06.10.2020 - 08:38 Uhr
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Corona-Notstand: Tschechien verschärft Regeln

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Bei offiziellen Veranstaltungen in Innenräumen sind in Tschechien nur noch zehn Personen erlaubt. Und es gibt weitere Einschränkungen. Pendler können aber wohl aufatmen.

Eine Frau geht bei Regen durch die fast menschenleere Altstadt. Landesweit trat erneut der Notstand aufgrund der Corona-Pandemie in Kraft.
von Autor SHJProfil

Montagmorgen um 6 Uhr war die Welt in Prag auf dem ersten Blick noch in Ordnung. In den Frühverkaufsstellen nichts zu bemerken vom seit Mitternacht landesweit in Tschechien geltenden Corona-Notstand. Die ersten Kunden erschienen wie auch zuletzt alle mit Maske - oder wie die Tschechen sagen - mit "Schleier" vor Mund und Nase. Rasch Desinfektionslösung auf die Hände, und dann konnte der Einkauf beginnen. Keine Neuigkeiten auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ohne Schleier ging da auch schon vorher nichts, ebenso wenig wie innerhalb von Gebäuden.

Doch in den Familien tat sich schon etwas: Die Kinder der Mittelstufe machten sich nicht mehr fertig für die Schulen. Für sie ist wieder Fernunterricht angesagt. Medizinstudenten haben studienfrei und stehen bereit, in den Krankenhäusern bei der Betreuung von Corona-Patienten zu helfen. Eine notwendige Maßnahme, weil zurzeit auch rund 600 Ärzte und mehr als 1000 Schwestern erkrankt sind.

Keine Fans beim Fußball

Neu dagegen: Bei offiziellen Veranstaltungen in geschlossenen Innenräumen sind seit Montag nur noch maximal zehn Personen erlaubt, bei Außenveranstaltungen nur noch 20. Sport in Stadien, darunter die Fußball-Liga, muss ohne Zuschauer stattfinden. In Restaurants sind nur noch maximal sechs Personen an einem Tisch erlaubt. Im Kulturbereich wurden Opern und Konzerte mit Gesang untersagt. Das Singen, so heißt es, gehört zu einer der Aktivitäten mit der größten Gefahr einer Ansteckung mit Covid-19.

Es wird jedoch nicht bei diesen Maßnahmen bleiben. Der neue Gesundheitsminister Roman Prymula hat für diese Woche bereits weitere angekündigt, abhängig vom Corona-Geschehen. Prymula sorgt sich vor allem um die Reproduktionszahl. Die liegt derzeit bei 1,24. Übersetzt heißt das, ein Infizierter steckt derzeit 1,24 andere Personen an. Diese Zahl soll so schnell wie möglich unter 1 gedrückt werden. Tschechien hatte die erste Welle von Corona sehr gut überstanden, weil die Regierung sehr zeitig und hart reagiert hatte. Die geringen Zahlen hatten dann freilich den Eindruck entstehen lassen, dass der Sommer wieder unbeschwert genossen werden könne. Über Wochen wurde von Politikern und Medien nur noch diskutiert, wo man seinen Auslandsurlaub verbringen könne, "als ob das ein verbrieftes Menschenrecht" sei, wie später kritisiert wurde.

Die guten Ergebnisse bei der Corona-Bekämpfung hatten aber ihre Ursache auch in der vergleichsweise geringen Zahl von Tests. Heute verzeichnet Tschechien sehr viel mehr Infizierte als das große Deutschland. Aber es testet auch viel intensiver als in der ersten Welle. Die Gefahr wird auch von den Medien hochgepusht. Anders als in der ersten Welle verlaufen die allermeisten Erkrankungen nämlich sehr leicht. Die Corona-Betten in den Kliniken sind im Landesdurchschnitt nur zu 20 Prozent ausgelastet. Dennoch will man nicht mehr so leichtsinnig wie im Sommer sein.

Sorgen um die Wirtschaft

Der frühere Gesundheitsminister Adam Vojtech wollte zwar Ende der Sommerferien die Maskenpflicht wieder einführen. Er wurde jedoch von Premier Andrej Babis ausgebremst. Auch der neue Minister musste sich schon dem Regierungschef beugen. Als er vorschlug, dass die Gäste in Restaurants und Kneipen zur eventuellen Nachverfolgung von Kontakten Infizierter Namen und Adressen angeben sollten, wies Babis das vergangene Woche als völlig übertrieben zurück.

Babis machte sich Sorgen um den Ausgang der Regionalwahlen am Wochenende, wollte seine Wählerklientel um keinen Preis durch härtere Vorsichtsmaßnahmen verärgern. Nachdem die für den Premier sehr glimpflich ausgegangen sind, dürfte Prymula jetzt mit seinen Anordnungen freie Hand haben. Wichtig ist nur eines: Einen neuerlichen Lockdown soll es nicht geben, weil er dem Land schwere wirtschaftliche Schäden zufügen würde.

Lockerer als in der ersten Corona-Welle soll es auch im kleinen Grenzverkehr bleiben. Eine abermalige Grenzschließung wird in Prag ausgeschlossen. Anders als in der ersten Welle wird in den Medien jetzt auch nicht mehr ebenso leichter Hand wie wahrheitswidrig den Pendlern die Schuld an der Zahl der Erkrankten in Tschechien zugeschoben. Zumal die höchsten Infiziertenzahlen nicht im Grenzgebiet gemessen werden, sondern in Prag und dem Großraum um die Hauptstadt sowie in einem Gebiet in Mähren an der Grenze zur Slowakei. Wenn jemand angesichts der aktuellen Zahlen großzügig ist, dann sind das die deutschen Grenzländer Bayern und Sachsen. Beide wollen nicht am kleinen Grenzverkehr rütteln. Bayern hat entsprechende Regelungen schon länger in seiner Quarantäne-Verordnung. Mit Wirkung vom 1. Oktober hat sich denen auch Sachsen angeschlossen.

Danach dürfen Deutsche für 48 Stunden nach Tschechien, ohne danach für 14 Tage zur Quarantäne verurteilt zu sein oder einen negativen Covid-19-Test vorlegen zu müssen. Die Regelung gilt auch für Tschechen, die nach Deutschland wollen oder aus dringenden Gründen müssen, allerdings nur für 24 Stunden. Doch selbst das lässt sich in der Praxis kaum kontrollieren.

Notstand ausgerufen:

Rückhalt vom Präsidenten

Der Notstand gilt zunächst für 30 Tage, die konkreten neuen Maßnahmen zunächst für 14 Tage. Die handelnden Verantwortlichen haben am Wochenende ausdrücklich auch noch einmal Rückhalt von Präsident Milos Zeman erhalten. Der sagte in einem TV-Interview, womöglich komme es zu einem Wunder und Corona gehe in einigen Regionen drastisch zurück. In diesem Fall wäre eine ganzstaatliche Quarantäne nicht erforderlich. "Aber ich fürchte", so fügte er hinzu, "dass ein solches Wunder nicht kommen wird."

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