Sterzing/Ratschings. Karin Kinigadner kennt sich mit Kräutern aus. „Hier, probiert mal“, sagt sie bei der Wanderung, die vom Maurerhof im Jaufental den Berg hinauf geht, „das sind selbstgemachte Brennessel-Chips“.
Wie man sie herstellt und noch vieles mehr verrät die Südtiroler Wanderführerin sozusagen en passant, also im Vorbeigehen. Immer wieder wird sie die kleine Gruppe Deutscher, denen sie die Besonderheiten von Landschaft und Natur erläutert, auf bestimmte Pflanzen am Wegrand hinweisen. Gewächse, die man als normaler Wanderer übersieht und bestenfalls in die Rubrik Unkraut einordnet. So zum Beispiel die Brennessel.
Wegen ihrer hautreizenden Eigenschaften wird sie gefürchtet und als unliebsames Wildgewächs verteufelt. Dabei ist die Brennnessel so gesund wie es nur geht und deswegen ein wahres Wundergewächs. „Sie enthält viel Eisen, Calcium und Vitamin C“, sagt Karin Kingadner. Ihr Urteil: „Ideal zum Essen.“
Ihre Brennessel-Chips hat sie im Backofen gemacht. „Die Brennesselblätter gut waschen, abtropfen und trocken schleudern“, rät sie, „dann werden sie auf dem Backblech locker ausgebreitet und mit etwas Öl bei etwa 150 Grad Umluft gebacken. Nach kurzer Zeit im Ofen sind die Blätter bereits knusprig und müssen nur nach Belieben gewürzt werden“. Wie sich zeigt, sind die Chips mild und schmackhaft, ein bisschen vielleicht wie Spinat. Dass sich Karin Kinigadner bei der Demonstration der Brennesel-Qualitäten an einem Busch „verbrennt“, tut ihrer Begeisterung keinen Abbruch. Den Schmerz steckt sie weg, ohne mit der Wimper zu zucken.
Der Weg zur Bergalm ist nicht anstrengend. Vom Maurerhof weg, wo Besitzer Peter Mair vor dem Abmarsch der Gruppe noch voller Stolz seine wieder aufgebaute, Wasser betriebene Getreidemühle in Aktion gezeigt hat, sind rund 350 Höhenmeter zu überwinden. Man kommt dabei am Wasserfall Gurgl vorbei, der imposant über felsiges Gelände stürzt. Malerisch öffnet sich am Ende der etwa einstündigen Wanderung ein Hochtal, an dessen Eingang auf 1610 Meter Höhe die Bergalm liegt, die ebenfalls zum Maurerhof gehört, von den Sarntaler und Stubaier Alpen umrahmt. Auf den Wiesen weiden Kühe. Das frische Gras und Almheu sind für für die Qualität der Milch von besonderer Bedeutung. Das schmeckt man auch beim Genuss der selbstgemachten Almbutter und des Almkäses, die der junge Wirt und seine Frau herstellen. Beide waren Schäfer in der Schweiz, bis es sie nach Südtirol zog, wo das Paar nun mit zwei kleinen Kindern auf der Bergalm lebt und arbeitet. Eine weitere Spezialität sind die frischen Kräutersäfte, etwa aus Schlüsselblumen, Holunder - oder auch Brennessel.
Das Jaufental und benachbarte, malerische Alpentäler gehören zu der Region Sterzing, italienisch Vipiteno. Sie kommt gleich nach dem Brenner, wobei den Gardasee- oder Toskana-Urlaubern die Gegend nur vom Durchfahren auf der Autobahn bekannt ist. Dabei gibt es nicht nur in Sterzing viel zu entdecken. Der kleine Ort hat eine malerische Altstadt, die ihresgleichen sucht. Nicht weit von Sterzing entfernt findet sich beispielsweise die Gilfenklamm, eine Schlucht in rein weißen Marmor. Sie zieht sich von der Ortschaft Stange in das Ratschingstal bis hin zum Weiler Jaufensteg. Hölzerne Stege und Brücken führen durch den Canyon und machen Wasserfälle an der eigenen Haut spürbar. Die Urgewalt des Wassers, welches sich über Jahrtausende durch das Gestein fräste, ist mit allen Sinnen greifbar. Die Schlucht ist geschützt als Naturdenkmal und gilt nicht umsonst als eines der schönsten Naturschauspiele im Alpenraum.
Die weitläufige Almenregion Ratsching-Jaufen ist eines der beliebtesten Wandergebiete südlich des Brennerpasses. Viele schöne Wanderwege führen durch die unberührte Natur zu interessanten Hochmoorseen und Aussichtspunkten, bis hinauf zum panoramischen Jaufenpass.
Das naturbelassene Gebiet entfaltet im Frühjahr und im Sommer eine reiche Blumenpracht auf den satten Almwiesen, und begeistert vor allem im Mai und Juni mit den vielen dicht bewachsenen Alpenrosenhängen.
Im Ratschinger Ortsteil Bichl führt eine moderne Panoramabahn in ein paar Minuten hoch auf 1850 Meter zum Ratschinger Almenweg und der „BergErlebnisWelt“. Besonders für Familien mit Kinderwagen lässt sich hier entspannend Höhenluft schnappen. Die „BergErlebnisWelt“ ist ein abwechslungsreicher Wanderweg mit zahlreichen Attraktionen: die Ameisenwelt, die Murmeltierwelt, der Kuschelzoo, lustige Wasserspiele, der Riesenpinguin, überraschende Klettergerüste und Aussichtsbrücken… und Einkehrmöglichkeiten in den Almhütten. Der Rundgang „BergErlebniswelt“ beginnt gleich an der Bergstation auf einem guten, auch für Kinderwagen geeigneten Weg. Er kann bei einem Höhenunterschied von 50 Metern in etwa 45 Minuten locker zurückgelegt werden und eignet sich deshalb besonders für Familien mit Kindern. An vielen Standorten sind Lehrtafeln aufgestellt, die über die lokale Flora und Fauna informieren und den Wissensdurst der Naturfreunde stillen.
Ratschings ist eine Drei-Täler-Gemeinde. Neben dem Jaufental und dem Ratschingstal punktet auch das Ridnauntal mit faszinierender Natur. Der dortige Talschluss mit seinem ehemaligen Bergbauort Maiern eignet sich gut für eine Wanderung zum Aglsboden. Die Wanderroute beginnt am Parkplatz des Bergwerkmuseums. Wer nach dem Wasserfall Gurgl und der Gilfenklamm nicht genug bekommen kann vom Wildwasser, der findet auf diesem Weg nach einer Dreiviertelstunde die Burkhardklamm, durch die der Fernerbach tost. Durch die Klamm führt der Weg an den Felswänden entlang und auf Brücken über den Abgrund. Am Ende der Klamm öffnet sich der der Aglsboden, eine Ebene voller Geröll und zahlreichen Wasserrinnsalen. Dass auch dort eine gut bewirtschaftete Hütte auf die Wanderer wartet, versteht sich fast von selbst.
26.06.2018 - 16:26 Uhr
Berge, Brennessel und Biosäfte
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