Die Impfbereitschaft, die Impfskepsis und die Rolle der Medien

Britische Forscher haben herausgefunden: Wer konventionelle Medien meidet, verbreitet eher Impfskepsis über die sozialen Netzwerke.

Sie haben sich für eine Impfung entschieden.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Impfbereitschaft der Menschen und ihrer Mediennutzung? Ja, sagen britische Kommunikationswissenschaftler. Zunächst aber ein Blick auf Deutschland: Bei uns sei die Impfbereitschaft gegen Covid-19 in den vergangenen Monaten gestiegen, stellt Joachim Trebbe fest, Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienanalyse & Forschungsmethoden an der Freien Universität Berlin.

In einem Beitrag für den Berliner "Tagesspiegel" (Erstveröffentlichung am 30. Mai) und online beim Europäischen Journalismus-Observatorium schreibt Trebbe, im aktuellen Impfquoten-Monitoring des Robert-Koch-Instituts gäben 83 Prozent der Befragten an, sich eher oder sicher gegen das Virus impfen lassen zu wollen. Allerdings variiere diese Bereitschaft stark, wenn man nach den Impfstoffen fragt. Für Astrazeneca liege der Wert nur bei 52 Prozent.

An der britischen Universität Loughborough, so Trebbe in seinem Beitrag, habe eine Forschungsgruppe um den Kommunikationswissenschaftler Andrew Chadwick jetzt untersucht, welche Rolle Medien bei der Verbreitung von Impfskepsis und -bereitschaft spielen. In einer nach Alter, Geschlecht, Herkunft, Einkommen und Wohnsitz quotierten Stichprobe seien mehr als 5000 Personen befragt worden - nach ihrer Mediennutzung, ihrer Einstellung zum Impfen und ihrer Bereitschaft, andere über die sozialen Medien von dieser Einstellung zu überzeugen.

"Die Forscher fanden einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Ausprägung der individuellen Impfbereitschaft (oder -skepsis) und der Tendenz, andere von ihrer Meinung zu überzeugen", schreibt Trebbe. Für ihn ist dies "wenig überraschend". Interessanter ist für Trebbe hier die Bedeutung der individuellen Mediennutzung. Personen mit vielfältigen medialen Informationsquellen und aktiven Mediennutzungs-Gewohnheiten seien weniger impfskeptisch und eher bereit, andere über die sozialen Medien von der Notwendigkeit einer Covid-19-Impfung zu überzeugen.

Personen, die konventionelle Medien meiden und eher passiv über ihre digitalen Verlaufschroniken informieren, verbreiteten hingegen eher Impfskepsis über die sozialen Medien - von den Vertretern extremer Verschwörungstheorien einmal ganz abgesehen.

Dominante Fernsehnutzung, schreibt Trebbe weiter, sei übrigens in dieser Studie eher mit Impfskepsis als mit Impfbereitschaft verbunden, allerdings zusammen mit einer geringen Neigung, andere über die sozialen Medien von dieser Meinung zu überzeugen.

"Die Sache ist also kompliziert", hält Trebbe fest. Impfbereitschaft erzeuge man nicht mal eben über ein paar Werbespots, Plakate oder Anzeigen mit aufgerollten Hemdsärmeln. Schlusssatz: "Die Autoren plädieren für differenzierte Aufklärungs- und Informationsstrategien, die zu den unterschiedlichen ,Mediendiäten' von Impfskeptikern und Impfbereiten passen. Eine weitere gesundheitspolitische Aufgabe also, die dringend bearbeitet werden müsste."

Langzeitstudie "Medienvertrauen"

Deutschland und die Welt
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.