12.08.2019 - 16:26 Uhr
Deutschland & Welt

Dynamisches und leidenschaftliches Spiel

Begeisterung für Echo-Preisträger "NeoBarock" bei Wurzer Sommerkonzerten im Alten Pfarrhof

Ein perfektes harmonisches Zusammenspiel, eine technische Brillanz und eine ausdrucksstarke Gestaltung zeichnen das Spiel von „NeoBarock“ aus.
von Redaktion ONETZProfil

Ein schwarzes Cembalo mit einer stilisierten goldenen Schnecke, der Cembalist in schwarzem Anzug und goldener Krawatte, die Cellistin mit goldenem Kleid über einem schwarzen Unterkleid, die Geigerin im Gewand mit genau umgekehrten Farbtönen, begeisterte die rund 100 Besucher des Musikabends mit "NeoBarock" schon bevor die ersten Töne erklangen. Aufgrund der unsicheren Wetterlage konnte nicht im Freien musiziert werden. Der mit Kerzen beleuchtete ehemalige Marstall der Äbte von Waldsassen bietet sich vom Ambiente aber auch der ausgezeichneten Akustik her als ein wunderbarer Partner für ein Barockkonzert an.

Der Umzug erlaubte Maren Ries (Violine), Ariane Spiegel (Violoncello) und Stanislav Gres (Cembalo) ein äußerst dynamisches und leiden-schaftliches Spiel. Heinrich Ignaz F. Biber schreibt in seiner "Sonata violino solo representativa" Assistenz durch Basso Continuo vor. Die Geige kratzt, faucht in Sekundintervallen, jault, stöhnt und schmiegt sich liebevoll an, betört durch Klangschönheit. Derart interpretiert gelang es Maren Ries die geniale Vertonung zum Leben zu erwecken. Die Continuogruppe motivierte durch durchsichtiges, mitunter dichtes Begleiten. Gemeinsames Atmen, konzentriertes Zuhören und ständige Aufmerksamkeit trugen zudem zum Gelingen der Tempowechsel, der Charakterisierung der einzelnen Sätze bei.

Rührende Lyrik

Nach diesem fulminanten Einstieg führte Cembalist Gres mit "Will you walk the woods so wild" des Engländers William Byrd das Publikum in einen Wald. Byrd hat dabei die Thematik eines englisches Liedes verarbeitet, so dass der Wald hier weniger wild als manche Oberpfälzer Wälder erschien. Ein perfektes Cellospiel wie in der Sonate D-Dur von Michael Corrette hört man sehr selten. Das Barockcello vermittelte mehr Farben, Schmelz und rührende Lyrik. Gerade im "Affetuoso" in leisem Pianissimo bis an die Grenzen der Hörbarkeit getragen, wirkte dies besonders eindringlich. Das abschließende Allegro wurde mit Pracht umgesetzt. Die Strahlkraft moderner Instrumente ersetzte Ariane Spiegel durch Fluss, Engagement und Präzision im Spiel. Sie lieferte den Beweis, dass auch junge Instrumente alten im Klang ebenbürtig sein können.

Johann J. Walther präsentierte mit seiner Sonata (Imitiatione del Cuccu) barockes Naturverständnis. Das Cembalo, mit dem gewählten Lautenzug umschmeichelt mit seiner fülligen, dennoch leisen Nachahmung der Laute die mit Dämpfer gespielte Violine, die ihrerseits über das Kuckucksthema variiert. Kuckucksrufe laufen in schnellen Variationen in der Violine, später auch von einem Instrument zum anderen. Am Schluss stirbt der Kuckuck erschöpft, mit letztem Atem gehaucht so bewegend, dass man gerne die Pause zur Wiederbelebung genießt.

Animierende Sätze

Georg Philipp Telemann zählt zu den großen Barockkomponisten. Das beweist die hohe Kunst in "Tafelkonfekt" in A-Dur sehr eindrucksvoll. Sehr animierende Sätze, ein berührender langsamer Satz und eine frische Gigue spiegeln Telemanns interessantes Leben. Für Bachs französischen Kollegen François Couperin waren die Natur und der Klang der Vögel sehr wichtig. Couperin widmete einer "verliebten Nachtigall" ein Cembalostück.

Im langsamen Tempo erklang die Stimme des Vogels schlicht, wurde später in einer "Double" ornamentiert. Grasmücke und Hänfling kommen ebenfalls in seiner Nachahmung zu Wort. Im schnellen Satz gesellte sich die Violine dazu. Dies schien Couperin für die Darstellung der Hochzeit notwendig. Es handelt sich um hochvirtuose Cembalomusik, die mit Akkorden und Trillern aller Arten brilliert, souverän dargeboten von Gres. Giuseppe Tartini ist mit dem Geigenvirtuosen Paganini zu vergleichen. Für seine Pastorale schreibt er vor, einige Saiten der Violine umzustimmen, um spezielle Klangeffekte erreichen zu können. Wunderbare Stimmungen erzeugte diese skodierte Violine. Es klingt oftmals nach mehrtönigem Spiel, vor allem in den Passagen, wo Dudelsack imitiert wird.

Stellenweise erinnerte dies an irische Volksmusik. Besonders beeindruckten ein sehr kraftvolles Presto, die perfekt gemeisterten Übergänge zwischen den Sätzen und die Kunst die Saiten in irrem Tempo zu streichen und dabei noch einzelne Töne mit der linken Hand zu zupfen.

Ergriffene Zuhörer

Obwohl barock interpretiert, wurden bei langen Tönen vorsichtiges, nie romantisierendes, Vibrato eingesetzt. Das Continuo-Team wuchs über sich hinaus, ohne die Handlungen der Violine einzuschränken. Die Verzierungen sind fein abgestimmt. Wer genau hinhörte, der erfasste Barockmusik vom Allerfeinsten, fußend auf sorgsamem Quellenstudium, hinreißender Interpretation, mit Esprit und Temperament sowie enormer Musikalität versehen.

Die ergriffenen Zuhörer erklatschten sich ein Large von Händel aus einem Orgelkonzert, im Continuo mit "affetuoso" bezeichnet, als Zugabe. Es endete mit den stärksten Momenten des Wurzer Sommerkonzerts: an der Hörgrenze ausgehauchte Schlussakkorde.

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