08.01.2021 - 13:20 Uhr
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Zu Besuch beim letzten Drehtag der Serie "Charité"

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Vor zehn Monaten fiel in Prag die letzte Klappe zur 3. Staffel der ARD-Erfolgsserie „Charité“. In drei Doppelfolgen wird der Klinik-Alltag in der ehemaligen DDR beleuchtet

Die Hauptdarsteller der dritten „Charité“-Staffel. v.l. Franz Hartwig als Dr. Curt Bruncken, Nina Gummich als Dr. Ella Wendt, Philipp Hochmair als Professor Dr. Otto Prokop, und Nina Kunzendorf als Dr. Ingeborg Rapoport.
von Helmut KunzProfil

Dass Arztserien im Fernsehen eine lange Tradition hätten, unterstrich „Charité“-Produzent Benjamin Benedict beim letzten Drehtag am 1. März 2020 in Prag. „Charité“ sei anders. Die 3. Staffel wird ab 12. Januar um 20.15 Uhr in drei Doppelfolgen in der ARD gezeigt. Benedict versprach den Zuschauern auch diesmal wieder eine ganz spezielle Herangehensweise. „Im Mittelpunkt steht ja ein Krankenhaus. Der Star der Serie ist die Charité.“

„Es gibt keine Kontinuitätsformel von Staffel zu Staffel. Die Geschichten springen vom Drei-Kaiser-Jahr in den Nationalsozialismus und jetzt in die Zeit der DDR.“ Die Handlung beginnt unmittelbar vor dem Mauerbau 1961. Wie Benedict beteuerte, handle es sich wieder um eine historische Erzählung mit breit angelegter emotionaler Fiktion. Zur Besonderheit zähle auch diesmal, dass hier Personen, die es wirklich gegeben habe, porträtiert und mit fiktionalen Figuren verbunden würden.

Im Fokus der 300 Jahre alten Klinik stehen die frei erfundene junge Forscherin Dr. Ella Wendt (Nina Gummich), eine junge, aufstrebende Ärztin voller Leidenschaft und Tatendrang, sowie reale Figuren, wie die Kinderärztin Dr. Ingeborg Rapoport (Nina Kunzendorf), der Serologe Professor Dr. Otto Prokop (Philipp Hochmair) und der Gynäkologe Professor Dr. Helmut Kraatz (Uwe Ochsenknecht). Sie alle sind führend auf ihren Gebieten und bringen die Medizingeschichte einen Schritt weiter, während vor ihren Augen die Mauer gebaut wird und sie die Grenze vielfach zu spüren bekommen.

„Das erlaubt uns, die Geschichte sehr präsent zu erzählen und bestimmte Phasen in der Entwicklung Deutschlands in einer sehr populären Form zu reflektieren", erklärte Benedict. Die neue Staffel setze sich mit der Geschichte des zweiten deutschen Staates auseinander, mit all seinen Ambivalenzen, die es dort gegeben habe, mit allem was schrecklich gewesen sei, was aber auch unter großer Not irgendwie solidarisch funktioniert habe.

Berater aus Berliner Klinikum

Die 3. Staffel geht einfühlsam auf die Abläufe und den Arbeitsalltag ab dem 13. August 1961 im gesamten Klinikbereich der Charité ein und erzählt von einer Zeit, in der Ärztinnen und Ärzte moralisch, politisch und persönlich an ihre Grenzen gehen und Haltung zeigen mussten. Intensiv beleuchtet werden Konflikte, Zerrissenheit, Forscherdrang, Leidenschaft, Wissenschaft, die Loyalität zu einem System und die Sehnsucht nach Freiheit.

Die Klappe für die Eröffnungsszene der neuen Staffel fiel am letzten Drehtag. Philipp Hochmair präsentierte sich eloquent im Hörsaal als Dr. Prokop seinen Studenten. Sein Publikum bestand, mit Ausnahme weniger Protagonisten, aus tschechischen Statisten, die mit Hilfe eines Dolmetscher emotional auf die jeweilige Situation eingestimmt wurden. Der Dreh dieser letzten Sequenz dauerte, kurze Pause eingeschlossen, mehrere Stunden. Drehort war die Tschechische Technische Universität. Professor Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité Universitätsmedizin Berlin und Professor Dr. Thomas Schnalke, Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, fungierten vor Ort als medizinische Berater.

Für Produzentin Henriette Lippold entpuppte sich das Hineinfühlen in die geschichtlichen Ereignisse – „die Welt hatte sich über Nacht verändert“ - als der spannendster Aspekt. „Wir sehen den Mauerbau nicht mit den Augen von heute oder von 1989, sondern mit den Augen von 1961. Es gab sehr viele Menschen, die diesen Mauerbau begrüßt haben. Wie viele Menschen mussten erst geflohen, sein, wie groß musste die Unsicherheit gewesen sein, dass man sich einredete: Diese Mauer grenzt uns nicht aus, sondern macht uns zu einem souveränen Staat.“ Die Mauer verlief ja quasi durch die Charité.

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Neue Rollen für Frauen

Gegenüber der ersten Staffel hat sich das Frauenbild stark verändert. In der Kaiserzeit war es Frauen nicht möglich, Medizin zu studieren. Jetzt wird mit Dr. Wendt eine taffe Medizinerin und Forscherin gezeigt. Emanzipiert ist vor allem auch Dr. Rapoport, die Leiterin der Kinderstation. Für Lippold eine unfassbar spannende Figur: Sie ist Mutter und eine hervorragende Medizinerin. Als Ärztin mit jüdischen Wurzeln wurde ihr 1938 im Dritten Reich der Doktortitel verweigert. Die Ärztin bekam ihre Promotionsurkunde erst 77 Jahre später. Sie war 102 Jahre alt und damit die weltweit älteste Person, die ihren Doktortitel erwarb, als sie in einem neuen Promotionsverfahren mit ihrer alten Doktorarbeit überzeugte.

Dr. Prokop seinerseits war eine Koryphäe auf dem Gebiet der gerichtlichen Medizin. Er untersuchte auf seinem Seziertisch das erste Maueropfer. Eine weitere spannende Biographie liefert für die Staffel der Leiter der Frauenklinik, Dr. Kraatz, der mit Dr. Rapoport aneinandergerät. Bisher wurden wegen der großen zeitlichen Sprünge nach jeder Staffel die Schauspieler ausgetauscht. Dazu wurde der Regiestuhl jedes Mal neu besetzt. Diesmal von Christine Hartmann. Der einzige Protagonist, der von Beginn an dabei war, ist Holly Fink, der als Kameramann für alle drei Staffeln verantwortlich zeichnete. Vorweg ist die Serie in der ARD-Mediathek zu sehen.

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