Worte und Unworte in Zeiten von Corona: Das Virus verändert auch unseren Wortschatz

Der Begriff "Lockdown" ist zum "Anglizismus des Jahres" gekürt worden. Er komplettiert damit die Riege der prägenden Worte, Unworte und Sätze des Jahres 2020. Corona ist dabei ziemlich dominant.

Ein Schild im Schaufenster einer Konditorei weist die Kunden darauf hin, dass das Geschäft weiter geöffnet ist. Der in der Corona-Krise gebräuchliche Begriff „Lockdown“ ist der „Anglizismus des Jahres“ 2020.

Von Christoph Arens (KNA) und dpa

Alljährlich werden von November bis Februar prägende Worte des Jahres gekürt. Ein amüsantes Spiel, das gelegentlich sogar politische Debatten auslöst und auch Laien über die Macht der Worte nachdenken lässt. Anfang dieser Woche wählte eine Jury den Begriff "Lockdown" zum "Anglizismus des Jahres" 2020.

Gab es zunächst nur das "Wort des Jahres" und das "Unwort des Jahres", so haben Sprachforscher und Verlage inzwischen den Reiz solcher Auszeichnungen entdeckt. Mittlerweile gibt es auch "den Satz des Jahres" und sogar den "Sprachpanscher des Jahres". Ist die Auswahl gelungen, spiegelt sich in ihr ein wichtiges Charakteristikum des jeweiligen Jahres. Diesmal ist Corona ziemlich dominant.

Sprache ist nicht neutral. Sie leitet die Erkenntnis - das hat vor mehr als 70 Jahren schon der Dresdner Sprachwissenschaftler Victor Klemperer betont. In seiner 1947 veröffentlichten Studie über die Sprache des Dritten Reiches, die "Lingua Tertii Imperii" (LTI), demaskierte Klemperer die Sprache der Nazis, die letztlich das Denken durch das Fühlen und durch stumpfe Willenlosigkeit zu ersetzen suchte.

In der Tradition Klemperers steht das "Wort des Jahres", das die Gesellschaft für deutsche Sprache seit 1977 kürt. Im Dezember machte der Begriff "Corona-Pandemie" das Rennen. Und schon in dieser Rangliste war "Lockdown" ganz vorn - nämlich auf Rang zwei. Auf Platz drei: "Verschwörungserzählung".

Zoff mit Kanzler Kohl

Zum "Unwort des Jahres" wurden Mitte Januar die Begriffe "Rückführungspatenschaften" und "Corona-Diktatur" gekürt. Ziel der Jury ist es, "mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln" zu wecken. Die Rangliste der Unwörter wird seit 1991 veröffentlicht - zunächst ebenfalls von der Gesellschaft für deutsche Sprache. 1994 kam es zum Konflikt mit Kanzler Helmut Kohl: Die Jury um Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser platzierte eine Kohl-Äußerung auf den zweiten Platz: Deutschland dürfe nicht zum "kollektiven Freizeitpark" verkommen. Schlosser nahm seinen Hut und übertrug die Entscheidung an eine unabhängige Jury.

Mittlerweile gibt es noch mehr Listen. Seit 2001 wird auch der "Satz des Jahres" gesucht, von einer Jury um den Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider. Auf das Siegertreppchen 2020 hat es der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, geschafft: "Hass ist keine Meinung", so hatte er in einem Interview auf Morddrohungen reagiert, die er wegen seines Engagements für die Seenotrettung von Flüchtlingen erhalten hatte. Aus Sicht der Jury bringt der Satz ein zentrales gesellschaftliches Thema auf den Punkt, nämlich die Zunahme von Hassrede in sozialen Medien und bei Demonstrationen.

Mit der Einwanderung von Fremdworten ins Deutsche befassen sich gleich zwei Initiativen: Seit 2010 kürt die Jury um den Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch den "Anglizismus des Jahres". Für sie sind aus dem Englischen übernommene Lehnwörter willkommene Begriffe, die das Deutsche bereichern.

Die Sprachpanscher

Weitaus kritischer sieht die Fremdwörter der Verein für deutsche Sprache, der seit 1997 den "Sprachpanscher des Jahres" kürt. Die Initiative wendet sich unter anderem gegen "das unnötige Verdrängen deutscher Begriffe durch Importe aus dem angelsächsischen Ausland". Bereits im August wurden die "Tagesschau" und die "heute"-Nachrichten als Sprachpanscher 2020 gekürt. Die Begründung: In Zeiten von Corona hätten die Nachrichten-Flaggschiffe Wörter wie Lockdown, Homeschooling, Social Distancing oder Homeoffice einfach übernommen. "Diese Anglizismen zeigen, wie wenig Interesse Tagesschau und heute-Nachrichten haben, die Menschen in ihrer eigenen Muttersprache zu informieren", hieß es.

"Überzeugt hat die Jury am Wort Lockdown neben der zentralen Rolle, die es in der Diskussion um die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie spielt, seine schnelle Integration in den Wortschatz des Deutschen", teilte das Gremium rund um Sprachwissenschaftler Stefanowitsch mit. Der für 2020 ausgewählte Begriff führe schon ein Eigenleben im Deutschen und werde auch in zusammengesetzten Wörtern wie "Lockdown-Verstöße" oder "Lockdown-Lockerungen" verwendet.

Das ähnliche Wort "Shutdown" richte die Aufmerksamkeit eher auf das Herunterfahren des öffentlichen Lebens als auf Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, so die Jury. Es habe sich aber weniger durchgesetzt als "Lockdown", wohl weil es weniger Bedeutungsdifferenzierung im allgemeinen Sprachgebrauch biete.

Zur Geschichte der Verwendung des Worts "Lockdown" schreibt die Jury: "Nachdem zu Beginn der Pandemie zunächst Umschreibungen wie ,Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie' oder ,Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus' verwendet werden, verbreitet sich ab der zweiten Märzhälfte dann schnell das Wort Lockdown. Ein weiterer starker Häufigkeitsanstieg findet sich ab Oktober - spätestens seit diesem Zeitpunkt ist es fester Bestandteil des Deutschen."

Im Englischen finde sich das Wort ab den frühen 70er Jahren zunächst für Situationen, in denen Gefängnis-Insassen ihre Zellen länger nicht verlassen dürfen, etwa nach einem Aufstand. Ab den 80er Jahren bezeichne es auch Situationen, in denen ein ganzes Gebiet aus Sicherheitsgründen abgeriegelt werde. In dieser Bedeutung komme es gelegentlich auch im Deutschen vor, zum Beispiel in Berichten über Amokläufe an amerikanischen Schulen. Erst im Zuge der Covid-19-Pandemie habe sich die Bedeutung auf die jetzige erweitert.

Für 2020 waren laut Anglizismus-Jury auch Wörter wie "Social Distancing", "Superspreader", "Homeoffice" und "Homeschooling" gute Kandidaten. Gerade beim Fachbegriff "Social Distancing" habe es aber eine Diskussion gegeben, ob eine Einschränkung physischer Kontakte im Kommunikationszeitalter überhaupt noch eine soziale Einschränkung sei. Der Begriff werde nun öfter vom Wort "Kontaktbeschränkung" ersetzt.

Moralischer Unterton

Das Wort "Superspreader" bezeichne eine infizierte Person, die den Krankheitserreger an eine große Zahl von Menschen weitergebe. Es werde zudem mit moralischem Unterton auch bei der Suche nach Schuldigen benutzt.

Das Wort "Homeoffice", merkt die Jury weiter an, sei 2020 zu einem Synonym für ein Lockdown-bedingtes Arbeiten zu Hause geworden - und dort mangels Arbeitszimmers oft eher in der Küche oder im Wohnzimmer.

Das Wort "Homeschooling", eigentlich eine Bezeichnung für eine in Deutschland randständige Praxis, bei der Eltern ihre Kinder zu Hause unterrichten, um sie aus dem staatlichen Schulsystem herauszuhalten, wurde schnell ein Sammelbegriff für Schul-Ersatzaktivitäten von Eltern oder aber für den Unterricht von Lehrerinnen und Lehrern per Video.

Regelmäßig klagen Leser: Zu viele Fremdwörter in den Berichten

Amberg
Kommentar:

Klar ist auch: Ohne Fremdwörter könnten wir uns gar nicht unterhalten

Die deutsche Sprache verändert sich, ständig kommen neue Wörter dazu. Wie Lockdown. Ein englisches Wort, das für die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus steht, zu denen zum Beispiel die Schließung von Schulen und Geschäften zählt. Der Lockdown ist hier alternativlos – sprachlich gesehen.

Ansonsten, so denke ich, sollte versucht werden, zumindest in der gedruckten Version dieser Zeitung Fremdwörter möglichst zu vermeiden (was aber in vielen Fällen beim besten Willen nicht gelingt). Immer wieder ärgern sich – nicht nur ältere – Leser über Fremdwörter in unseren Überschriften und Texten. Regelmäßig erreichen mich hier Beschwerden. Wie diese: „Es ist traurig, dass man beim Lesen der Zeitung noch den Google-Übersetzer oder ein Wörterbuch einsetzen muss, um die Zeitung zu verstehen.“

Den (meisten) Redakteurinnen und Redakteuren ist natürlich bewusst: Fremdwörter können es dem Leser schwer machen, einen Text zu verstehen. Auf sie zu verzichten, macht einen Artikel nicht schlechter, mindert nicht seine Qualität. Viele Fremdwörter kann man getrost weglassen, da sich dafür auch im Deutschen der passende Begriff findet. Mitunter darf’s dann aber auch mal die englische Variante sein, wenn sie fest in unserem Sprachgebrauch verankert ist, sie eigentlich jeder versteht. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Umfrage der Meinungsforscher von YouGov aus dem Jahr 2016. Das Institut hatte damals herausgefunden: Die meisten Deutschen stören sich zwar am häufigen Gebrauch von Fremdwörtern, sie verwenden aber selbst oft welche: Sie sagen „Handy“ und „Internet“ und finden das völlig „okay“.

Anglizismen, das ergab die YouGov-Umfrage, lehnten 71 Prozent der Befragten ab. Zugleich gaben mehr als 90 Prozent an, sie würden ständig, oft oder zumindest hin und wieder Wörter wie „okay“ oder „Internet“ benutzen. Wenig überraschend: Ältere äußerten mehr Sorge um die deutsche Sprache.

„Prallsack“ statt „Airbag“ – das sei weder verständlicher noch schöner, hat Dr. Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für Deutsche Sprache (Wiesbaden) einmal in einem Interview gesagt und auf die Frage einer Redakteurin, wann ein Fremdwort zur deutschen Sprache gehöre, geantwortet: „Wenn es etabliert ist und verstanden wird. Als höchste Stufe gilt, wenn es dann auch im Duden steht. Bei ,Internet’ und ,okay’ etwa ist das der Fall.“ Wer meine, dass das Deutsche ohne Fremdwörter auskommt, habe ein falsches Verständnis von Sprache. Außerdem, sagte Kuntzsch, könnten wird uns ohne Fremdwörter gar nicht unterhalten. Das stimmt wiederum auch.

Jürgen Kandziora

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