29.04.2021 - 08:34 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Leser bringt den Begriff Sexismus ins Spiel

Die Bekleidung ist nicht gerade typisch für eine Skifahrerin: Die junge Dame trägt Bikini. Ist es sexistisch, so ein Bild in der Zeitung zu zeigen?

von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Oben auf der "Weltgeschehen"-Seite ein großes Foto von einer Bikini-Schönheit mit Skibrille, -handschuhen und -stöcken, darunter 24 Zeilen Text mit der Schlagzeile "So feiern die Russen Skifasching": Der ungewöhnliche Ski-Karneval Boogel-Woogel in den Bergen unweit des Schwarzmeer-Kurortes Sotschi war unserer Zentralredaktion einen kurzen Bericht mit Bild wert. Über 700 Menschen hatten im Feriengebiet Rosa Chutor "halbnackt und in Kostümen", wie die dpa vermeldete, an den Abfahrtsrennen auf Skiern und Snowboards teilgenommen.

Ein paar Tage später erreichte mich zu dem Artikel die Mail eines Lesers aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach. Er schrieb: "Mir ist aufgefallen, dass am Donnerstag, 15. April, ein Bild auf Seite 10 über den Skifasching in Russland durchaus als sexistisch gewertet werden könnte. Die Zeiten haben sich geändert, vor 20 Jahren hätte wahrscheinlich kaum ein Hahn danach gekräht, aber heute sind viele doch ablehnender für so eine öffentliche Darstellung geworden."

Das Foto, stellte der Leser fest, stamme zwar von der dpa, weshalb "der Redaktion nur ein eingeschränkter Vorwurf bei der Auswahl zu machen" sei. Aber dass die Agentur so ein Bild überhaupt zur Verfügung stelle, sei doch "verwunderlich". "Warum kein Gruppenbild von Männern und Frauen? Warum eine Frau so aufreizend posierend?" Zwei Fragen, die der Leser am Ende aufwarf, verbunden mit der Anmerkung, dass "der Gedanke des Sexismus also direkt die dpa trifft".

In meiner Antwort teilte ich dem Leser mit, dass das Angebot der Deutschen Presse-Agentur nur drei Bilder (die ich in einem Anhang mitschickte) umfasst habe. Ein Gruppenbild im herkömmlichen Sinne habe es nicht gegeben.

Ist das veröffentlichte Bild sexistisch? Nach gründlicher Überlegung gelange ich zu der Ansicht: nein. Unter anderem aus folgenden Gründen: Dieser russische Ski-Karneval lockt Menschen an, die sich einen Spaß daraus machen, in Badekleidung im Schnee herumzufahren. Männer wie Frauen tun das ganz bewusst und posieren mit voller Absicht vor den Kameras. Das von der Redaktion ausgesuchte Bild finde ich nicht aufreizend, die Dame steht ziemlich ,normal' da und lächelt nett, bei den beiden anderen Fotos wird eindeutig mehr ,gepost', wie man heutzutage sagt. Muss man über eine solche Veranstaltung berichten? Muss man sicherlich nicht, kann man aber durchaus, weil sie ungewöhnlich ist. Die Seite 10 "Weltgeschehen" - und damit zitiere ich meinen Zentralredaktions-Kollegen Frank Stüdemann - ist die einzige Seite, auf der wir von der oft bedrückenden Nachrichtenlage abweichen können und auch mal Themen größer fahren können, die eher der Unterhaltung dienen, etwa Promi-Geschichten oder Tiergeschichten oder eben einen Ski-Karneval. Die Nachrichtenagenturen versorgen uns täglich mit jeder Menge Material, in dem es um Mord, Totschlag, Missbrauch und Vergewaltigung geht. Diese Texte ignorieren wir oft und geben stattdessen etwas "leichteren" Themen den Vorzug.

Er könne meine Ansicht akzeptieren und nachvollziehen, setzte der Leser unseren Dialog fort. Ihm sei es auch gar nicht darum gegangen, dass über eine solche Veranstaltung nicht berichtet werden sollte. Er habe einfach wissen wollen, "ob man im Lichte der letzten Jahre, in der die Sensibilität für sexistische Darstellungen noch mal massiv zugenommen hat, so ein Bild eben anders einstuft, als man es vor 20 Jahren noch getan hätte".

Wenn Leser sich über Artikel ärgern

Amberg

Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute

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