14.11.2019 - 14:49 Uhr
BayreuthDeutschland & Welt

Zwischen Marschtrommel und Donnergewitter

„Musikalische Vielfalt“ stand als Motto für den „13. Bayreuther Jazznovember“. In sieben Konzerten gab es ein breites Spektrum vom sensiblen Kammerkonzert bis zur Tanzparty mit Techno und Crossover.

Seit 45 Jahren treten Ulrich Gumpert und Günter Sommer immer wieder als Duo auf. Sie gelten als Urgestein des freien Jazz in der DDR. Zum 30. Jubiläum des Mauerfalls gaben sie ein eindrucksvolles Konzert in Bayreuth.
von Louis ReitzProfil
Seinen Spitznamen verdankt Günter „Baby“ Sommer dem Schlagzeuger Baby Dodds (1898-1959), der als erster „echter“ Jazz-Schlagzeuger in die Geschichte einging.
Ulrich Gumperts „Workshop Band“ gilt als Keimzelle des freien Jazz in der DDR: Musik ohne stilistische Grenzen, Musik mit Tiefgang und hintergründigem Humor.

Gedanken über die „Fränkische Bratwurst“, gespickt mit hintergründigem Humor und ironischen Anspielungen stehen am Anfang eines Konzerts, das zu den Höhepunkten der diesjährigen Konzertsaison gezählt werden muss.

Passend zu 30. Jubiläum des Falls der Berliner Mauer kommt das Konzert mit zwei Vertretern der legendären Free-Jazz Szene in der ehemaligen DDR. 1984 als „Zentralquartett“ mit Ernst-Ludwig Petrowsky (Saxofone), Conny Bauer (Posaune), Ulrich Gumpert (Klavier) und Günter „Baby“ Sommer (Schlagzeug) gegründet, repräsentierten sie die Szene der DDR wie niemand anders. Sie versuchten „ohne Worte auszudrücken, was man in der DDR nicht sagen durfte“, so fasst es Günter Sommer zusammen. Diese Botschaft wurde verstanden und das Quartett erlangte Kultstatus.

Günter „Baby“ Sommer (*1943 in Dresden) und Ulrich Gumpert (*1945 in Jena) spielen seit mehr als vier Jahrzehnten immer wieder zusammen. Mal als Duo, Trio, Quartett, oder auch in größeren Formationen. Kultstatus hatten Uli Gumperts „Workshop Band“ oder die "Markowitz Blues Band" die mit ihrer „Tatort-Musik“ ein breites Publikum erreichte.

Jazz aus „Teutschen Landen“

„Locker vom Hocker“ heißt das erste Stück, und dieser Titel könnte programmatisch für den ganzen Abend stehen. Luftig und leicht wirken die Stücke und sind doch musikalische Kleinode, filigran und voll Witz und Ironie. Als ihre musikalischen Wurzeln nennt Sommer „preußische Märsche, sächsisches und mittelalterliches Liedgut“, aber da sind natürlich auch Blues und Gospel, Bebop und Balladen oder auch Tagesschlager dabei. Die musikalischen Kontraste und die feinen dynamischen Abstimmungen und Nuancen faszinieren vom ersten bis zum letzten Moment. Man spürt, hier sind wahre Meister mit Charisma am Werk.

„Aus Teutschen Landen“ hieß ein Album aus dem Jahr 1972 und mit dem alten Volkslied „Es fiel ein Reif“ geht es zurück in die Zeit des 30jährigen Kriegs. Sensibel gespielte Marschrhythmen, angereichert mit „Störungen“ und Dissonanzen, transponieren diese alte Weise in unsere moderne Zeit. Man hört Anklänge an Thelonious Monk und das „Willem Breuker Kollektief“, aber auch mal Dollar Brands hypnotische Beschwörungen. Das Stück „Konferenz at Baby‘s“ ist ein Lehrstück für Schlagzeuger: Dynamik und der sinnvolle Einsatz von Besen, Stöcken und Händen werden eindrucksvoll demonstriert: Ein Solo voller Spannung und Ironie! Zum Publikums-Hit mutiert die Version von „La Paloma“. Hier darf man mitsummen, wird aber immer wieder durch rhythmische Verschiebungen und Störungen aus der heilen Schlagerwelt geworfen. „Das kann doch nicht alles gewesen sein?“ fragt sich das Publikum als sich der kurzweilige Abend seinem Ende nähert. Günter Sommer hat einst unter Pseudonym bei Wolf Biermanns ersten Aufnahmen in der DDR mitgewirkt, und nützt die Gelegenheit für kritische Anmerkungen zu Pegida und AfD.

Es folgt eine ausgedehnte Zugabe in Blues- und Gospel-Atmosphäre und einem Zitat aus einer Komposition von Charles Mingus: "Oh Lord Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me“. Ein unvergesslicher Abend, der wohl noch lange in Erinnerung bleibt!

Powerplay für gestresste Ohren

Ganz anders das Abschluss-Konzert des viertägigen Festivals. Powerplay mit enormer Lautstärke und brachialer Gewalt ist angesagt. Der Trompeter Wallace Roney macht mit seinem Quintett dort weiter, wo Miles Davis, Woody Shaw oder Freddie Hubbard in den 60er Jahren begonnen haben: Rasende Melodielinien, quirlige Klavierläufe, lange modale Passagen mit unendlich langen Solos, dröhnender Bass, kraftvolle und lautstarke Trommeln, zischende Becken und voller körperlicher Einsatz. Der Schweiß rollt über die Stirn, die Anstrengung erinnert an ein Marathon, auch der Zuhörer wünscht sich eine Verschnaufpause, die ihm aber nur bei einer kurzen Ballade gewährt wird.

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