Chefredakteur über dieses Sportfoto "nicht glücklich"

Deutschland und die Welt
16.09.2022 - 08:48 Uhr

Es gäbe „sicherlich weniger freizügiges Bildmaterial“, schreibt eine Leserin, eine andere spricht von einem „sexistischen Bild“. Ein Sportfoto stößt auf heftige Kritik. Chefredakteur Kai Gohlke reagiert.

Bei den Schwimm-Europameisterschaften in Rom hatten die deutschen Wasserspringerinnen Tina Punzel und Lena Hentschel im Synchron-Wettbewerb vom Drei-Meter-Brett Gold geholt. Mit dem am 19. August dazu veröffentlichten Bild in unserem Sportteil hat die Redaktion bei Leserinnen keine Sympathien gewonnen.

"Das sexistische Bild", so schreibt beispielsweise Leserin S. W., "widert mich wirklich an." Sie findet es "unglaublich, dass derartige Fotos noch im Jahr 2022 in einer seriösen Tageszeitung abgedruckt werden". Weiter heißt es in der Mail an die Geschäftsführende Verlegerin Viola Vogelsang-Reichl: "Haben Sie vergessen, dass es auch Leserinnen gibt? Bei dem Foto wird der Fokus bewusst auf den Po der Sportlerinnen gelenkt und nicht auf ihre herausragende sportliche Leistung. Bei Siegerinnen geht es auch um die Wiedererkennbarkeit - da möchte ich ihre Gesichter sehen, nicht ihren Po und nicht ihre Beine. Bitte schulen Sie die Verantwortlichen für die Bildauswahl endlich entsprechend."

"Was haben Sie sich gedacht?"

Auch Leserin S. H. wandte sich an Oberpfalz-Medien: "Also mal ehrlich, was haben Sie sich beim (...) Foto im Sportteil der heutigen Ausgabe gedacht!? Nichts! Vermutlich!? Nach der ganzen Welle von MeToo, Diskriminierung und Gleichberechtigung trauen Sie sich, so ein Foto abzudrucken?" Klar, es handele sich um Leistungssportlerinnen, fährt S. H. fort, "aber es gibt sicherlich weniger freizügiges Bildmaterial, das Ihnen und der Redaktion zur Verfügung steht. Wenn ich mich in die Situation der jungen Frauen versetze, möchte ich wohl kaum ein solches Bild von mir irgendwo abgedruckt sehen."

Sie sei Fotografin, merkt S. H. an, und wisse, "wie heikel es oft mit der Veröffentlichung und Freigabe von Bildern ist. Damit werde ich fast täglich konfrontiert und gehe damit sehr sensibel um. Auch weiß ich um die Rechte am Bild und die Tatsache, wie es um Personen des öffentlichen Lebens steht. Aber ich an der Stelle der beiden Sportlerinnen würde hier sicherlich versuchen, rechtliche Schritte einzuleiten."

Man nehme die Kritik sehr ernst und werde das Thema auch noch mit den Kollegen der Sportredaktion besprechen, antwortete Chefredakteur Kai Gohlke den beiden Leserinnen. Weiter schrieb er Ihnen: "Rein fotografisch und journalistisch betrachtet, finde ich persönlich das verwendete Foto ein starkes Bild. Es zeigt sehr gut, worauf es in diesem Sport ankommt, und was die Spitzenleistung der Europameisterinnen ausmacht: Körperspannung, Athletik, Exaktheit, Synchronität in der Bewegung."

Er könne aber auch verstehen, betonte Gohlke, "dass man das Bild ganz anders sehen kann, und dass viele Betrachter sich erst einmal auf die fast nackten Pos der Sportlerinnen fokussieren. Deshalb bin ich über die Auswahl des Bildes nicht glücklich. Umso bedauerlicher ist es, dass uns an diesem Tag - anders als Sie annehmen - kein anderes Aktionsbild vom Sieg der beiden deutschen Athletinnen zur Verfügung stand. Ich vermute, der Layouter der Seite hätte sonst wohl auch ein anderes Bild verwendet. Wir werden das bei der Bildredaktion der Nachrichtenagentur dpa noch kritisch anmerken."

Anderes Bild "bessere Wahl"

Trotzdem hätte es natürlich die Möglichkeit gegeben, die Nachrichten von der Goldmedaille der Wasserspringerinnen an anderer Stelle ohne Bild beziehungsweise mit einem Motiv von der Siegerehrung zu vermelden, räumte der Chefredakteur ein. "Im Nachhinein betrachtet wäre das die bessere Wahl gewesen", lautete Gohlkes Erkenntnis.

"Ohne unsere Verantwortung als Medium kleinreden zu wollen, was das Darstellen von Sportlerinnen bzw. überhaupt von Menschen in der Öffentlichkeit angeht", frage er sich allerdings auch: "Ist es die richtige Debatte, die wir hier um die Auswahl eines Bildes - zugegeben von einer unglücklichen Perspektive aus - führen? Oder wäre nicht die wichtigere Diskussion darüber, warum die Sportlerinnen beim Wettkampf so knappe Badeanzüge tragen (müssen?), dass das Foto diese Wirkung überhaupt erst hat? In einigen Sportarten, zum Beispiel beim Beachvolleyball, ist diese Diskussion ja glücklicherweise bereits angestoßen worden."

Wie versprochen, nahm Gohlke Kontakt mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) auf und wies sie darauf hin, dass es am 18. August, dem Tag vor der Veröffentlichung von Foto und Artikel im Sportteil, "bedauerlicherweise nur ein einziges Aktionsbild" von den Wasserspringerinnen gegeben habe. Der diensthabende Kollege der Sportredaktion habe dieses für die Printausgabe verwendet, was zu einigen heftigen Reaktionen von Leserinnen geführt hat. Gohlke ließ die dpa wissen: "Ich teile die Kritik der Leser*innen nicht unbedingt in dieser Heftigkeit, kann sie aber grundsätzlich schon nachvollziehen. Natürlich: Dass die Sportlerinnen so knappe Badeanzüge tragen, ist nicht die Schuld des Fotografen oder der Bildredakteure."

Trotzdem hätte er sich als Chefredakteur "gewünscht, dass unserem Layouter zumindest alternatives, weniger verfängliches (Aktions-)Bildmaterial zur Verfügung gestanden hätte". Gohlke bat die dpa, ihre Bildredaktion "künftig in dieser Hinsicht zu sensibilisieren".

Wie Bilder auf Leser wirken können

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Oberpfalz29.04.2021
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