17.09.2020 - 18:05 Uhr
BurglengenfeldDeutschland & Welt

Prozess gegen Lkw-Fahrer: Neun Jahre Haft gefordert

Die auf Mord stehende lebenslange Freiheitsstrafe ist höchstwahrscheinlich vom Tisch. Wegen Totschlags fordern Staatsanwalt und Verteidiger neun Jahre Haft für einen 44-jährigen Trucker. Im Jahr 2019 hat er auf seinen Kollegen eingestochen.

Der Angeklagte (Mitte) geht neben seinem Verteidiger in den Verhandlungssaal des Landgerichts.
von Autor HOUProfil

Vier Tage lang lief der Prozess vor dem Amberger Schwurgericht. Ein Heer von Zeugen, sieben Sachverständige und keine Antwort auf die Frage, weshalb ein während der Verhandlung nicht sehr gesprächiger Übersiedler einen wie er aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden 41-Jährigen auf dem Parkplatz einer Spedition in Burglengenfeld tötete.

Das hat sich herausgestellt: Drei Männer trafen sich am Abend des 23. Oktober 2019 auf dem Speditionsgelände. Sie schütteten große Mengen Schnaps in sich hinein. Einer ging, die anderen blieben. Weshalb sie dann in Streit gerieten, wird wohl nie geklärt werden.

Zwei tiefe Schnittwunden

Plötzlich stach der nun wegen Mord angeklagte 44-Jährige in der Fahrerkabine seines Sattelzuges auf seinen drei Jahre jüngeren Kollegen ein. Der Verletzte wollte flüchten, gelangte hinaus auf den Parkplatz, wurde verfolgt. Der Täter ("Ich habe keine Erinnerungen") holte ihn ein und versetzte seinem Opfer zwei tiefe Schnittwunden am Hals. Sie waren tödlich und führten dazu, dass der 41-Jährige verblutete.

Die Vorgehensweise führte später im Prozess zu der unbeantwortet gebliebenen Frage, ob er diese Angriffstechnik bei einer Kampfausbildung in der Armee seines Heimatstaates Kirgisistan beigebracht bekam. Auch dazu schwieg der Mann und starrte, wie über den gesamten Verfahrensverlauf hinweg, teilnahmslos vor sich hin.

Nach der Tat wurde der 41-Jährige von seinem Peiniger 20 Meter weit an den Beinen zu einem Laubhaufen geschleift und dort unter Blättern versteckt. Erst Stunden später fand man die Leiche. Zu diesem Zeitpunkt hatte der vom Tatort flüchtende Berufskraftfahrer mit seinem Lkw einen Unfall verursacht und lag in einem Regensburger Krankenhaus – leicht verletzt und mit rund drei Promille Alkohol. An seiner Hand klaffte eine Wunde. Er hatte sie sich bei den Stichen auf dem Parkplatz unabsichtlich selbst beigebracht.

Am Ende einer langen und ins Detail gehenden Beweisaufnahme gab die Gerichtsvorsitzende Roswitha Stöber einen sogenannten rechtlichen Hinweis an die Beteiligten. Er lautete: "Es kann auch eine Verurteilung wegen Totschlags in Betracht kommen." Das bedeutete: kein Mord und damit eine zeitlich begrenzte Haftstrafe. Als dies geschah, wussten die Prozessbeteiligten über den psychiatrischen Sachverständigen Thomas Lippert (Nürnberg), dass der konsumierte Schnaps die Steuerungsfähigkeit des Beschuldigten erheblich beeinträchtigt hatte und dass da einer saß, der ohne Alkohol wohl schon lange nicht mehr zurecht kam.

In seinem Plädoyer ging Oberstaatsanwalt Jürgen Konrad nicht von Mord aus. Er hielt ein Totschlagsverbrechen für gegeben und verlangte neun Jahre Haft. Der Unterbringung in einer Entzugstherapie widersetzte er sich nicht. Doch vor dem Antritt einer solchen Maßnahme müsse der 44-Jährige mindestens zweieinhalb Jahre im Gefängnis absitzen.

Verteidiger teilt Ansicht

Was an sich selten in Strafverfahren solcher Tragweite vorkommt, geschah kurz danach: Verteidiger Shervin Ameri teilte die Ansicht des Anklagevertreters. Auch er wollte eine Verurteilung wegen Totschlags, hielt neun Jahre Gefängnis und eine Therapie für seinen Mandanten für angebracht. Ameri sprach von einer "großen menschlichen Tragödie" und resümierte den Prozessverlauf: "Das Motiv werden wir wohl nie erfahren." Als Nebenkläger trat der Regensburger Anwalt Jörg Sodan in der Verhandlung auf. Er äußerte sich für die Ehefrau (46) des Getöteten und wandte sich direkt an den vor ihm sitzenden Beschuldigten. "In Ihrer Fahrerkabine haben Sie zugestochen und eine gefährliche Körperverletzung begangen. Was danach auf dem Parkplatz kam, war nichts anderes als Mord." Von daher müsse auch eine Verurteilung wegen eines solchen Kapitalverbrechens erfolgen.

Prozessauftakt in Amberg

Amberg
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