau einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.

Am Mittwoch, einen Tag vor der Eröffnung arbeiten noch Handwerker in den neuen Räume. Am Boden stehen Farbeimer, Leitern, Werkzeug und Umzugskisten. Techniker installieren die medizinischen Apparate. Zwischendrin die Praxismitarbeiter, die sich sortieren, besprechen und auf die Eröffnung vorbereiten. Vereinzelt kommen schon Kinder mit ihren Eltern zum Impftermin. Am Donnerstag sind dann erste Testpatienten da, ehe es am Montag richtig losgeht. Die Menschen arbeiten konzentriert, die Stimmung ist gedämpft.

Partner und Chef verloren

Inmitten des Trubels scheint Dr. Gerald Hofner die Ruhe selbst zu sein. Der Kinderarzt beantwortet Fragen, spricht mit dem Reporter und führt durch die Räume. Dabei bewegen ihn und seine Mitarbeiter ganz andere Dinge als die letzten handwerklichen Arbeiten, die gerade erledigt werden. Er hat seinen Partner, die Mitarbeiter einen ihrer Chefs verloren durch eine Gewalttat, die unfassbar scheint. Und ausgerechnet jetzt, zwischen Schock und Trauer, muss das Baby der beiden, das Kinderarzt-Netzwerk „med4kidz“, zum Leben erweckt werden.

Rund 40 Beschäftigte arbeiten hier, davon zehn Kinderärzte, die im Jahr mehr als 10.000 kleine Patienten betreuen und die sich seit Monaten auf diesen Eröffnungstag vorbereiten. „Wir müssen die Versorgung der Patienten sicherstellen, auch wenn wir meinen Partner als Menschen nicht ersetzen können“, sagt Hofner.

Tränen laufen in Strömen

Was für eine Gratwanderung er und seine Mitstreiter gerade gehen, beschreibt der Bayreuther Kinderarzt in einem sehr persönlichen Post in einem sozialen Netzwerk: „Ich sitze immer noch in der leeren, nagelneuen, unbenutzten Praxis – gerade bereitet für die ersten Patienten. Und es laufen die Tränen in Strömen … weil einer nicht mehr da sein kann, der sie zusammen mit mir geplant hat – in Geduld und Weisheit und Liebe…Ich weiß noch nicht wie, aber wir rocken med4kidz jetzt irgendwie. In Deinem Sinn. Für dich und für eure Kinder."

„Er war der beste Partner, den man sich wünschen kann“, sagt Hofner. Privat befreundet war er nicht mit S., Hofner kann deshalb nichts über die Verhältnisse in dessen Familie sagen. Nur so viel: „Seine Familie ging ihm über alles.“ Auf dem neuen Schild am Praxiseingang steht der Name des toten Arztes neben all den anderen Namen der Kollegen und soll dort auch künftig stehen bleiben.

Idee eines Kinderarztnetzwerkes

Acht Jahre betrieb Hofner mit Dr. S. die Gemeinschaftspraxis, zuletzt am Bodenseering in Bayreuth und in Neudrossenfeld (Landkreis Kulmbach). Der Standort Bodenseering ist aufgelöst, dort musste Hofner wegen eines Eigentümerwechsels raus, zudem suchte er eine Praxis mit einem eigenen Infektionseingang. Die Wahl fiel zunächst auf kleinere Räume im Spinnereigebäude, dann wurden den Ärzten die 930 Quadratmeter im dritten Stock angeboten. Diese große Fläche musste aber erst einmal ausgefüllt werden. Die Idee entstand, an dieser Stelle drei Bayreuther Kinderarztpraxen mit 6,5 Kassenarztsitzen zusammenzuziehen und das Kinderarzt-Netzwerk „med4kidz“ zu gründen.

So entstand das größte Kinderarztzentrum der Region, in dieser Zusammensetzung vielleicht sogar einzigartig im Land, sagt Hofner. Acht Kinderärzte arbeiten hier in zwei pädiatrischen Praxen, einem Herz-Lungenzentrum und einer Kinder-Notfallpraxis, die auch samstags geöffnet ist. Zwölf Behandlungszimmer und drei Notfallzimmer stehen zur Verfügung. Eltern und Kinder sollen bei ihren gewohnten Kinderärzten bleiben können. Ein Kinder- und Jugendpsychiater zum Mitmachen wird noch gesucht, weil die ursprüngliche Interessentin kurzfristig abgesagt hatte.

Kondolenzbücher in den Praxisräumen

Dass Dr. S. nicht mehr dabei sein kann, reißt auch in die Praxisorganisation ein Riesenloch. Seine Patienten werden künftig von Kollegen mitbetreut. Hofners Hoffnung ist, dass eine Ärztin, die im Sommer ohnehin mit in die Praxis einsteigen wollte, schon früher kommen kann.

Doch jenseits aller organisatorischer Herausforderungen bleibt die Frage für Mitarbeiter und Patienten, wie sie mit dem Verlust ihres Chefs, Kollegen und Doktors umgehen können. Noch am Sonntag hatten Notfallseelsorger und ein Kriseninterventionsteam die Mitarbeiter bei einem Treffen betreut. Die Neudrossenfelder Praxis, in der Dr S. arbeitete, öffnet erst am Montag wieder. Dann wird auch das neue Zentrum in Bayreuth zum Normalbetrieb übergehen.

Hier wie in Neudrossenfeld sollen dann Kondolenzbücher ausliegen – auch welche extra für Kinder. In einem Nachruf der Praxis auf Dr. S. in den sozialen Medien heißt es: „Med4kidz war unser gemeinsames Herzensprojekt. Wir werden die Herzlichkeit und die Leidenschaft von Dr. S. in med4kidz weiterleben lassen.“

Polizei verhaftet jungen Mann als Verdächtigen

Bayreuth
Hintergrund:

Gewalttat von Mistelbach

  • In der Nacht zum Sonntag ist ein 51-Jähriger und seine 47-jährige Frau im Schlaf in ihrem Haus in Mistelbach (Landkreis Bayreuth) erstochen worden.
  • Als Tatverdächtiger gilt ein 18-Jähriger. Er ist wegen des Verdachts des zweifachen Mordes in Haft. Laut Anwalt hat er die Tat eingeräumt.
  • Der junge Mann soll Freund der 16-jähirgen Tochter des Arztehepaares sein. Das Paar hatte vier Kinder, die zur Tatzeit im Haus waren.

"Ich weiß noch nicht wie, aber wir rocken med4kidz jetzt irgendwie. In Deinem Sinn. Für dich und für eure Kinder."

Dr. Gerald Hofner, Kinderarzt in Bayreuth im Gedenken an seinen getöteten Praxispartner

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