26.03.2020 - 09:56 Uhr
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Coronakrise: Dirigent Liebreich vergleicht die Stimmung mit der in Nordkorea

Die Corona-Krise hat auch den Kulturbetrieb kalt erwischt. In einer Serie fragt die Kulturredaktion bei Künstlern aus der Region nach, wie sie mit der schwierigen Situation fertig werden. Diesmal: Alexander Liebreich, Dirigent, München.

Dirigent Alexander Liebreich, in Regensburg geboren, vergleicht die Stimmung in Deutschland zu Zeiten der Coronakrise mit der in Nordkorea. Dort war er zehn Jahre lang tätig.
von Anke SchäferProfil

Der gebürtige Regensburger Alexander Liebreich ist zwar Chefdirigent des Prager Rundfunk-Sinfonieorchesters, sehen darf er seine Musiker aber im Moment nicht. Sein im Mai geplantes Gastdirigat in Japan steht ebenso auf der Kippe wie das Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen, dessen künstlerischer Leiter er ist. Was ihm jetzt bleibt, ist die Freude über mehr Ruhe:

ONETZ: Herr Liebreich, wo erreiche ich Sie gerade?

Alexander Liebreich: In München, in meiner Wohnung.

ONETZ: Und wie geht es Ihnen?

Es ist wie eine Achterbahn-Fahrt mit ganz verschiedenen Gefühlen: Grundsätzliche Ängste, die Verpflichtung, helfen zu können und müssen, der Umgang mit der eigenen, erweiterten Familie, die erweiterten Ideen zur künstlerischen Zukunft. Ich bin ja darauf angewiesen, in Gruppen zusammenzuarbeiten.

ONETZ: Sie sind Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Prag. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit in Zeiten rigider Reisebeschränkungen und Absagen?

Das war Anfang des Monats ganz symptomatisch: Am Montag, den 9. März haben wir noch ein Konzert gegeben, am 10. war der Saal geschlossen, ab 11. März kamen dann die Reisebeschränkungen. Wir wollten als Rundfunk-Orchester noch versuchen, stattdessen Studioproduktionen zu senden, aber die Studios wurden auch geschlossen. Die Zusammenarbeit ist daher völlig ausgesetzt. Ich kann weder mit dem Orchester arbeiten noch kann ich es sehen. Aber ich habe viel Kontakt mit Musiker-Kollegen. Sozial gesehen hat die Krise auch eine schöne Seite. Und die Hetze des Alltags ist weg, das ist auch schön.

ONETZ: Läuft der Probenalltag noch, um dann nach Ende der Krise wieder schnell starten zu können?

Nein, in Tschechien herrscht auch ein Versammlungsverbot.

ONETZ: Haben Sie Ihren Musikern so etwas wie „Hausaufgaben“ gegeben?

Nein, die Musiker halten sich persönlich zu Hause fit. Bei Profis ist es eigentlich Voraussetzung, dass sie die technische Arbeit am jeweiligen Instrument für sich leisten. Und jeder ist ohnehin angehalten, unabhängig von den Proben den Level für sich zu halten.

ONETZ: Als Gastdirigent hätten Sie demnächst auch Verpflichtungen unter anderem in Japan – wie ist da der Stand der Dinge?

Ich hätte vorher noch ein wunderbares Konzert mit Pinchas Zuckerman (Violinist, Anmerk. d. Red.) und "Don Quijote" von Richard Strauss in Valladolid in Spanien gehabt! Die Japaner denken darüber nach, ob sie nicht demnächst den Konzertbetrieb wieder aufnehmen. Wäre durch Test und freiwillige Quarantäne zweifelsfrei sichergestellt, dass ich keinerlei gesundheitliche Gefahr für die Japaner darstelle, würde ich eventuell fahren. Aber ganz unabhängig vom Konzertleben: Warum orientiert sich Europa in dieser Krise nicht an Japan?

ONETZ: Inwiefern?

Dort war der Virus viel früher, es gibt aber trotz der Millionenstädte wie Tokio viel weniger Infektionen, weniger Tote und fast keine Neuinfektionen mehr. Dabei haben sie nur zum Teil Ausgangssperre und keine Schulschließungen. Aber: Jeder trägt einen Mundschutz. Auch schon vor Corona saßen zur Grippe-Zeit im Dezember oder Januar 80 Prozent der Musiker mit Mundschutz in den Proben – aus Rücksicht auf die Gesundheit der anderen. Und die Hand gibt man sich dort grundsätzlich nicht, auch aus Rücksicht. Dies scheint mir im Moment auch bei uns geboten.

ONETZ: Wie sieht es mit dem Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen, das eigentlich am 19. Juni beginnen soll?

Wir haben uns letzte Woche in Garmisch-Partenkirchen getroffen. Dabei habe ich auch endlich mal wieder die Berge gesehen, bin raus gekommen – das hat gut getan. Die Entscheidung darüber, ob es stattfindet oder nicht, liegt aber nicht bei mir als künstlerischem Leiter. Das entscheiden die Politiker, also der Gemeinderat Garmisch-Partenkirchen, und die geschäftsführenden Verantwortlichen des Festivals. Momentan ist es definitiv noch nicht abgesagt, aber der Kartenvorverkauf stagniert logischerweise. Dazu kommt, dass Oberammergau die Passionsspiele auch abgesagt hat. Die Diskussion ist schon vernünftig. Ich würde eine Absage verstehen.

ONETZ: Und was würden Sie tun, wenn Sie es in der Hand hätten?

Niemand kann sagen, was im Juni und bis dahin ist. Ich würde die nächsten vier Wochen abwarten, so lange keine Verträge schließen. Einfach und aufmerksam „auf Sicht fahren“. Wenn ich die Möglichkeit sehe und habe, Kunst zu machen, werde ich immer dafür kämpfen! Natürlich müssen wir auch die Absage vorbereiten. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Als Vorsitzender überlege ich zudem gerade, zumindest zwei, drei Konzerte über die Richard-Strauss-Gesellschaft aufzufangen oder vielleicht als online-Liederabend anzubieten.

ONETZ: Glauben Sie, dass diese Krise die Gesellschaft verändern wird?

Ja, tatsächlich. Es ist zu hoffen, dass eine Veränderung stattfindet – in jeglicher Hinsicht. Seit Jahrzehnten gilt die Maxime der Wirtschaftlichkeit, zum Teil ja auch in der Kultur. Aber Kultur bedeutet, „wie gehen wir miteinander um“, bedeutet unsere Pflege des Umgangs. Jetzt geht es um Solidarität. Aber wir tun uns schon schwer, eine Haltung, einen Gestus der Bevölkerung zu finden. Da fand ich die Rede der Bundeskanzlerin geradezu historisch, weil sie den Moment sieht, die Idee der Mitmenschlichkeit. Ich habe Bedenken, dass nach Ablauf der Krise die Wirtschaftlichkeit wieder zu 100 Prozent über der Kultur steht.

ONETZ: Wie sieht es mit Ihren finanziellen Einbußen aus?

Ganz offen – ich bekomme seit Wochen keine Gage mehr. Meine Konzerteinnahmen belaufen sich derzeit auf null Euro, das fällt in den Verträgen unter „höhere Gewalt“. Über welchen Zeitraum sich diese Situation erstreckt, kann im Moment ja niemand einschätzen.

ONETZ: Und womit vertreiben Sie sich jetzt die Zeit in erzwungener Häuslichkeit?

Ich genieße meine freie Zeit sehr. Letzte Woche habe ich drei Sorten Tomaten gesät. Und ich lerne Griechisch und Tschechisch. Griechisch lerne ich schon seit zweieinhalb Jahren, zur Zeit lese ich „Der kleine Nick“ auf Griechisch. Mit meinem Sohn spiele ich Klavier und übe Mathematik, wir haben auch schon miteinander gesungen. Ich bin aber kein Musik-Konsument. Ich bin froh, dass es leiser geworden ist. Die Stimmung ist ein bisschen vergleichbar mit Nordkorea, wo ich zehn Jahre tätig war – weniger Straßenverkehr, man überlegt mehr, ob man raus geht. Und die Kommunikation hat eine neue und wichtige Qualität bekommen.

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