11.06.2018 - 09:34 Uhr
Deutschland & Welt

Ehemalige innerdeutsche Grenze: Vogtländer wollen Schicksale zeigen

Ganze Dörfer sind den Grenzbefestigungen zwischen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik zum Opfer gefallen. 2019 jährt sich die Grenzöffnung zum 30. Mal. Eine Wanderausstellung soll bisher unveröffentlichtes Material zeigen.

Eine Gedenkstätte erinnert auf dem Gebiet der ehemaligen Ortschaft Hammerleithen, heute Eichigt an die Zwangsaussiedlungen im Grenzland. 1974 verschwand Hammerleithen zusammen mit angrenzenden Orten. 57 Familien waren betroffen, heute gehört das unbewohnte Gebiet zur Gemeinde Eichigt (Vogtlandkreis).
von Agentur DPAProfil

Nichts ist mehr übrig von Hasenreuth, Hammerleithen und manch anderen Orten. Sie lagen im äußersten Südwesten Sachsens. Sie verschwanden, als die Sperranlagen im Grenzstreifen ausgebaut wurden, der ehemals die DDR von der Bundesrepublik trennte. 43 Kilometer im sächsischen Vogtland, die nur auf den ersten Blick nach unberührter Wiesen- und Buschlandschaft aussehen, sagt Eckardt Scharf aus dem vogtländischen Oelsnitz. "Die Grenzbaumaßnahmen haben die Region entscheidend verändert. Siedlungen wurden zerstört, Menschen verloren ihre Höfe, die oft seit Generationen in Familienbesitz waren", fügt der 64-Jährige hinzu.

Seit Jahren geht der Hobbyforscher auf Spurensuche. Seit einiger Zeit arbeitet er zusammen mit zehn weiteren Interessierten und den betroffenen Kommunen an einer Wanderausstellung: Erstmals soll das einstige Grenzgebiet über Fotografien, einen Film und Zeitzeugendokumente für eine breite Öffentlichkeit erfahrbar werden.

Im nächsten Jahr wird alles fertig sein - zum 30. Jahrestag der Grenzöffnung vom November 1989. Zusammen mit Partnerstädten aus Bayern sind rund 20 mobile Aufsteller geplant. Dazu kommt bisher unveröffentlichtes Filmmaterial vom ehemaligen Bundesgrenzschutz in Bayern.

Die wichtigste Zielgruppe der Schau seien die Schulen, erläutert Scharf als Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises des Julius-Mosen-Gymnasiums in Oelsnitz. "Für Jüngere sind die Ereignisse nicht mehr fassbar und zum Teil fast unbekannt." Er hofft auf weitere Zuarbeit aus der Bevölkerung: Private Fotografien der verschwundenen Orte, Postkarten und Dokumente von ehemaligen Grenzbewohnern sollen die bewegte Geschichte bis ins Detail zeigen. "Wir waren selbst überrascht über manche Ansichten früherer Siedlungen."

Unterstützung kommt aus Dresden von Lutz Rathenow, dem Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Rund 13 500 Euro stehen für das Projekt "Grenzenloses Sächsisch-Bayerisches Grenzgebiet" zur Verfügung. Ein größerer Teil kommt aus einer Förderung über den sächsischen Landtag. "Ich finde die Ausstellung besonders wichtig, weil sie die Erfahrungen früherer Menschen an die heutigen Schulen bringen wird", sagt Rathenow.

Die vogtländische Bevölkerung habe die Repressionen des DDR-Staates aufgrund der nahegelegenen Grenze viel eindringlicher erlebt. "Dadurch entstand hier schneller der Wunsch nach Freiheit als an anderen Orten der DDR. Nun gibt es in der Region ein mustergültiges, gesellschaftliches Engagement, den alten Stoff in neuer Form zu vermitteln", sagt Rathenow. Eingebunden in das Projekt sind Lehrer, lokale Forscher, Ausstellungsmacher und der junge Plauener Verein "Vogtland 89", der ebenfalls die Wendezeit aufarbeitet.

Das Interesse am früheren Grenzstreifen bleibe sehr hoch, meint Scharf. Erstmals gemerkt habe er das vor eineinhalb Jahren, als seine Broschüre «Grenztouren im sächsischen Vogtland» erschien. "Die Resonanz war riesig, weit über die Region hinaus. In Sachsen hatte sich noch keiner wirklich um das Thema gekümmert." Inzwischen wurde die Broschüre um das bayerische Vogtland erweitert und liegt in der zweiten Auflage vor.

Ein sogenannter Kolonnenweg führt in die Landschaft. Früher befand sich hier die innerdeutsche Grenze.

Der Schriftsteller und Bürgerrechtler Lutz Rathenow.

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