15.02.2019 - 13:26 Uhr
Eger (Cheb)Deutschland & Welt

Im Innersten des Augenblicks

Die Galerie 4 in Cheb/Eger zählt zu den renommiertesten Ausstellungsräumen Tschechiens. Der Oberpfälzer Künstler Jeff Beer zeigt dort aktuelle Arbeiten. Für ihn selbst ist es eine der wichtigsten Ausstellungen der letzten 30 Jahre.

Jeff Beer, hier vor zwei Werken aus der Serie „Within“, präsentiert im „Art Centrum Galerie G4“ in Eger einen aktuellen Querschnitt seines Schaffens. Zu sehen sind Fotografien, Aquarelle, Skulpturen und Collagen.
von Stefan Voit Kontakt Profil

Schwer atmen die Räume in der Galerie 4, die sich verwinkelt hinter dem Theater befinden. Öffnet man die alte Holztüre und steigt die Treppen in den Ausstellungsraum in den 1. Stock hinauf, drücken alte, dunkle Holzbalken in den Saal, der einst zum angrenzenden Kloster gehörte und als Speicher diente. Hat man sich aber mit der Platzsituation vertraut gemacht, weitet sich plötzlich die Halle und strahlt eine gewisse Helligkeit und Leichtigkeit aus.

Das liegt vor allem an den Arbeiten von Jeff Beer, der bis zum 10. März unter dem Titel "Within - Im Innersten" zum Teil noch nie gezeigte Werke aus den Bereichen Fotografie, Malerei, Skulptur und Collage präsentiert. Wieder einmal erweist sich Beer als Meister des Wahrnehmens, als detailreicher Beobachter, als genialer Arrangeur des Lichts, der das Innerste des Augenblicks ergreift, um es dann auf das Papier zu bringen oder in Eisen zu formen.

Jeff Beer überrascht - immer wieder - mit seinen Fotografien: "Manchmal ist mir, als wüssten die Dinge mehr über mein Leben als ich über sie. Auch das ist für mich Fotografieren. Letztlich ist es wohl die immer neu fotografierte Frage nach dem Mysterium des Sehens." An diesem Mysterium lässt er den Besucher teilhaben, zieht ihn mit in seine Bilder hinein, lädt ein zum Verweilen, zum Versinken, um dann neue Perspektiven, neue Seh- und Interpretationsweisen zu entdecken.

Das beginnt mit der erfolgreichen Serie "Vom Wasser" (seit 2005), von der ein kleiner Ausschnitt in der Galerie zu sehen ist. Sie setzt sich fort in der ganz aktuellen Hecken-Serie "In the Thicket" (2011-2019). Die kleinformatigen Winter-Arbeiten, die an feinste Bleistiftzeichnungen erinnern, zwingen das Auge, sich durch die Verästelungen der Zweige zu kämpfen, nach Auswegen durch das rhythmische Dickicht zu suchen. Die durchkomponierte Formensprache trägt sowohl eine Schwerelosigkeit, als auch eine Melancholie in sich, in der erst der Schnee auf den dürren Ästen wie eine Erlösung anmutet.

Die Serie "Within" zeigt Porträts von Jugendlichen, die Jeff Beer 2013 aufgenommen hat. Die Gesichtszüge dieser Menschen tauchen in ein Meer voller Symbole ein. Gräser, Früchte, Bäume, Kristalle, Instrumente, Knochen, Blätter umranden die Gesichter. Das Innerste wird nach außen getragen - und umgekehrt. So steht nicht das Gesicht im Mittelpunkt, sondern der fast zärtlich anmutende Blick in die Seele, in die Tiefe des Lebens. Die Bilder erzählen Geschichten, von dem, was war und dem, was kommen wird.

Normalerweise zeigt die Galerie nur fotografische Arbeiten, bei Beer wurde das Spektrum aber erweitert. Auch die farbenfrohen Collagen, aus Hunderten von Papierstücken zusammengesetzt lassen die Dichte und Tiefe der Bilder erkennen. Wieder wird der Betrachter gezwungen, genau hinzuschauen, sich auf die musikalische Bildsprache einzulassen. Ein flüchtiges Vorübergehen ist hier nicht möglich. Man muss mit der Visualität arbeiten, um zu sehen und zu begreifen. Man muss sich fallen lassen, sich trauen, um die Musik, die Töne zu hören.

Die Aquarellserie "Enzyklopädie" (2017) strahlt eine angenehme Ruhe aus. Stilllebenartig geben sie Einblicke in das Lebensumfeld des Künstlers. Es ist eine fast intime Reise: Hausflur, Küche, Bad, Scheune. Fast glaubt man, die Räume zu kennen, schon oft dort gewesen zu sein. Da lagert das Holz im Schuppen - und man spürt es atmen; da liegen Bretter am Boden - und man riecht den ersten Schnee; da türmen sich Stühle zu einer Pyramide auf; und man spürt den Druck zwischen den Stuhlbeinen; da steht die Couch in der Küche und man sieht die gemalte Luft.

Neue Raumperspektiven zwischen den knapp 100 gezeigten Arbeiten eröffnen auch die Skulpturen, die als architektonische Partituren zu sehen sind. Streng komponiert und hart erarbeitet, strahlen sie eine Einfachheit aus. Doch der erste Blick täuscht - wie bei allen hier gezeigten Werken von Jeff Beer. Die Wahrnehmung steht hier im Mittelpunkt - und die Auseinandersetzung mit dem Wesentlichen - so, als wären die Dinge lebendig.

Info:

Service

Ausstellung: Jeff Beer „Within – Im Innersten“, Malerei – Fotografie – Skulptur – Collage. Bis 10. März

Ort: Galerie G4 Art Centrum, Františkánské námesti 30/1, 350 02 Cheb/Eger

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

Kontakt: +420/354 422 838

E-Mail: galerie4[at]galerie4[dot]cz

www.galerie4.cz

www.jeffbeer.de

Blick in die Ausstellung. Im Vordergrund die „Rhythmische Komposition 1 – Rêve (Tour de Nymphes) Eisen, 2018.
„Sofa“ (Aquarell, 2017).
„Sept etudes sur la couleur du neige“ (Sieben Etüden über die Farbe des Schnees), Fotografie, 2019 .
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